Bio boomt – nur nicht in Bio-Läden

Der Umsatz mit Bioprodukten hat in Deutschland die Zehn-Milliarden-Euro-Grenze geknackt. Fast jeder Bundesbürger kauft bio. Es profitieren die großen Ketten.

Bio hat sich in Deutschland endgültig vom Randphänomen zur Alltagserscheinung entwickelt. Das zeigt der aktuelle Marktbericht „Die Bio-Branche 2018“ vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Danach sind die Umsätze mit ökologisch erzeugten Lebensmitteln erstmals über die Marke von zehn Milliarden Euro gestiegen.

„Bio ist inzwischen Mainstream und wird von den Verbrauchern nicht mehr hinterfragt, sondern erwartet“, kommentiert Robert Kecskes von der GfK. Schon 98 Prozent der deutschen Haushalte kaufen dem Marktforscher zufolge mindestens einmal pro Jahr ein Bioprodukt. „Bio hat heute eine Käuferreichweite wie Toilettenpapier.“ 

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2017 lag das Wachstum bei rund sechs Prozent. Den größten Anteil am Wachstum hatten dabei Milch- und Molkereiprodukte, dazu Fleisch und das sogenannte Trockensortiment mit beispielsweise Getreide, Müsli oder Nahrungsergänzungsmitteln. Die Marktanteile in den einzelnen Warengruppen steigen dementsprechend.

Spitzenreiter sind hierbei Eier: Schon jedes achte Ei stammt mittlerweile von Biobetrieben. Mehl und Milch wiederum nähern sich der Zehn-Prozent-Marke. Frischgemüse und Speiseöl liegen bei jeweils knapp 7,5 Prozent, dicht gefolgt von Frischobst und Kartoffeln sowie Joghurt und Brot.

Kaum noch Wachstum bei Naturkostfachhändlern

Verkauft werden Bioprodukte mehrheitlich in Supermärkten und Discountern. Schon 59 Prozent der Umsätze stammen aus diesen beiden Vertriebskanälen, heißt es im BÖLW-Report, den der Verband zum Start der weltgrößten Branchenmesse Biofach in Nürnberg vorgestellt hat.

„Insbesondere die Discounter, aber auch die Vollsortimenter weiten ihre Sortimente stark aus“, berichtet BÖLW-Geschäftsführer Peter Röhrig. „Und die Kunden greifen zu.“ Entsprechend stark ist dort auch das Wachstum. Um fast neun Prozent sind die Bioumsätze im kurz LEH genannten Lebensmitteleinzelhandel gestiegen.

Zu spüren bekommen diesen Boom die Naturkostfachhändler, also die Keimzelle der Biobewegung. Ihre Umsätze stiegen 2017 nur noch um gut zwei Prozent auf 2,9 Milliarden Euro. Damit hat sich die Wachstumsrate wie schon im Vorjahr halbiert. In den sonstigen Geschäften, dazu gehören Bäckereien, Metzgereien, Hofläden, Wochenmärkte, der Versandhandel und Reformhäuser, lagen die Erlöse mit rund 1,2 Milliarden Euro sogar leicht unter dem Vorjahr.

Doch der Boom bei Supermärkten und Discountern birgt auch Probleme für die klassischen Händler. Beispiel Rewe: „Wir beobachten enorme Zuwachsraten“, berichtet Dirk Heim, der Bereichsleiter Bio & Nachhaltigkeit bei der Supermarktkette aus Köln. „Beim Biofleisch ist die Nachfrage schon so groß, dass wir ab und zu den Bedarf gar nicht decken können.“

Immer mehr Bauern setzen auf Bio

Rewe schließt daher Heim zufolge strategische Partnerschaften, um eine ausreichende Versorgung mit Bioprodukten sicherzustellen. Mit einem Umsatz von mittlerweile über einer Milliarde Euro ist die Öko-Schiene schließlich ein relevanter Bereich für den Handelsriesen. Noch dazu werden Zielgruppen erreicht, die für eine Supermarktkette extrem wichtig sind: „Vor allem jüngere Leute und Familien mit Kindern, aber auch höhere Einkommensgruppen lassen sich damit ansprechen.“

Diese größer werdenden Absatzchancen animieren zuletzt wieder deutlich mehr Landwirte zu einer Umstellung auf eine ökologische Bewirtschaftung ihrer Höfe. 2017 haben nach BÖLW-Angaben im Durchschnitt fünf Bauern pro Tag ihre Produktion von konventionell auf Bio umgewidmet, damit liegt die Gesamtzahl nun bei knapp 29.200 Betrieben.

