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„Nur weil Leute die Idee feiern, heißt das nicht, dass sie bei uns einkaufen“

In Deutschland eröffnen immer mehr Läden, in denen Kunden verpackungsfrei einkaufen können. Wie kommt das Konzept an – und was sind die größten Hürden für die Gründer?

Ein Coffee to go am Morgen, zum Lunch einen fertigen Salat aus dem Supermarkt und abends Sushi vom Lieferdienst – allein in Deutschland entstehen so 18 Millionen Tonnen Verpackungsmüll im Jahr. Für diejenigen, die im Alltag so wenig Müll wie möglich produzieren wollen, gibt es jedoch eine Lösung: Plastikfrei einkaufen in einem sogenannten Unverpackt-Laden. Das Konzept sieht vor, dass Kunden ihre eigenen Dosen und Glasbehälter mit ins Geschäft bringen und Lebensmittel und Drogerieprodukte selbst aus Großbehältern abfüllen. Der erste verpackungslose Laden eröffnete Anfang 2014 in Kiel, seitdem sind mehr als 70 Geschäfte in ganz Deutschland nachgezogen. Doch wie kommt das Konzept wirklich an? Ist die Nische groß genug, um erfolgreiche Startups aufzubauen? Wir haben bei zwei Unverpackt-Gründerinnen nachgefragt.

Stammkunden halten das Geschäft am Laufen

Milena Glimbovski gründete ihr Startup Original Unverpackt 2014 in Berlin und war damit eine Pionierin im plastikfreien Business. Als Frau zu gründen und ausgerechnet in der Startup-Hauptstadt mit einem ungewöhnlichen Konzept zu starten, habe ihr mediale Aufmerksamkeit beschert, sagt Glimbovski. „Aber Aufmerksamkeit ist nicht das, was Gewinn bringt. Nur weil Leute die Idee feiern, heißt das nicht, dass sie auch bei uns einkaufen.“ Am Anfang seien ständig Schaulustige vorbeigekommen, die Fotos vom Laden gemacht hätten und dann wieder gegangen seien – ohne Geld dagelassen zu haben. Das habe sich mit der Zeit gelegt. „Wir haben eine Stammkundschaft aufgebaut. Das sind die Leute, die dafür sorgen, dass es den Laden heute immer noch gibt“, so Glimbovski. Im Schnitt bediene der Laden bis zu 150 Kunden am Tag und sei damit profitabel. Die Gründerin selbst steht nicht mehr hinter der Kasse, inzwischen beschäftigt sie insgesamt zwölf Angestellte.

Insa Dehne, Gründerin des Hamburger Unverpackt-Startups Stückgut, verkauft seit letztem Jahr Lebensmittel ohne Plastikverpackung. Zehn Mitarbeiter kümmern sich um inzwischen zwei Läden, der eine eröffnete Anfang 2017, der andere im April dieses Jahres. In jedem Geschäft würden pro Tag etwa 100 Kunden einkaufen, so Dehne. Das Klientel des plastikfreien Geschäfts sei eher umweltbewusst. „Aber wir haben durchaus auch Kunden, die man nicht in die Öko-Schiene einordnen würde.“ Auch Stückgut halte sich durch Stammkunden, wie Dehne sagt. „Spontan bei uns einzukaufen ist eben schwierig. Es gehört schon ein bisschen Planung dazu, weil man seine Behältnisse dabei haben muss.“ 

Profitabel ist das Geschäft derzeit nicht: „Mit dem ersten Laden haben wir an der Grenze zur Profitabilität gekratzt. Dann haben wir natürlich hohe Investitionen in den zweiten Laden gesteckt“, sagt Dehne. Das Startup nahm anfangs einen Kredit auf und konnte 60.000 Euro über Crowdfunding einsammeln. Damals habe Dehne von der Vorarbeit der frühen Unverpackt-Gründer wie Glimbovski profitieren können. „Die mussten sich alle Infos dazu, wie man einen Unverpackt-Laden gründet, selbst heraussuchen. Welche Hygienevorgaben man beachten muss zum Beispiel. Wir haben uns viel von ihnen erklären lassen.“

