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Wird Kaffee aus Vitalpilzen das neue Hipster-Getränk?

Lange kannte man Vitalpilze nur in der chinesischen Medizin – jetzt bieten Cafés in LA damit angereicherten Kaffee an. Was steckt hinter dem potentiellen Superfood?

Mushroom Coffee – das klingt nach einem berauschenden Drink aus Amsterdam. Hinter dem Getränk, das kalifornische Cafés derzeit anbieten, steckt aber etwas anderes: Kaffee, der mit Pilzen aus der traditionellen chinesischen Medizin angereichert ist. „Stimmungserhellend“ und „revitalisierend“ solle so ein Pilzkaffee wirken, heißt es auf der Website des Cafés Lifehouse Tonics in Los Angeles.

Reishi, Agaricus oder Chaga heißen die dem Kaffee zugefügten Pilze. In Deutschland fasst man sie unter dem Begriff Vitalpilze zusammen. Im Gegensatz zu Speisepilzen, schreibt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), sind sie für den normalen Verzehr ungeeignet. Dafür sollen die Asia-Pilze zu bitter sein. Hersteller bieten sie daher getrocknet und zu Pulver gemahlen an – das kann man sich dann zum Beispiel in den Kaffee rühren, was die Bitterkeit überdecken soll.

Krebsmedikament und Aphrodisiakum: Allzweckwaffe Vitalpilz?

Ein Vorteil der Vitalpilze: Sie reduzieren den Säuregehalt des Kaffees. Darüber hinaus werden ihnen aber auch „gesundheitliche Wirkungen“ nachgesagt. So zumindest drückt es Heilpraktiker Georg Zillkes aus, der Reishi und Co. in seinem Onlineshop vertreibt. „Der wichtigste Bestandteil der Gewächse sind Polysaccharide, die das Immunsystem anregen“, erklärt der Berliner. So könne eine einmonatige Einnahme des Agaricus-Pilzes helfen, sich gegen Grippe zu schützen. Andere Vitalpilze sollen den Blutzucker senken, der Sorte Cordyceps werde gar eine aphrodisierende Wirkung zugeschrieben.

So sieht ein Mushroom Coffee bei Lifehouse Tonics aus

So sieht ein Mushroom Coffee bei Lifehouse Tonics aus

Zwar sind im Internet noch weitere beeindruckende Fähigkeiten zu finden – Vitalpilze sollen jung halten, die Konzentration steigern und bei der Tumorbehandlung unterstützen –, Zillkes hält sich bezüglich der gesundheitlichen Wirkung der Pilze jedoch lieber bedeckt. Mit Wirk- und Heilversprechen dürfen in Deutschland nämlich nur Arzneimittel beworben werden – und als solche gelten Vitalpilze hierzulande nicht. In anderen Ländern, Japan etwa, sieht es anders aus: Dort sind Vitalpilze als offizielles Krebsmedikament zugelassen.

Mehr Nischenprodukt denn Superfood

Zilke glaubt an das Potential der Vitalpilze – daran, dass sie zum Trend-Superfood werden, zweifelt er aber. „Eigentlich kennt man Vitalpilze schon relativ lange und durchgesetzt haben sie sich bisher noch nicht“, sagt er. Derzeit fristen die Pilze ein Dasein als Nischenprodukt. Veganer etwa verwenden sie wegen ihres Vitamin B12-Gehalts als Nahrungsergänzungsmittel. Allerdings haben das wachsende Gesundheitsbewusstsein der Menschen und der damit verbundene Wunsch nach besonders nahrhaften Lebensmitteln schon anderen einst unpopulären Lebensmitteln zum Superfoodstatus verholfen – etwa dem Grünkohl.

Marktforscher sagen zumindest dem Chagapilz für dieses Jahr wachsende Bekanntheit voraus. Das finnische Startup Four Sigmatic verkauft ihn bereits seit 2012 in Form eines Instant-Kaffeegetränks. Dass Vitalpilz-Produkte in Deutschland bisher noch selten sind, könnte mitunter an der Novel Food-Verordnung liegen: Lebensmittel, die vor dem 15. Mai 1997 in der EU nicht in nennenswertem Umfang verzehrt wurden, müssen einer Prüfung unterzogen werden, bevor sie in den Handel kommen. Laut Verordnung zählen dazu „Lebensmittel aus Mikroorganismen, Pilzen oder Algen“ – demnach also auch Vitalpilz-Produkte. Das BVL spricht sich sogar für eine noch intensivere Prüfung aus. In einer Stellungnahme heißt es, Vitalpilze könnten als Arzneimittel eingestuft werden oder „aus sonstigen Gründen den Anforderungen des Lebensmittelrechts nicht genügen“. Entsprechende Untersuchungen wurden bisher aber nicht durchgeführt. 

Cafés wie das Life House Tonics existieren hierzulande noch nicht – obwohl ein Mandelmilch-Reishi-Frappé im To-Go-Becher auch Berliner Hipstern schmecken dürfte. Mehr Sinn, als ein Treffpunkt für Gesundheitsbewusste zu sein, dürften solche Läden aber ohnehin nicht haben, glaubt Zillkes: Nur ab und zu einen Vitalpilzkaffee zu trinken habe keine gesundheitlichen Vorteile. Und, wie er hinzufügt: „Eine berauschende Wirkung haben die Vitalpilze auf jeden Fall nicht“.

Bild: Getty Images / JOHANNES EISELE / Staff / BILD IM TEXT: INSTAGRAM / LIFEHOUSE TONICS

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