Wie die Digitalisierung die Landwirtschaft erreicht

Sensoren im Stall, Drohnen auf dem Acker: Die digitale Revolution hat die Bauern erreicht – und die Technologien dahinter werden für Anleger immer interessanter.

Hühner laufen Körner pickend über den Hof, Kühe grasen auf saftigen Almen, Lämmer tollen auf grünen Wiesen umher – so stellen sich viele Städter auch heute noch das Leben und Arbeiten auf einem Bauernhof vor. Dass das wenig mit der Realität zu tun hat, dürfte inzwischen allerdings auch vielen klar geworden sein. Längst dominieren Megabetriebe die Landwirtschaft, Massentierhaltung, Maschinen.

Doch auch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn derzeit durchläuft die Landwirtschaft eine weitere Revolution, von der Städter bisher kaum etwas mitbekommen haben. Die Digitalisierung hält Einzug auf den Bauernhöfen. Die sogenannte Präzisionslandwirtschaft perfektioniert Anbau und Aufzucht, verbessert die Erträge und steigert die Effizienz: Landwirtschaft 4.0 sozusagen. Das eröffnet vielen Bauern ganz neue Perspektiven, aber vor allem auch einer Reihe von kleineren und größeren Firmen mit neuen Geschäftsmodellen. Viele davon sind börsennotiert und daher auch interessant für Sparer und Anleger.

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Dass die Effizienz der landwirtschaftlichen Nutzflächen noch weiter gesteigert werden sollte, leuchtet dem Mitteleuropäer zunächst nicht unbedingt ein. Schließlich kämpfen hiesige Betriebe eher mit Überproduktion und Überangebot. Doch gleichzeitig wächst andernorts der Bedarf rasant, vor allem in den Schwellenländern. Die Welternährungsorganisation FAO rechnet bis 2050 mit einem Anstieg der Lebensmittelnachfrage um 70 bis 100 Prozent „Und da die Anbaufläche begrenzt ist, glauben wir, dass die Präzisionslandwirtschaft entscheidend dafür sein wird, die Herausforderungen, die sich aus der steigenden Nachfrage ergeben, anzugehen“, schreiben die Analysten der Berenberg Bank in einer aktuellen Studie zu dem Thema.

Roboter für die Ernte

Das Potenzial dazu besteht in der Tat. Denn die Verbreitung von Computern und Handys, Sensoren und Breitbandinternet ermöglicht eine Landwirtschaft, wie sie vor wenigen Jahren noch unvorstellbar war. Kühe können mit Sensoren ausgestattet werden, die permanent ihre Gesundheit überwachen, Drohnen analysieren die Qualität der Wiesen, um den idealen Weidestandort zu errechnen, und Algorithmen planen schließlich den perfekten Zeitpunkt für eine Insemination.

Gleichzeitig können Sensoren vor der Aussaat die Bodenqualität jedes einzelnen Quadratmeters analysieren, Computer leiten daraus ab, wie genau jede einzelne Parzelle in Abhängigkeit von der gepflanzten Frucht gedüngt werden muss, und in Verbindung mit den Wetterdaten wird berechnet, wann der Bereich wie stark bewässert werden sollte. Die Ernte schließlich übernehmen ferngesteuerte oder autonom fahrende Maschinen, die mithilfe von Sensoren nur wirklich reife Früchte abnehmen.

Die Unternehmensberatung McKinsey hat ausgerechnet, dass alleine die Nutzung von Robotern in Schwellenländern 15 bis 25 Prozent der Arbeitskräfte auf dem Land ersetzen könnte, in den Industrieländern wären es immerhin noch fünf bis 15 Prozent. Gerade dort dürfte es dafür großen Bedarf geben, da viele dieser Staaten – allen voran die USA – derzeit die Einwanderung begrenzen und somit oft genau jene Arbeitskräfte wegfallen, die bei der Ernte eingesetzt wurden. Auch die Politik kann diese Entwicklung forcieren. In der EU läuft die Vereinbarung über die Gemeinsame Agrarpolitik bis 2020. Ein Bericht des Europäischen Parlaments über die Möglichkeiten der Präzisionslandwirtschaft erwägt bereits, die Subventionen künftig daran zu binden, dass die Produktivität erhöht wird, insbesondere durch den Einsatz der neuen digitalen Technologien.