Die größte Hürde: Als Quereinsteiger gründen

Glimbovski gibt ihre Erfahrungen auch in ihrem eigenen Online-Kurs namens „Dein eigener Unverpackt-Laden“ weiter. Darin erklärt sie, wie man einen verpackungsfreien Laden gründet. 200 Kurse für einmalig 190 Euro habe sie bisher verkauft, sagt die studierte Kommunikationswissenschaftlerin. Die Berlinerin möchte, dass Neugründer nicht dieselben „teuren, dummen“ Fehler machen wie sie selbst damals – etwa den Preis von Obst und Gemüse trotz wechselnder Saisons nicht zu ändern. Fast alle Gründer eines Unverpackt-Ladens seien Quereinsteiger, sagt Glimbovski, die das als eine der größten Hürden sieht.

Der Verzicht auf Plastikverpackung bringt ein neues Umweltproblem mit sich

Immer mehr Gründer eröffnen Läden, in denen Lebensmittel ohne Verpackung verkauft werden. Auch eine Supermarktkette will Plastik meiden. Das bringt neue Probleme.

Auch Dehne hatte vor ihrer Gründung keine Berührungspunkte mit dem Einzelhandel, sie war in der Schifffahrtsbranche tätig. Eine der größten Schwierigkeiten sieht sie im Einkauf der Produkte. Zum Konzept von Unverpackt-Startups gehört nicht nur, die Ware ohne Verpackungen zu verkaufen, sondern auch, sie möglichst ohne Plastik einzukaufen. Bei Getreide, Reis und Müsli sei das vergleichsweise einfach, diese Produkte erwerbe die Hamburgerin in 25-Kilo-Säcken aus Papier. Kaffeebohnen kämen in Mehrwegbehältern. „Leider sind nicht alle Lieferanten bereit, auf unsere Vorgaben einzugehen. Schokolade und Nudeln sind zum Beispiel echt schwierig, ohne Plastikverpackungen zu beziehen.“ Stückgut wolle sich deswegen mit anderen Gründern zusammentun. „Wenn wir alle beim selben Großlieferanten bestellen, ist er vielleicht eher bereit, auf Plastik zu verzichten“, so die Hoffnung.

Ganz verpackungsfrei kommt auch Glimbovski nicht aus – insbesondere, weil sie auch einen Onlineshop für nachhaltige Produkte betreibt. Im Sortiment befinden sich jedoch nur Non-Food-Artikel wie Bambus-Zahnbürsten, Menstruationstassen und Po-Duschen. Für den Versand greift die Gründerin auf Kartons zurück, die bereits benutzt wurden – zumindest größtenteils. Nach ihrem Auftritt in der Vox-Show Die Höhle der Löwen sei die Nachfrage im Onlineshop so stark angestiegen, dass sie neu gekaufte Versandboxen verwenden musste.

Plastikfreier Wursteinkauf im Supermarkt 

Nicht bei allen Unverpackt-Läden läuft es allerdings so gut wie bei Dehne und Glimbovski. Startups in Erfurt und Linz mussten wegen mangelnder Kundschaft aufgeben. Dennoch sollen laut des Nachhaltigkeits-Blogs 11ie noch in diesem Jahr 15 neue verpackungsfreie Läden in Deutschland eröffnen. Inzwischen kommt das Konzept auch im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel an: Die Supermarktkette Tegut verkauft seit dieser Woche Wurst und Käse an der Frischetheke auch plastikfrei. Um die Hygienevorgaben einzuhalten, stellen Kunden ihre mitgebrachten Behältnisse mit geöffnetem Deckel auf ein Tablett, das sie dem Wurst- oder Käseverkäufer anreichen. Der legt die Lebensmittel in den Behälter, ohne ihn berühren zu müssen. Das Verschließen der Box übernimmt der Kunde anschließend selbst.

Glimbovski ist begeistert von diesem Schritt. Dass jetzt Supermärkte mit auf den Zug aufspringen, zeige, dass die Unverpackt-Läden Einfluss hätten. „Vor vier Jahren kannte niemand das Wort Unverpackt, jetzt ist es schon ein gängiger Begriff. Unverpackt ist nichts Besonderes mehr.“

Bild: Original Unverpackt 

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