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„Ich habe beruflich noch nie etwas Schlimmeres erlebt“

„Wir haben aber auch gemerkt, dass wir beide zusammen in Projekten gut funktionieren“, sagt Rümmele. „Also ist es für uns zu einem ,Wie kommen wir da wieder raus'-Projekt geworden.“ Man habe jeden Geschäftspartner einzeln angerufen und sei dabei auf überraschend viel Verständnis gestoßen. Einige hätten sogar weiterhin Waren geliefert. Nicht ganz so viel Glück hatte Rümmele allerdings mit ihrer Bank: „Meine Hausbank hat beinahe panisch reagiert und mir mein Privatkonto gekündigt. Das konnte ich kaum fassen.“ Und auch ihr Steuerberater habe sich von den beiden zurückgezogen. „Er hat uns fallen lassen wie eine heiße Kartoffel.“

Lycka-Gründer: „Wir hatten totales Chaos“

Pleiten, Burnouts und ein Genickbruch. Der Lycka-Gründer erzählt im „Schöner Scheitern“-Interview von seinen Fuckups und wie er einen Investor zur Unterschrift zwang.

Im Gespräch mit anderen Gründern habe sich allerdings gezeigt, dass viele mit ähnlichen Problemen und Erfahrungen kämpfen. „Gesprochen wird übers Scheitern und das, was dann auf einen zukommt, allerdings noch immer kaum“, sagt Rümmele. Dabei existieren von zehn Startups, die gegründet werden, nach fünf Jahren nur noch fünf, schätzt der Bundesverband Deutsche Startups. Genaue Statistiken gebe es allerdings nicht. Dass kaum übers Scheitern gesprochen wird, wollen Bozoukova und Rümmele ändern — unter anderem auf verschiedenen Events wie den Fuckup Nights, bei denen sie von ihren Erfahrungen berichten.

„Es dauert alles länger, als man denkt, und es wird alles teurer, als man denkt“

Für diejenigen, die übers Gründen nachdenken, haben beide Ratschläge. „Such dir auf jeden Fall einen sehr guten Partner“, sagt Bozoukova. „Allein ist das ziemlich hart.“ Auch was die Finanzen angeht, sollten Gründer vorsichtig sein. „Privat zu bürgen, ist meist keine gute Idee, wenn es sich nicht um einen überschaubaren Betrag handelt“, so Bozoukova. Dafür gebe es inzwischen einige bessere Alternativen, wie Venture Capital oder Business Angels. „Lieber mehr Anteile abgeben und ,smart money' ins Boot holen. Investoren sollte man allerdings mit Bedacht auswählen“, erklärt Rümmele. Die Expertise eines guten Investors sei auf jeden Fall nicht zu unterschätzen. Und: „Viele Startups sind einfach zu demütig, dabei tragen sie das größte Risiko und haben die guten Köpfe.“ 

Ein wohl entscheidender Punkt, den beide gelernt haben: „Es dauert alles länger, als man denkt, und es wird alles teurer, als man denkt“, sagt Rümmele. „Man muss immer wieder dem worst case ins Auge blicken.“ Wo sind die Risiken? Wo die Schwachpunkte? Darüber sollten sich Gründer permanent Gedanken machen. „Zu oft ist man als Gründer in einem Tunnel und verliert das aus den Augen.“

Beide hoffen, dass sich die Kultur des Scheiterns in Deutschland noch weiterentwickelt. „Es geht langsam voran, gerade in der jungen Generation“, sagt Bozoukova. „Die Zeiten der linearen Lebensläufe sind vorbei, wir haben sogar Jobangebote für das Management anderer Startups bekommen.“ Rümmele arbeitet inzwischen als Unternehmensberaterin, Bozoukova ist Chief Operating Officer eines Start-ups und außerdem Immobilien- und Finanzvermittlerin für junge Unternehmen. Ein Teil der Schulden aus der missglückten Gründung wird beide allerdings noch eine Weile begleiten. Für Rümmele ist nach der gescheiterten Gründung klar: „Ich würde nie mehr in der operativen Gastronomie gründen. Aber woanders hätte ich diese wertvollen Erfahrungen nie gesammelt.“ 

Dieser Artikel erschien zuerst auf Business Insider Deutschland.

Bild: What the Food

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