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Kann sich eine Stadt wirklich selbst mit Lebensmitteln versorgen?

Salate auf dem Hausdach, Kräuter im Büro, Pilze im Keller: Theoretisch kann man Lebensmittel gut in Städten anbauen. Was praktisch dagegen spricht.

Wenn man an Lebensmittelproduktion denkt, fallem einen oft zuerst Felder ein, mit Kartoffeln, Weizen und Ähnlichem. Daniel Podmirseg denkt allerdings an etwas anderes: an Pflanzen, die in Städten angebaut werden, in Häusern, auf Dächern und Freiflächen. Er ist der Gründer des Vertical Farm Institute in Wien, einer Forschungseinrichtung, die sich mit dem sinnvollen Begrünen der Städte beschäftigt. Im Interview erzählt er, wie realistisch der Traum von der Landwirtschaft in Metropolen ist, welche Pflanzen sich dafür besonders eignen und welche Probleme es gibt.

Daniel, warum ist Vertical Farming wichtig?

30 Prozent der uns zur Verfügung stehenden Energie wird für den Lebensmittelsektor aufgewendet. Aber Energieträger wie Erdöl sind begrenzt. In unserem Institut forschen wir darum an Alternativen, wie Lebensmittel auch auf kleinen Flächen hergestellt werden können. Zu unseren Dienstleistungen gehören beispielsweise die Beratung, die Entwicklung von Prototypen und die Realisierung von entsprechenden Gebäuden.

Wie müssen Häuser aussehen, um für Vertical Farming geeignet zu sein?

Das kommt ganz auf die Pflanze an, die dort angebaut werden soll. Jede Pflanze hat unterschiedliche Bedürfnisse. Wichtig ist für fast alle das Licht, damit sie Photosynthese betreiben können. Bestandsgebäude mit reduziertem Lichteinfall sind eine Herausforderung für Vertical Farming, das heißt aber nicht, dass es da nicht möglich wäre. In einem feuchten Keller kann man beispielsweise gut Pilze züchten. Und in gläsernen Bürogebäuden Pflanzen mit einem höheren Lichtbedarf. Unser Ziel ist es, dass alle Bereiche der Lebensmittel-Wertschöpfungskette in Gebäuden passieren: von der Düngerherstellung über die Verarbeitung der Produkte bis zur Biogasproduktion.

Wann wird das der Fall sein?

Urbane Lebensmittel-Herstellung passiert bereits jetzt in unterschiedlichem Maßstab. Ich plädiere dafür, heute schon in der Stadtplanung Fläche und Raum dafür vorzusehen. Lebensmittelproduktion wird zum urbanen Alltag werden, das wird für die Stadt der Zukunft notwendig sein. Um ehrlich zu sein: Ich setze mich für Vertical Farming ein, weil es richtig ist, aber ich weiß nicht, wie erfolgreich wir damit sein werden. Um wirklich etwas ändern zu können, braucht es ein massives Umdenken der Bevölkerung. Die Menschen müssen ihre Ernährungsgewohnheiten reflektieren. Fragen sind beispielsweise, wie viel Fleischkonsum wirklich nötig ist und wie wir mit Ländern umgehen, die für uns Lebensmittel produzieren, sich aber selbst nicht versorgen können. 

Daniel Podmirseg

Was spricht gegen den Lebensmittelanbau in Städten?

Es kostet eine Menge, der Investitionsaufwand ist derzeit noch sehr hoch. Außerdem sind die Herausforderungen enorm, es wird Jahre dauern, um ein Lebensmittelsystem vollkommen ersetzen zu können. Der Anbau braucht eine Menge Energie. Und es ist sehr schwer, die schiere Menge an Lebensmitteln herzustellen, die wir brauchen, damit die Bewohner der Region davon satt werden. Darum muss man sich fragen, was der Maßstab ist, den man anlegen will: also wie viel Prozent der Lebensmitel können wir wirklich in den Städten produzieren und was werden wir auch weiterhin auf dem Land machen müssen?

In den Städten ist der Wohnraum für gewöhnlich knapp. Die Menschen brauchen ihn, um dort zu leben – und können ihn sich womöglich nicht noch mit Pflanzen teilen.

Das sehe ich anders. Erstens wird auch in Zukunft viel Fläche frei, zweitens gibt es einige Bereiche, die man jetzt schon bepflanzen kann. Das Dach eines Supermarktes zum Beispiel, da gibt es locker mal 2.000 Quadratmeter Fläche, die nicht genutzt wird. Ich sage immer: „Area is limited, but space is not.“ Man muss sich die zur Verfügung stehenden Bereiche nur genau ansehen.

Importiert man exotische Früchte dann weiterhin aus anderen Ländern?

Theoretisch kann man in Gebäuden jedes Klima herstellen, das man möchte. Die Frage ist, wie sinnvoll das ist und wie man die nötige Energie dafür zur Verfügung stellt. Auch das ist eine Frage nach dem Maßstab. Was wollen wir denn hier alles anbauen? Generell eignen sich Pflanzen, die nur für die einmalige Ernte gedacht sind, eher als solche, die permanent im Boden sind, wie beispielsweise ein Apfelbaum. Denn deren Anbau ist nur mit einem relativ großen Konstruktionsaufwand zu realisieren. Man braucht beispielsweise Erde für die Wurzelbildung. Und die Pflanzen benötigen Jahre, bis sie Erträge bringen. Aber wir forschen auch in diese Richtung.

Welche Stadt ist ein Vorreiter im Urban Farming?

Ganz klar: Havanna in Kuba. Nach dem Zusammenfall der Sowjetunion musste die Bevölkerung dort sehen, wie sie Landwirtschaft ohne Erdöl betreiben kann. Innerhalb von wenigen Jahren stellte sie dann die gesamte Lebensmittelproduktion um: Seitdem versorgen die Bewohner sich regional selbst. 95 Prozent der Frischeprodukte, die Havanna konsumiert, werden in der Stadt oder in ihrem näheren Umfeld hergestellt. Ein weltweit einmaliges Phänomen, das ohne Zweifel auch die Stadt der Zukunft betreffen wird.

Bild: Vertical Farming Institute

 

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