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Haben diese Gründer die nächste Wunderpille entwickelt?

Die Gründer des Startups Veluvia komprimieren Obst und Gemüse, damit es in kleine Kapseln passt. Das Geschäft läuft: Bei den Gründerszene Awards belegen sie Platz 2.

„Das machen wir jetzt, bis der Oberschenkel zittert“, sagt Jörn-Marc Vogler. Er dirigiert in die Yoga-Pose „Krieger eins“. Ausfallschritt, Arme nach oben gestreckt, Kopf nach vorn gerichtet. Bei einem Blick auf Vogler und seine Frau Grazia de Francesco wird klar: Bei den beiden wird so schnell nichts zittern. Das Ehepaar macht seine Yoga-Übungen bis zu viermal pro Woche. Bei schönem Wetter rollen sie ihre Matten im Stadtpark aus, heute ist der Himmel allerdings wolkenverhangen. An solchen Tagen wechseln die beiden lieber in einen Edel-Fitnessclub im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst, der seine Mitglieder bis zu 150 Euro im Monat kostet.

2015 gründeten Jörn-Marc Vogler und Grazia de Francesco gemeinsam mit deren Schwester Beatrice die Firma Veluvia, mit der sie Vitaminkapseln auf Basis von Obst- und Gemüsepulver verkaufen. Die Gründer sind überzeugt von ihren Produkten – Vogler sogar so sehr, dass er jeden Tag das gesamte Sortiment an Pillen einnimmt, wie er zwischen zwei Yoga-Posen erzählt. 18 kleine Kapseln landen so täglich in seinem Magen. Sie tragen Namen wie „Balance“, „Beauty“ und „Energy“. Tatsächlich wirkt Vogler deutlich jünger als die meisten 46-Jährigen. Seine Boyband-Frisur ist noch kein Stück ergraut, die sommersprossige Haut braun gebrannt, die Zähne auffallend weiß. Unter seinem eng anliegenden Sport-Shirt zeichnen sich deutlich die Muskeln ab. „Vor zehn Jahren habe ich mich älter gefühlt als jetzt“, sagt er nicht ohne Stolz.

DIE GRÜNDERSZENE AWARDS

Gründerszene kürt in diesem Jahr erneut die am schnellsten wachsenden Digitalunternehmen Deutschlands. Es werden die 50 Firmen mit dem besten Wachstums-Score ausgezeichnet. Das gesamte Magazin mit allen Teilnehmern und Artikeln könnt Ihr hier herunterladen.

Aber liegt das wirklich an den Kapseln? „Es sind keine Wunderpillen“, relativiert Gründerin de Francesco. Sie und ihr Mann haben gerade die Übung Sonnengruß beendet, nun bindet die 41-Jährige ihre braunen Haare zu einem neuen, straffen Zopf. „Ich nehme eine Kapsel und bin schön – so funktioniert es nicht“, sagt sie entschieden. Die Einnahme der Veluvia-Kapseln helfe vielmehr, dem Körper alle Nährstoffe zu geben, die er braucht. Neben Vitaminen stecken in den Kapseln auch Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe aus bestimmten Gemüse- und Obstsorten.

Die Sorte „Beauty“ enthält etwa Aloe Vera und Goji-Beeren; Zutaten, die für schönere Haut sorgen sollen. In den schlammbraunen „Energy“-Kapseln verstecken sich unter anderem Chili und Heidelbeeren – wie alle Veluvia-Zutaten schockgefrostet und pulverisiert. Das Volumen der Früchte verringert sich dadurch massiv. Aus 100 Gramm frischem Apfel würden etwa ­15 Gramm Pulver, sagt Vogler. Dank dieser Technik könne man das Gute aus einem Kilo Obst und Gemüse in zwei Kapseln stecken.

Nur Placebo?

Die Gründer betonen gern, dass ihre Nahrungsergänzungsmittel nur pflanzliche Zutaten enthalten. Als sie Veluvia starteten, sei das ihr oberstes Ziel gewesen, sagen sie. 18 Monate arbeiteten Vogler und de Francesco mit Ökotrophologen und Wissenschaftlern an Rezeptur und Produktionstechnik. Heute bescheinigt ihnen der TÜV regelmäßig, dass ihre Kapseln frei von Chemie, Zusatzstoffen und Gentechnik sind.

02 – Veluvia

Score: 76,97 (CAGR: 838%)
Gründungsjahr: 2015
Firmensitz: Hamburg
Branche: Food
Webseite: www.veluvia.com

Kritik widerfährt dem Paar trotzdem. Die Verbraucherzentrale Hamburg schreibt auf ihren Seiten etwa, statt einer Tagesportion Obst und Gemüse enthielten die Veluvia-Kapseln nur „Mikromengen“. Auch Dr. Martin Smollich, Ernährungsmediziner und Mitglied der deutschen Arzneimittelkommission, äußert sich kritisch. Das Produkt „Veluvia Green“ etwa enthalte zwar echten Brokkoli – in einer ganzen Monatsration der Kapseln stecke aber nur ein einziges Brokkoliröschen.

„Mehr als einen Placeboeffekt können die Veluvia-Kapseln nicht haben. Dazu sind die enthaltenen Fruchtpulvermengen viel zu gering“, so der Experte. Darüber hinaus fehle es den meisten Deutschen ohnehin nicht an Vitaminen und Mikronährstoffen. „Wer sich durchschnittlich ernährt, hat keinen Mangel und braucht daher keine Nahrungsergänzungsmittel.“

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