Trends, Innovationen und Digitales aus der Lebensmittelbranche

Warum der deutsche HelloFresh-Chef kein Fan von Flüssignahrung ist

Markus Windisch leitet das Deutschland-Geschäft von HelloFresh. Wir haben ihn gefragt, welche Food-Trends und Startups er interessant findet – und welche nicht.

Wir wollen's ganz genau wissen: Wie sieht die Zukunft der Lebensmittelbranche aus? In der Rubrik „What's Cooking?“ fragen wir die Entscheider der Food-Industrie nach ihrer persönlicher Meinung. Diese Woche: Markus Windisch, Deutschland-Chef von HelloFresh.

  • Name: Markus Windisch
  • Alter: 35
  • Lieblingsessen: Salat in jeglicher Form und Käse, insbesondere Gruyère und Halloumi
  • Unternehmen: HelloFresh
  • Position: Geschäftsführer Deutschland und Österreich
  • Mitarbeiter: Mehr als 2.500 Angestellte in 10 Ländern weltweit, davon rund 500 Mitarbeiter in Deutschland und Österreich
  • Umsatz: Mehr als 900 Millionen Euro weltweit im Jahr 2017

Wie häufig lassen Sie sich im Monat Lebensmittel nach Hause liefern? Wann war das letzte Mal?

Neben meiner HelloFresh Kochbox, die immer dienstagabends kommt, lasse ich mir circa zwei Mal im Monat Lebensmittel nach Hause liefern, vor allem Wasser, Milchprodukte sowie Nüsse und Trockenfrüchte. Ansonsten kaufe ich aber auch viel auf lokalen Märkten oder direkt vom Erzeuger. 

Wer oder was wird den Food-Markt nachhaltiger umkrempeln: Amazon oder der Trend zum Regionalen?

Wie bei so vielen Dingen, kann man das nicht schwarz-weiß beantworten. In der Zukunft werden in Summe sowohl größere Unternehmen – eventuell auch Amazon – als auch kleinere Anbieter den Lebensmittelmarkt mitgestalten. Glücklicherweise ist die Nachfrage nach Lebensmitteln sehr heterogen, regional unterschiedlich und im ständigen Wandel. Ich sehe die Zukunft daher definitiv nicht als ein Entweder-Oder. 

Was bedeutet Digitalisierung für Ihr Unternehmen? Und wie wird das Thema bei Ihnen in die Praxis umgesetzt?

Wir sehen uns als Tech- und als Food-Company. Digitalisierung ist daher ein elementarer Bestandteil unserer DNA. Teile unserer kompletten Offline-Wertschöpfungskette – von der Rezepterstellung bis zum Versand – bauen dabei auf Digitalisierung. Zusätzlich werden natürlich auch sehr viele unterstützende Aktivitäten und Prozesse wie beispielsweise Business Intelligence, Finance, HR und Legal von digitalen Lösungen unterstützt.

Welche Trends aus der Gastronomie beeinflussen Ihr Unternehmen?

Wir verfolgen die lokale und internationale Gastronomie-Szene natürlich sehr aufmerksam. Unsere Rezepte werden immer wieder von Gerichten inspiriert, die unsere Food-Scouts irgendwo auf der Welt probiert haben. Aktuell testen wir beispielweise auch über unsere Marke Froozeo, ob das Thema Smoothies – also gesunde, vitaminreiche und schonend schockgefrorene Zutaten für einen selbstzubereiteten Smoothie – ein Trend sein kann, der sich aus der Gastronomie in die Küchen zu Hause übertragen lässt.

Ein Trend muss grundsätzlich aber eine gewisse Massenmarkttauglichkeit haben, dass er für uns konkret in Frage kommt. Aktuell sind aus meiner Sicht viele der Trend-Themen, die medial aufgegriffen werden, doch nur für bestimmte Nischen relevant.

137 Millionen Mahlzeiten hat HelloFresh 2017 weltweit ausgeliefert

Welches Food-Startup finden Sie aktuell besonders interessant?

Da gibt es eine Vielzahl an interessanten Modellen in Europa oder den USA. Ich persönlich finde den Ansatz von Picnic in den Niederlanden beispielsweise spannend, Onlinehandel auf der Logistik-Seite noch einmal ganz anders zu denken. In Deutschland begeistern mich aktuell vor allem innovative Restaurantkonzepte wie das Ernst in Berlin, die Leute allein wegen des Essens extra nach Deutschland reisen lassen. Das hat es lange nicht gegeben aus meiner Sicht.

Noch macht der Anteil von Online-Einkäufen im Lebensmittelhandel nur etwa ein Prozent der Einkäufe aus. Wie groß wird dieser Anteil in Ihren Augen in zehn Jahren sein?

Ja, in Deutschland ist der Anteil noch recht gering. Andere Märkte wie die USA, Großbritannien, aber auch Skandinavien oder die Niederlande sind da schon wesentlich weiter. Wenn man zusätzlich sieht, wie der E-Commerce-Anteil in Deutschland in anderen Segmenten wie Fashion, Möbel oder auch Tierfutter in den letzten Jahren gestiegen ist, sehe ich keine nachvollziehbaren Gründe, warum dies auch nicht in der größten Kategorie, Lebensmittel, der Fall sein soll. Ich bin daher davon überzeugt, dass die Durchdringung in zehn Jahren bei über 10 Prozent liegen wird. Die Vorteile der Online-Bestellung überwiegen einfach ganz klar und wir bei HelloFresh und andere Unternehmen werden an Lösungen wie Last Mile Logistics und Verpackung arbeiten, um die komplette User-Experience von Online-Food weiter zu verbessern. 

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Auf welche Entwicklung im Lebensmittelbereich freuen Sie sich ganz besonders?

Generell sehe ich drei große Trends, die die Produkte, die wir beziehen und essen und demzufolge auch die Unternehmens- und Restaurant-Landschaft in den kommenden Jahren fundamental beeinflussen werden. Erstens wird das Thema Nachhaltigkeit, also Tierwohl, ökologischer Fußabdruck und Bio immer wichtiger für die Konsumenten werden und somit substantiell die Nachfrage im Markt beeinflussen. Zweitens sehe ich eine fortschreitende Technologisierung in der Landwirtschaft als wichtige Entwicklung, also eine bessere Nutzung der vorhandenen Ressourcen. Ein dritter Trend, den ich sehe, dreht sich um das Thema Direktbezug von Lebensmitteln, also Farm-to-Plate und der Wegfall von Händlern oder Wiederverkäufern aus der Lieferkette.

Alle drei Entwicklungen sehe ich tendenziell positiv, da sie nicht nur die komplette Industrie nachhaltiger und effizienter machen werden, sondern insbesondere dafür sorgen, dass wir bessere, ökologischere und am Ende auch preiswertere Produkte beziehen können.

Wovon werden wir uns Ihrer Meinung nach in 50 Jahren ernähren?

Hoffentlich nicht von Flüssignahrung und Surrogaten, da dies die komplette soziale Komponente des Essens und den Genussaspekt ad absurdum führen würde. Ich denke, es wird sowohl einen Trend hin zu mehr Direktbezug vom Erzeuger als auch zu einer Verschiebung innerhalb der Ernährungspyramide weg von Fleisch und raffiniertem Zucker geben. Wir werden also weniger verarbeitete Lebensmittel, weniger Fleisch und weniger Zucker essen. Zusätzlich werden sich die Grenzen zwischen den regionalen Küchen der Welt weiter aufweichen.

Bilder: HelloFresh

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