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„Die Kündigung war ein Schock“ – was jetzt aus den Deliveroo-Fahrern wird

Mit dem Aus von Deliveroo verschwinden auch die Fahrer von den deutschen Straßen. Das Geschäftsmodell des Unternehmens wird für sie zum großen finanziellen Nachteil.

Schon seit dem vergangenen Jahr war Deliveroo nur noch in den fünf größten deutschen Städten vertreten, jetzt folgte der völlige Rückzug aus Deutschland. Mindestens 1.000 sogenannte Rider haben am Wochenende ihren Job verloren. Wie viele genau es sind, dazu gibt es keine offiziellen Angaben.

Zu ihnen gehört Jacek, der zweieinhalb Jahre für Deliveroo in Berlin gearbeitet hat. Den Job ging er neben seinem Studium abends und am Wochenende nach, er war sein Haupteinkommen. Weil sein Studium nun aber fast zu Ende ist, will er sich keinen weiteren ähnlichen Job mehr suchen.

Deliveroo-Fahrer bekamen bis zu sechs Euro pro Bestellung

Am Anfang war Jacek noch fest angestellt. Vor rund zwei Jahren hat Deliveroo jedoch allen angestellten Ridern gekündigt. Die Fahrer konnten nur noch als Selbstständige weiterarbeiten. Jacek musste ein Gewerbe anmelden und Rechnungen an Deliveroo schicken.

Ob sich sein Einkommen dadurch verändert habe, könne er nicht sagen, vor allem weil Ausgaben wie die Steuer nur einmal im Jahr anfallen. Trotzdem habe er besser verdient als in anderen Jobs. Auch zu einem anderen Lieferdienst wollte Jacek damals nicht wechseln, weil er die Restaurants und viele Kunden von Deliveroo gut kannte. „Es war einfacher, da zu bleiben, weil ich Erfahrung damit hatte, wann und wo man am besten arbeitet“, sagt er. „Ich konnte mein Leben so mit etwa 20 Stunden Arbeit pro Woche finanzieren.“

Er wusste, in welchen Schichten und welchen Stadtteilen sich am meisten Geld verdienen lässt. Je nach Entfernung hätten die Deliveroo-Fahrer bis zu sechs Euro pro Bestellung erhalten. Zu den besten Zeiten konnte er bis zu 20 Euro pro Stunde verdienen – Trinkgeld eingerechnet. „Wer viel gearbeitet hat, hat aber durchschnittlich weniger verdient, weil da auch schlechtere Schichten dabei sind“, erklärt Jacek.

Warum niemand Deliveroo vermissen sollte

Der Essenslieferdienst verlässt Deutschland. Dass das kein Grund zur Trauer ist, sieht man daran, wie Deliveroo den Schritt kommuniziert und seine Mitarbeiter behandelt hat.

„Der Job ist gefährlich“

In der ersten Zeit habe ihm sein Job und das Fahrradfahren Spaß gemacht. Er war neu in Berlin und konnte so die Stadt kennenlernen. „Es wurde aber schnell anstrengend, langweilig und ermüdend. Man muss auch ziemlich viel essen, um Kraft zu haben“, bemängelt der ehemalige Deliveroo-Fahrer.

Die Rider tragen zudem ein großes Risiko durch Unfälle mit sich. „Der Job ist gefährlich“, sagt Jacek. Bei einem Unfall erlitt er eine Gehirnerschütterung und konnte mehrere Tage nicht arbeiten. „In dieser Zeit hatte ich Probleme, meine Miete zu bezahlen“, erzählt er. Als Selbstständiger sind Krankheit und Urlaub unbezahlt.

Zudem habe Deliveroo systematisch versucht, die Mitarbeiter zu disziplinieren. „Wer zu viele Aufträge abgesagt hat, bekam nicht mehr die Schichten, die er wollte. Die kriegte man nur, wenn man fast alle Aufträge annimmt“, kritisiert Jacek. Die Kündigung war für ihn trotzdem ein Schock: „Die Rider haben es nur wenige Tage vor dem Ende erfahren.“

Nach dem Deliveroo-Aus könnte es für die Kunden teuer werden

Der deutsche Markt für Essenslieferdienste wird immer mehr zum Monopol. Weil Deliveroo sich hierzulande zurückzieht, kontrolliert Wettbewerber Takeaway fast allein die Preise.

„Nach mehr als zwei Jahren bekomme ich gerade mal 200 Euro von Deliveroo“

Deliveroo versprach „angemessene Vergütungs- und Kulanzpakete“ für die Mitarbeiter. Eine „Geste des guten Willens“ sei das, heißt es in dem Kündigungsschreiben an die Fahrer, das Business Insider vorliegt. Dazu gehört eine einmalige freiwillige Zahlung in Höhe von zehn Tagesvergütungen, die nach der durchschnittlichen Vergütung in den zwölf Wochen vor dem 3. August 2019 berechnet werden, heißt es darin.