Steigende Investitionen in die Branche

Die Industrie macht sich schon bereit für die anstehende Revolution. Der Saatgutriese Monsanto übernahm 2013 für 1,1 Milliarden Dollar The Climate Corporation, ein Unternehmen, das Wetter- und Bodendaten sammelt und auswertet und sie den Bauern für die optimierte Bewirtschaftung ihrer Felder zur Verfügung stellt. Seither rollt die Welle: Der Chemiekonzern Dupont kaufte im August die Firma Granular, die Software für die digitale Organisation landwirtschaftlicher Betriebe vertreibt. Der Traktorenhersteller Deere verleibte sich im September Blue River Technology ein. Die Geräte der Firma können über Sensoren Unkraut auf einem Feld erkennen und Bekämpfungsmittel dann exakt dosiert und ganz gezielt versprühen. Wagniskapitalgeber haben das Potenzial längst entdeckt: Ihre Investitionen in die Branche haben sich seit 2013 verdreifacht.

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Im Bericht des Europäischen Parlaments heißt es, dass sich allein durch Technologien wie jene von Blue River das Verteilen von Herbiziden um 15 bis 18 Prozent verringern ließe – was der Umwelt nützen würde. Ähnlich stark könnten die Einsparungen bei Pestiziden oder auch bei der Traktorennutzung sein, wenn entsprechende Technologien eingesetzt würden. Für die Landwirte liegt darin ein enormes Einsparpotenzial, für die Technologiefirmen wiederum die Aussicht auf satte Umsatz- und Gewinnsteigerungen. Die Analysten der Berenberg Bank haben daher eine Liste von zehn börsennotierten Unternehmen erstellt, die ihrer Ansicht nach das größte Potenzial für die kommenden Jahre haben.

Auf dem Gebiet der Präzisionslandwirtschaft gehören dazu die US-Konzerne Raven Industries, ein Anbieter von IT und Software für den vernetzten Hof, und Trimble, ein Vermarkter von GPS-basierter Technik für die Landwirtschaft. Ebenfalls ganz vorne platziert sehen die Analysten die amerikanischen Landmaschinenhersteller AGCO und Deere. Zu AGCO gehört inzwischen auch die frühere deutsche Marke Fendt, die Ernte-Robotern auch den Zugang auf hiesigen Bauernhöfen eröffnen könnte. Zwei weitere US-Unternehmen aus der Liste der Top Ten beschäftigen sich vor allem mit Verbesserungen in einzelnen Segmenten der Produktionskette: Darling Ingredients entwickelt hocheffektive Futtermittel. Agrofresh Solutions bietet Technologien an, die den optimalen Erntezeitpunkt von Früchten bestimmen und die Reifung bei Lagerung und Transport kontrollieren.

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Schlechte Abdeckung im Mobilfunknetz

Die beiden einzigen europäischen Firmen, die die Analysten herausheben, sind die dänische Novozymes und die norwegische SalMar. Novozymes ist Marktführer beim Vertrieb von Enzymen und Mikroorganismen, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden können und so oft Chemikalien ersetzen. SalMar baut und betreibt riesige Lachs-Farmen auf höchstem technologischen Niveau. Schließlich setzen die Berenberg-Analysten mit Calyxt und Zoetis auf zwei weitere amerikanische Unternehmen, die zwar in einem etwas anderen Bereich tätig sind, der die Landwirtschaft aber ebenfalls revolutionieren kann: Biotechnologie. Calyxt entwickelt genetisch veränderte Pflanzen, beispielsweise glutenreduzierten Weizen. Zoetis stellt Tierarzneimittel und Impfstoffe her.

Ob diese Firmen in den kommenden Jahren tatsächlich ein solch rasantes Wachstum erzielen können, wie Beobachter derzeit hoffen, hängt allerdings ganz entscheidend davon ab, wie schnell die Landwirte die neuen Technologien annehmen. Und oft ist dabei der Wille gar nicht mal die entscheidende Hürde. Viele Bauern stehen schlicht vor technischen Problemen. Gerade in den ländlichen Regionen ist die Abdeckung mit schnellen Mobilfunknetzen schlecht bis gar nicht vorhanden. Das jedoch ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass viele der datengestützten Technologien der Präzisionslandwirtschaft funktionieren. Das EU-Parlament stellt daher in seinem Bericht fest: „Am stärksten dürfte Unterstützung durch die EU in der kommenden Dekade beim Ausbau der fünften Generation des Mobilfunks gebraucht werden.“ Mindestens genauso gefordert ist jedoch die nationale Politik, die das Thema „Digitalisierung“ neuerdings immerhin entdeckt hat. Ob sie dabei aber auch an die Bauern denkt, wird sich erst noch zeigen müssen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Die Welt.

Bild: JEAN-FRANCOIS MONIER / Getty Images

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