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Wenn Bananen, Fische und Tomaten direkt in der Großstadt wachsen

Wozu Gemüse und Obst importieren, wenn man es direkt in der Stadt anbauen kann? Das ist der Gedanke hinter Urban-Farming-Startups. Wir stellen drei von ihnen vor.

426.000 Tonnen Obst importierte Deutschland 2017 aus Italien, Hunderttausende Tonnen kamen aus Spanien oder Polen. Beim Transport gehen nicht nur Nährstoffe abhanden: Auf dem Weg vom Feld zum Supermarkt gehen schätzungsweise 40 Prozent der Ernte verloren, zum Beispiel, weil Obst oder Gemüse verderben.

Mehrere Startups haben sich diesem Problem inzwischen angenommen. Sie sagen: Stadtbewohner sind keineswegs nur auf importierte Nahrungsmittel angewiesen. „Urban Farming“ heißt das Konzept, bei dem Landwirtschaft mit moderner Techniken mitten in Städten betrieben wird. Obst, Gemüse oder auch Fisch und Fleisch werden entweder direkt am Bedarfsort angebaut – also etwa in oder an Supermärkten und Restaurants – oder von größeren Farmen innerhalb des direkten Umkreises ausgeliefert.

Wie das Konzept in der Realität aussehen kann, zeigen diese drei Startups, die sich auf der Future of Food Conference 2018 vorgestellt haben:

BerlinGreen

Noch ganz neu auf dem Markt ist das Berliner Startup BerlinGreen. Filip Wawrzyniak hat es im Januar 2018 gegründet, er bietet Mini-Farmen für Zuhause an. In Boxen aus Holz wachsen Kräuter und Salatköpfe mithilfe der sogenannten Hydroponik-Technik. Das bedeutet, dass die Pflanzen nicht in Erde wurzeln, sondern in Wasser.

BerlinGreen liefert die Holzbox – das Startup nennt sie „Grow Box“ –, in der zehn Pflanzen gleichzeitig wachsen können, sowie die Samen. Diese sind bereits zusammen mit Kokosfasern zu Würfeln gepresst und mit Nährstoffen versehen. Sie müssen lediglich in die vorgesehenen Öffnungen in der Box gelegt sowie alle zwei Wochen mit zwei Litern Wasser begossen werden. Eine an der Box installierte LED-Lampe versorgt die wachsenden Pflanzen mit Licht. Per App kann der Box-Besitzer etwa kontrollieren, ob die Pflanzen genügend Wasser haben und einstellen, wann das Licht an- und ausgehen soll. „Das kann man dann sogar als Tageslichtwecker verwenden“, sagt Gründer Wawrzyniak. 

„Nach einem Monat kann man ernten“, so der studierte Architekt. Die Holzbox will er für je 99 Euro verkaufen, zehn Samen-Würfel für zehn Euro. Noch befindet sich das Startup aber in der Testphase. Derzeit sucht BerlinGreen nach Investoren. „Mein Ziel ist, die Boxen irgendwann als Massenprodukt zu verkaufen“, sagt Wawrzyniak.

Infarm

Ein weiteres Berliner Startup setzt auf Indoor Farming, ist dabei aber schon wesentlich weiter als BerlinGreen: Infarm verkauft seit 2012 vertikale Farmen, also Glasschränke, in denen Salatköpfe und Kräuter auf mehreren Etagen übereinander wachsen. Die Idee stammt vom israelischen Gründerteam Guy und Erez Galonska sowie Osnat Michaeli.

Pavlos Kalaitzoglou ist seit 2016 als Director of Plant Research dabei. „Damals waren wir fünf Leute, inzwischen sind wir über 200“, sagt er. Die Farming-Stationen vermietet das Unternehmen an Supermärkte und Restaurants in Europa. In Berlin zählen etwa Edeka, Metro und das Restaurant Good Bank zu den Mietern. Kunden müssen sich nicht selbst um das Gemüse kümmern, das übernehmen Mitarbeiter von Infarm. Das Startup hat Unterstützung von namhaften Investoren: Unter anderem Cherry Ventures und Balderton haben in Infarm investiert, zuletzt sammelte die Firma im Februar 2018 20 Millionen Euro ein.

20 Millionen Euro für Vertical-Farming-Startup Infarm

In einem Berliner Labor baut das Startup Infarm Kräuter und Gemüse in Schränken an und überwacht die Pflanzen digital. Für die vertikale Farm gab es nun frisches Geld.

Stadtfarm

Das ebenfalls aus Berlin stammende Startup Stadtfarm setzt nicht auf den Anbau in Wohngebäuden, sondern möchte, dass mehr Außenflächen innerhalb von Städten für Landwirtschaft genutzt werden. In Berlin Lichtenberg hat die 2015 gegründete Firma ein 2.500 Quadratmeter großes Gewächshaus errichtet. Darin werden Obst und Gemüse angebaut – und Fische gezüchtet.

„Alles wächst in einem geschlossenen Kreislauf“, erklärt Stadtfarm-Gründerin Anne-Kathrin Kuhlemann, die vorher das Pilzzucht-Startup Chidos mit aufgebaut hat. Das heißt: Die Fische schwimmen in dem Wasser, das danach durch die Erde fließt, auf der die Pflanzen wachsen. So werden Obst und Gemüse bewässert, während sich das Wasser selbst reinigt, ganz ohne chemische Mittel. „Das Wasser ist so sauber, dass wir den Fisch nach dem Fang nicht einmal waschen müssen“, so Kuhlemann. „African Catfish“ heißt die Fischsorte, die Kuhlemann züchtet. Neben Tomaten und Gurken wachsen in der Stadtfarm auch Papayas und Bananen.

Auf 50 Tonnen Fisch und 30 Tonnen Obst und Gemüse kommt Stadtfarm pro Jahr. „Davon werden 200 bis 300 Menschen satt“, sagt Kuhlemann. Die Lebensmittel verkauft sie an Gastronomen und Privatpersonen in Berlin. Im kommenden Jahr sollen zwei Stadtfarmen dazukommen, wo genau, verrät die Gründerin nicht.

Bild: Infarm

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