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Die Anbaufläche hat sich dabei um etwa 500 Fußballfelder vergrößert – und zwar täglich. Mit zusammen knapp 1,4 Millionen Hektar werden nun 8,2 Prozent der Landwirtschaftsfläche in Deutschland ökologisch bewirtschaftet. „Bio bietet für immer mehr Landwirte eine wichtige Zukunftsperspektive, kommentiert BÖLW-Vertreter Röhrig und nennt unter anderem stabile Preise und verbesserte politische Rahmenbedingungen als Grund.

Gemeint sind zum Beispiel Fördergelder der Bundesländer für die Umstellung auf Biolandwirtschaft. In der Vergangenheit hatten einige Bundesländer keine Zuschüsse mehr gezahlt. „Für die nächsten Monate ist es nun wichtig, dass Bund, Länder und die Europäische Union das neue Bio-Recht sinnvoll ausgestalten“, fordert Röhrig.

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Gut sei schon mal, dass der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD mit 2030 ein konkretes Datum für das Ziel benennt, den Anteil der Bioflächen in Deutschland auf 20 Prozent zu erhöhen.

Bio ist auch ein riesiger Exportmarkt

Denn nicht nur die Eigenversorgung will sichergestellt sein. Auch im Export können Biobetriebe gut verdienen. In Europa nämlich steigt die Nachfrage rasant an, das zeigt eine Auswertung des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau (FiBL) und der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI).

Danach wächst der Markt für Bioprodukte in Europa wiederholt zweistellig. 2016 – das sind die bislang letzten verfügbaren Daten für den europäischen Markt – lag das Plus bei rund elf Prozent. Der Umsatz summierte sich dabei auf immerhin 33,5 Milliarden Euro, wovon alleine 30,7 Milliarden auf die EU-Staaten entfielen.

Spitzenreiter beim Bioeinkauf ist hier Dänemark mit einer Bioquote von 9,7 Prozent, gefolgt von Luxemburg mit 8,6 Prozent und Schweden mit 7,9 Prozent. Dazwischen platziert sich zudem die Schweiz als wichtigster Nicht-EU-Staat mit einer Quote von 8,4 Prozent.

Beim Pro-Kopf-Verbrauch liegen die Eidgenossen mit durchschnittlich 274 Euro sogar vorne – was bei den hohen Lebensmittelpreisen in der Schweiz aber kaum überrascht. Deutschland liegt in dieser Rangliste mit 116 Euro auf Platz sieben hinter Dänemark, Schweden, Österreich, Luxemburg und Liechtenstein.

USA sind der größte Biomarkt der Welt

Doch andere Länder holen auf. In Frankreich, Irland und Norwegen zum Beispiel hat sich der Bioumsatz 2016 um mehr als 20 Prozent erhöht, in Italien und Finnland waren es zwischen zwölf und 14 Prozent. Trotzdem ist die Bioquote dort noch vergleichsweise gering: In Frankreich, wo traditionell viel Geld für Essen ausgegeben wird, sind es 3,5 Prozent, Italien kommt auf drei Prozent und Spanien und Großbritannien liegen sogar nur bei 1,7 beziehungsweise 1,5 Prozent.

Anders die Amerikaner. Die USA sind unverändert der größte Biomarkt der Welt. 38,8 Milliarden Euro gaben die US-Konsumenten 2016 für Biolebensmittel aus, das waren acht Prozent mehr als im Vorjahr. Obst und Gemüse haben dabei mit zusammen 40 Prozent den größten Anteil.

Doch auch dort gibt es erste Versorgungsengpässe, allen voran bei Milchprodukten, Proteinfrüchten und Getreide. Auch wegen der steigenden Nachfrage in Europa, schließlich wird die Ware für die Versorgung der eigenen Bevölkerung gebraucht.

Und das auch auf lange Sicht. Die Experten jedenfalls gehen davon aus, dass sich der Biotrend weiter fortsetzt. „Bio steht immer noch am Anfang“, ist zum Beispiel Götz Rehn sicher, der Gründer des Bio-Labels Alnatura.

Dieser Artikel erschien zuerst auf welt.de.

Bild: Getty Images/Miguel Villagran/Staff. Grafiken: Die Welt

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