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Neues Angebot, keine Lieferung: Heftiger Shitstorm für von Floerke

Im Oktober beschloss der Modehändler, auch Spirituosen und Kaviar in seinen Onlineshop mitaufzunehmen. Von Floerkes Richtungswechsel sorgt für Ärger.

Seit vier Jahren verkauft das Bonner Startup von Floerke hochwertige Hemden, bunte Socken und Krawatten für Männer. Die Produkte waren in Kaufhäusern gelistet, von Floerke eröffnete eigene Boutiquen und setzte Millionen um. Das Bonner Unternehmen galt als eines der Vorzeigebeispiele der TV-Show „Die Höhle der Löwen“. Bis jetzt.

Die Umsätze seien im ersten Quartal 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nur im einstelligen Prozentbereich gewachsen, so Gründer David Schirrmacher gegenüber Gründerszene. Von Januar bis Oktober dieses Jahres erwirtschaftete das Unternehmen nach eigenen Angaben fünf Millionen Euro. Profitabel war von Floerke bisher nicht. Da ihm das Geschäft mit Warenhausketten zu unsicher sei, so David Schirrmacher, habe das Startup Anfang des Jahres beschlossen, seinen Schwerpunkt auf das Onlinegeschäft zu verlagern.

Um seine Umsätze weiter steigern zu können, habe sich der Von-Floerke-Gründer Anfang Oktober zudem entschlossen, günstige Spirituosen und Kaviar in sein Sortiment aufzunehmen. Die Idee sei dem 26-Jährigen spontan gekommen und in weniger als einer Woche umgesetzt worden, sagt er. Die Alkoholika vertreibt der Bonner Onlinehändler über seinen eigenen Shop. Auf verschiedenen Dealplattformen startete von Floerke zudem Sonderaktionen. 

„Sowas hat auf dem Markt nichts verloren“

Rund vier Wochen nach Verkaufsstart warten allerdings noch immer Kunden auf ihre hochprozentigen Waren. In diversen Foren, Facebook-Kommentaren und auf Bewertungsplattformen lassen zahlreiche Nutzer Dampf ab. Sie hätten die Produkte bereits bezahlt, bekommen aber keine Auskunft über den Verbleib der Bestellung. Einige Kunden berichten von Versandbestätigungen, wonach die Produkte allerdings nie an den Logistikdienstleister übergeben wurden. Von Floerke wird mehrfach als „unseriös“ und „betrügerisch“ bezeichnet. „Sowas hat auf dem Markt nichts verloren“, schreibt ein Nutzer auf Facebook. Es werde eine Sammelklage vorbereitet, heißt es an anderer Stelle.

Schirrmacher erklärt das Chaos gegenüber Gründerszene damit, dass er nicht auf die hohe Nachfrage vorbereitet gewesen sei. Er habe zu wenig Ware eingekauft, die Lagerhallen seien zu klein für die vorbestellten Paletten gewesen, es sei kaum Verpackungsmaterial vorhanden gewesen und er habe nicht genügend Mitarbeiter, die sich um Logistik und Kundensupport kümmern sollten. Das bestätigt auch Investor Frank Thelen auf Nachfrage von Gründerszene. Der Investor hat sich 2015 an von Floerke beteiligt und hält aktuell 16 Prozent. Thelen wurde vorher nicht eingeweiht, sondern habe erst durch den Newsletter Anfang Oktober vom Richtungswechsel erfahren, gibt Schirrmacher zu.

Die Schnäppchen-Plattform MyDealz hat von Floerke vorerst gesperrt. Die Betreiber verdächtigen Schirrmacher, gemeinsame Geschäfte mit dem Shopbetreiber Christian Lutz Schoenberger zu betreiben und haben den von-Floerke-Gründer gebeten, „dies zu negieren“. Gegen Schoenberger gab es seit 2012 Verfahren. Über Webseiten wie Stardrinx.de sollen Kunden günstige Alkoholika bestellt und bezahlt, aber ihre Ware nie erhalten haben, seinen Shop hat er auf Portalen wie Groupon beworben. Schirrmacher streitet jegliche Verbindungen zu Schoenberger ab.

40.000 Bestellungen seien seit Mitte Oktober bei von Floerke eingegangen, 15.000 habe das Startup bisher verschickt. „Auf dem Niveau hätten wir nicht planen können“, so Schirrmacher zu Gründerszene. Die Getränke beziehe er von Großhändlern, die letzte Lieferung habe der Bonner Onlineshop von einem Unternehmen aus Österreich bekommen. Namen nennt der Gründer nicht. Um die Masse bedienen zu können, musste von Floerke auch Ware teurer einkaufen. Binnen zwei Wochen habe das Startup seine Logistik überarbeitet, die Mitarbeiter für den Kundenservice aufgestockt. Die Lieferungen würden sich verzögern, weil auch der Händler aus Österreich seine Produkte verspätet ausgeliefert habe, so der 26-Jährige. Weil der Gründer zunächst davon ausging, dass die Lieferung pünktlich kommt, habe er Kunden bereits in der vergangenen Woche fälschlicherweise eine Versandbestätigung geschickt.

Eine halbe Million Euro Notfallkredit

Payment-Dienstleister wie Klarna, Amazon Pay und Paypal haben die Von-Floerke-Konten mehrere Tage eingefroren, sodass Stornierungen nicht bearbeitet werden konnten, so der CEO. Eine Sparkasse habe dem Startup daher einen Notfallkredit von 500.000 Euro gegeben. Paypal habe die Rechnungen mit den Großhändlern ausführlich geprüft und wolle das Konto kurzfristig wieder reaktivieren, so Schirrmacher. Das Unternehmen will sich aus Gründen des Datenschutzes und Bankgeheimnisses nicht zu dem Fall äußern. Mehr als acht Prozent hätten Widerruf eingelegt, sagt der CEO.

Allein im Oktober habe von Floerke nach eigenen Angaben rund 2,5 Millionen Euro umgesetzt. Im November sollen es bis zu 3,5 Millionen Euro werden. Mit seiner Mode habe das Startup nur knapp ein Fünftel verdient, der Rest sei über den Getränkehandel gekommen. Für den Großteil der Alkoholika bekomme der Bonner Unternehmer eine Marge von etwa 30 Prozent, bei einigen Lockangeboten müsse von Floerke wiederum bis zu einen Euro ins Minus gehen. Die hohen Margen seien auch ein Grund für Schirrmacher, weiter im Geschäft zu bleiben: Er sieht im Verkauf von Lebensmitteln und Spirituosen einen großen Markt und will künftig auch Eigenmarken anbieten, erzählt er. 

Hat der Bonner CEO aus seinen Fehlern gerlernt? „Ich würde nichts anders machen.“

Bild: von Floerke

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