Trends, Innovationen und Digitales aus der Lebensmittelbranche

Wie gelingen Innovationen in der Food-Branche?

Wie Diversity und die „Lust am radikalen Experiment“ die Lebensmittelindustrie von morgen formen: ein Schlagabtausch zwischen Experten.

Die Zukunft des Lebensmittelmarktes

Fleisch essen ist unethisch, Plastikverpackungen sind ein No-Go, und wer etwas auf sich hält, bezieht Bio-Obst und Gemüse direkt aus der Region per Gemüsekiste-Abo. Soweit der Status quo unter Foodies in Deutschland. Die wahren Lebensmittelfanatiker sind schon einen Schritt weiter und beschäftigen sich mit Themen wie „Next Generation Food Systems“, „Food-Tech-Knowlogy“, „Food Architecture“ und „De-Processing“. Klingt nach Hipster-Trends, sollte aber die gesamte Menschheit angehen: Denn wie und was wir essen, entscheidet darüber, welchen Planeten wir der nächsten Generation hinterlassen.

Zu einer diesbezüglichen Zusammenkunft der Industriekenner kam es vor kurzem in der Hauptstadt: Gemeinsam mit NGIN Food organisierte die Berliner Strategieagentur Ignore Gravity zum dritten Mal in Folge die Konferenz The Future of Food, um sich unter anderem folgende Fragen zu stellen: Wie sieht die Zukunft des Lebensmittelmarktes aus? Mit welchen Themen beschäftigen sich alteingesessene Unternehmen und Startups, wenn es um die Zukunft des Essens und die des eigenen Betriebes geht?

Seit Anfang an mit dabei: Prof. Dr. Tilo Hühn, der bereits im ersten Jahr auf der Bühne stand. Er ist Dozent im Studiengang Lebensmitteltechnologie und Zentrumsleiter für Lebensmittelkomposition und -prozessdesign an der ZHAW - Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Ein echter Food-Pionier sozusagen. Was ihn mit Ignore Gravity Geschäftsführer Jan Bathel verbindet? Die Liebe zu gutem Essen, digitaler Strategie und Themen, die morgen wichtig sein werden.

In dem Format 49Foodpreneurs arbeiten sie gemeinsam für ihre Vision, die Food-Branche in eine nachhaltigere Zukunft zu führen. Im Interview erzählen sie, warum Diversity und ein Growth Mindset für die Transformation und Innovation des globalen Food-Systems von entscheidender Bedeutung sind.

Ihr habt schon einige Projekt gemeinsam ungesetzt, unter anderem 49Foodpreneurs. Was ist der größte Benefit, der sich aus der Zusammenarbeit zwischen Ignore Gravity und der ZHAW ergibt?

Tilo: Eine Veränderung der Lebensmittelwelt hin zu tragfähigen Systemen kann nur divers und damit aus vielerlei Perspektiven erfolgen. Gemeinsam schaffen wir Schnittstellen zwischen Startups, Unternehmen und der Wissenschaft. So wollen wir Lösungen umsetzen, um dem Dilemma des Agro-Food-Sektors zwischen Profitabilität und Nachhaltigkeit entfliehen zu können.

Jan: 49Foodpreneurs war zunächst ein 16-tägiges Top-Talent-Programm für Lebensmittelingenieure mit Gründungsambitionen. Der Benefit unserer Zusammenarbeit liegt im gemeinsamen Verständnis darüber, dass die Arbeit mit Intra- und Entrepreneuren bei der Person und der Geisteshaltung beginnt, nicht bei ihren Ideen.

Die Themenschwerpunkte der diesjährigen Food-Konferenz waren „Next
Generation Food Systems“ und „Food-Tech-Knowlogy“. Was wird eurer Meinung nach die größte Herausforderung für die Lebensmittelindustrie in Bezug auf die zunehmende Digitalisierung und der damit einhergehenden, sich verändernden Denkweise?