In dieser Zeit waren aber in vielen Städten Sommerferien — und viele Rider wie Jacek im Urlaub. „Und wer trotzdem gearbeitet hat, hat oft weniger verdient, weil die Kunden auch im Urlaub waren“, sagt der Ex-Deliveroo-Mitarbeiter. „Nach mehr als zwei Jahren bekomme ich jetzt gerade mal 200 Euro von Deliveroo.“ Er will rechtlich gegen die Kündigung vorgehen, weil er davon überzeugt ist, dass er bei Deliveroo als Scheinselbstständiger beschäftigt war.

Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hat diese Ansicht. Deliveroo bietet den Ridern eine weitere Vergütung über zwei Wochen nach gleicher Berechnung an, wenn der Rider das Kündigungsschreiben unterschreibt. „Da wir als Gewerkschaft NGG nach wie vor von einer Scheinselbstständigkeit ausgehen, empfehlen wir unseren Mitgliedern dieses Schreiben nicht zu unterzeichnen und stattdessen eine Kündigungsschutzklage einzureichen“, teilt ein Sprecher Business Insider mit. Gemeinsam mit einigen Mitgliedern werde die NGG in einem Parallelverfahren eine Feststellungsklage auf Scheinselbstständigkeit beim Arbeitsgericht Berlin einreichen.

Lieferando und Lime interessieren sich für Deliveroo-Fahrer

Lieferando zeigt bereits Interesse an den Ridern vom ehemaligen Konkurrenten Deliveroo. Ein Sprecher des Mutterunternehmens Take away teilt uns dazu mit: „Als schnell wachsendes Unternehmen würden wir Rider, Mitarbeiter und Restaurants bei Lieferando willkommen heißen. Unsere Kuriere sind fest angestellt, versichert und werden in den meisten Städten mit E-Bikes ausgestattet.“

„Lieferando hat bereits erste Angebote für Übernahmen unterbreitet“, sagt der Sprecher von der NGG. „Alle Rider werden dort jedoch nicht unterkommen können.“ Auch der E-Scooter-Anbieter Lime und das Kurierkollektiv Radkurier24 versuchen in den sozialen Medien, die Deliveroo-Rider anzuwerben.

Berliner Deliveroo-Fahrer starten neuen Lieferdienst

Andere Rider wollen ihren ganz eigenen Weg gehen. Christopher hat ein dreiviertel Jahr im Nebenberuf bei Deliveroo gearbeitet. Für ihn ist Fahrradfahren ein Hobby. „Es gibt mir Freiheiten und ich mag den Lebensstil“, sagt er. Eine Festanstellung bei einem anderen Kurierdienst kommt für ihn nicht in Betracht, auch weil er dabei weniger verdiene. Trotzdem kritisiert er die Arbeitskonditionen bei Deliveroo, auch die fehlende Transparenz und Kontaktmöglichkeiten zum Unternehmen.

Nach dem Aus von Deliveroo wollen er und etwa 30 weitere ehemalige Rider eine Kooperative gründen, die auch Essen ausliefert. Details zum weiteren Vorgehen könne er aber noch nicht bekannt geben. Als eine Art Performance Act haben sie am Wochenende schon mal einen Lieferdienst namens Kolyma 2 aus der Taufe gehoben, mit eigener Webseite und zwei angeschlossenen Berliner Restaurants.

Ex-Fahrer von Deliveroo haben ihren eigenen Lieferdienst gestartet

Was tun, wenn der Arbeitgeber das Land verlässt? Selbst gründen. So wie ein paar ehemalige Deliveroo-Kuriere, die in Berlin ihre eigene Lieferfirma aufziehen wollen.

Auch Christopher wurde bereits bei einem Unfall Anfang Juli verletzt. Er versucht seit dem Unfall, Geld von der Berufsgenossenschaft zu erhalten. Das sei aber viel Papierkram. „Für jemanden, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist, dürfte das kaum zu machen sein“, sagt Christopher.

Zudem sei er dadurch beim Good-Will-Payment benachteiligt. „Vier der zwölf Wochen werden bei mir nicht angerechnet“, so der Ex-Deliveroo-Rider. Das Kündigungsschreiben habe er noch nicht unterschrieben, werde das aber wohl noch machen. Existenzängste muss er zwar wegen seinem Hauptberuf nicht haben. „Andere haben jetzt aber nur noch das Geld für einen Monat Miete und dann war es das“, berichtet er.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Business Insider Deutschland.
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Bild: Getty Images / Dan Kitwood

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