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Was das EuGH-Urteil zu Gentechnik für Food-Startups bedeutet

Produkte, die mit sogenannter Neuer Gentechnik verändert wurden, müssen gekennzeichnet werden, urteilt der Europäische Gerichtshof. Was heißt das für Startups?

Das oberste europäische Gericht setzt der sogenannten Neuen Gentechnik zur Veränderung des Erbguts von Pflanzen enge Grenzen. Mit neuen Verfahren wie etwa Crispr Cas manipulierte Pflanzensorten gelten rechtlich als gentechnisch verändert, urteilte der Europäische Gerichtshof (EuGH) am Mittwoch in einem Grundsatzverfahren. In der Folge müssten die auf diesem Wege angebauten Pflanzen auch als „gentechnisch veränderte Organismen“ (GVO) gekennzeichnet werden. Wir beantworten die wichtigsten Fragen für Food-Startups zu dem Urteil. 

Was ist Neue Gentechnik?

Damit werden Methoden bezeichnet, bei denen einzelne Bausteine eines DNA-Strangs präzise verändert werden. Bekanntestes Beispiel für Genome Editing, wie es auf Englisch heißt, ist Crispr Cas. Dabei wird der DNA-Strang durchschnitten, um einzelne Genbausteine besser umschreiben zu können. Der Unterschied zu konventionellen Züchtungen, die mit radioaktiven Strahlungen oder chemischen Wirkstoffen bearbeitet wurden, liegt darin, dass die neuen Genscheren präziser eingesetzt werden können und die DNA anschließend von natürlicher nicht zu unterscheiden ist.

„Das, was allgemein als Gentechnik bezeichnet wird, ist das Einbringen von Fremd-DNA“, erklärt Professor Detlef Weigel, Pflanzenforscher am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen der Lebensmittelzeitung. „Was dagegen mit Crispr Cas hergestellt wird, lässt sich nicht von dem unterscheiden, was jeden Tag auf dem Acker natürlicherweise an Mutationen passiert.“ Die Veränderung hinterlässt also keine Spuren im Erbgut.

Was muss jetzt gekennzeichnet werden?

Die Kennzeichnungspflicht trifft alle Produkte, die mit der Neuen Gentechnik verändert wurden. Verfahren, die bereits vor dem Erlass der GVO-Richtlinie im Jahr 2001 verwendet wurden und „seit langem als sicher gelten“, müssen nicht gekennzeichnet werden, so das Gericht.

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Wen betrifft das Urteil?

Die wenigsten Food-Startups müssen sich wohl auf Veränderungen einstellen. Aufgrund mangelnder Akzeptanz von Gentechnik bei Verbrauchern sowie hohen Kosten, sind nur wenige Produkte im Handel und nur wenige Rohprodukte im Großhandel von Neuer Gentechnik verändert. Wer seine Produkte bisher mit Recht als gentechnikfrei markierte, kann das auch weiterhin tun. Es kann jedoch nicht schaden, die eigenen Lieferanten und die Herkunft ihrer Produkte erneut zu prüfen. Für Biotech-Unternehmen, die an genetisch veränderten Pflanzen forschen, bedeutet das Urteil einen herben Rückschlag. 

Welche Startups arbeiten mit Crispr Cas?

Einige Biotech-Startups nutzen seit mehreren Jahren die neuesten Forschungsergebnissen zu Gen-Mutationen: Caribou Biosciences und Ediths Medicine aus den USA gingen 2011 beziehungsweise 2013 an den Start. Crispr Therapeutisch aus der Schweiz und Intellia Therapeutics (USA) wurden 2014 gegründet. Die jungen Firmen setzen die Neue Gentechnik allerdings größtenteils zu medizinischen Zwecken ein. Caribou Biosciences ist laut dem Magazin AG Funder News das einzige Startup, das lizensiert ist, das Crispr-Enzym Crispr-Cas9 in der Landwirtschaft zu verwenden. Die Aufzählung macht deutlich, dass der Schwerpunkt der Crispr-Cas-Startups nicht in Deutschland liegt.

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Wie wird das Urteil von Akteuren aus Wirtschaft und Politik bewertet?

Das Bundesumweltministerium begrüßte das Urteil, während das Landwirtschaftsministerium für Offenheit gegenüber Innovationen in der Agrarforschung warb. „Vielerorts werden neue Züchtungstechnologien bereits angewandt oder sind unerlässlich, um für eine ausreichende Versorgung beispielsweise mit Getreide zu sorgen“, kommentierte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Die Industrie sprach von einer „rückwärtsgewandten" Entscheidung. Auch der Bauernverband kritisierte das Urteil. Supermarktketten wie Edeka, Lidl und Spar, die im Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) organisiert sind, sprachen von einem wegweisenden und klugen Urteil.

Welche Auswirkungen hat das Urteil auf Supermärkte in Deutschland?

Zunächst vermutlich keine allzu großen. Insgesamt sind in deutschen und europäischen Supermarktregalen kaum genverändertes Obst und Gemüse zu finden. Wegen der vorgeschriebenen Kennzeichnung gehen Handelsketten davon aus, dass Kunden einen großen Bogen darum machen würden. Auch auf europäischen Feldern ist Gengetreide wegen der strengen Auflagen eine Rarität. Angebaut wird lediglich eine genveränderte Maissorte. Die Einfuhr von Gensorten in die EU ist erlaubt, aber nur zur Verwendung als Tierfutter.

Was war der Anlass des Verfahrens?

In den EU-Gentechnik-Vorschriften von Anfang des Jahrtausends werden Genscheren- oder Mutagenese-Technologien nicht aufgeführt. Ein französisches Gericht hatte die Luxemburger Richter deshalb um Auslegung gebeten, ob die EU-Gentechnik-Ordnung auch hier greift. Kritiker fürchten, dass die Genscheren-Technologie nicht sicher ist und sich verändertes Erbgut in der Natur unkontrolliert verbreiten könnte. Zudem seien die Auswirkungen auf die Gesundheit noch nicht geklärt.

Bild: Getty Images / BSIP / Contributor, Text mit Material von Reuters

 

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