Jan: Wenn man den die Lebensmittelindustrie beobachtet, sieht man, dass ein enormes „De-Processing“ im Gang ist: Das alte Paradigma der eben noch modernen Errungenschaft der industriellen Fertigung beginnt, sich zu verändern, da der digitale Konsument sich konsequent in die Herstellung von Nahrungsmitteln einmischt. Die Lebensmittelindustrie wirkt zunehmend „verdächtig“ und läuft dabei Gefahr, durch Diskussionen um Lebensmittelqualität, oder Herkunfts- und Zusatzstoffdeklarationen Kunden zu verlieren, die bis vor kurzem noch „blind“ alles gekauft haben, was produziert wurde.

Tilo: Neue Generationen mit neuem Bewusstsein fordern neue Wege und neue Geschäftsmodelle. Das Bewusstsein für das Leben innerhalb der Umwelt, der Wunsch nach eigenen Erfahrungen und das Teilen derselben nehmen zu. Marketing-Konzepte des Storytellings werden von jenen des Storysharings abgelöst. Die Möglichkeiten der Produktion und des Vertriebs verändern sich durch die fortschreitende Digitalisierung und bringen disruptive Geschäftsmodelle hervor.

Tilo, was gibst du deinen Studierenden mit, damit sie den Herausforderungen der
Lebensmittelindustrie der Zukunft gewachsen sind?

Wir organisieren Lernanlässe, die es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ermöglichen, sich als Intra- oder Entrepreneure in der Lebensmittelbranche zu entwickeln. Diese Erfahrung beginnt beim Selbstverständnis als Innovator beziehungsweise Innovatorin, und führt über multiperspektivische Impulse und die Realisation eines eigenen Projekts zur Selbstreflexion der erworbenen Fähigkeiten.

Jan, worauf kommt es bei den Führungskräften der Lebensmittelbranche von morgen an? Was sollten sie mitbringen?

Ignore Gravity entwickelt seine Accelerator-Programme um den Kernwert des „Empowerment“: Als zentrales Führungsprinzip von morgen sehe ich erstens die Grundhaltung, seine Partner, Kunden und Netzwerke stetig persönlich, als Team und als Organisation zu stärken und zu fördern. Zweitens zeigt mir meine Erfahrung in der Entwicklung und Durchführung von Top-Talent- und Leadership-Development-Programmen, dass es sich auszahlt, die stete „Lust am radikalen Experiment“ zu pflegen. Und drittens ist das Anleiten von „Diversity“ in Teams oder im Netzwerk ein entscheidendes Grundprinzip einer Führungskraft von morgen.

Tilo, ihr habt euer Konzept der „Food Architecture“ auf der Konferenz vorgestellt. Welches Prinzip steckt dahinter und welche neuen Möglichkeiten eröffnet es?

„Food Architecture – the structure of complex systems“ ermöglicht neue Zugänge zum Agro-
Food-System. Hierbei entwickeln wir Ideen aus Konsumentenperspektive, mit dem Ziel, möglichst nachhaltig und gesund „mehr vom Guten“ aus dem natürlichen Rohstoff verfügbar zu machen, denn echte Wertschöpfung entsteht durch Wertschätzung des Gesamtsystems. Im Bereich der Wertschöpfungsnetzwerke Frucht- und Gemüsesäfte, Wein, Kakao, Kaffee sowie Kräuter und Gewürze konnten wir bereits einen Beitrag leisten. Unsere Architekten und Architektinnen nutzen Technik, verstehen Lebensmittel und können mit Komplexität umgehen.

Was wünscht ihr euch für die weitere Zusammenarbeit?

Tilo: Wir leisten einen Beitrag zur Schaffung belastbarer Systeme im Agro-Food-Bereich durch Prozessentwicklung, Produktentwicklung und Persönlichkeitsentwicklung.

Jan: Ich genieße die gemeinsame Freude daran, dass sich in unseren Programmen Food-Ingenieure mit Köchen, Studenten, Tech-Gründern und Managern treffen, um gemeinsam die neuen Visionen zu entwerfen, auf die Tilo und ich nie kämen. Zusätzlich dazu kochen und essen wir natürlich einfach gerne!

Vielen Dank für das Interview, Tilo und Jan.

Bilder: Atman Production

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