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Warum Uber Deliveroo wohl doch nicht kaufen wird

Angeblich haben die beiden Unternehmen Gespräche über einen möglichen Kauf geführt. Einige Anzeichen deuten aber darauf hin, dass kein Deal zustande kommt.

Es könnte ein Milliardendeal werden: Das Mobilitäts-Unicorn Uber ist Gerüchten zufolge an dem britischen Essenslieferdienst Deliveroo interessiert. Anfang des Jahres habe Deliveroo angeblich auch mit Amazon über einen Verkauf gesprochen – allerdings ohne Resultate. Mit der Übernahme könnte Uber seinen eigenen Essenslieferdienst stärken, so die Logik. Das Unternehmen hatte vor vier Jahren Uber Eats gestartet, der ähnlich wie Deliveroo funktioniert: Fahrer holen Gerichte von Restaurants ab und bringen das Essen zu den Kunden nach Hause. Uber will mit seinem Liefergeschäft 2018 sechs Milliarden Dollar umsetzen. Deliveroo hat im Vergleich dazu 2017 gerade einmal 277 Millionen Pfund (rund 364 Millionen Dollar) erreicht.

Uber ist mit Eats in knapp 400 Städten aktiv, vor allem in Nordamerika. In Europa hat der Dienst noch eine überschaubare Verbreitung: Uber Eats bedient überwiegend den britischen und französischen Markt sowie vereinzelte Städte in anderen Ländern. Währenddessen ist Deliveroo in mehr als 200 Städten aktiv – hauptsächlich in Europa. Der Fahrdienstleister könnte mit einer Übernahme also stärker in den europäischen Markt preschen, müsste dafür aber viel Geld hinblättern. Nach der letzten Finanzierungsrunde vor einem Jahr wurde das britische Startup Deliveroo mit über zwei Milliarden Dollar bewertet. Die Financial Times ordnet den Preis von Deliveroo sogar bei etwa vier Milliarden Dollar ein.

Deliveroo und Uber wollen die Gerüchte auf Nachfrage von Gründerszene nicht kommentieren. Diese Tatsachen sprechen jedoch gegen einen Deal:

  • Uber Eats will bis zum Ende des Jahres 400 virtuelle Restaurants in Großbritannien eröffnen – so, wie es Deliveroo schon 2017 gemacht hat. In den USA betreibt Uber bereits Ghost Restaurants, hat auch im Londoner Raum schon die ersten digitalen Lokale in Betrieb gebracht. Der Übernahmekandidat Deliveroo will bis Dezember insgesamt 250 Küchen eröffnet haben. Ziel beider Unternehmen ist es, neue Kunden für ihre Partnerrestaurants zu gewinnen. Die Strategien dahinter unterscheiden sich jedoch. Uber hilft seinen Gastropartnern dabei, eine komplett neue Speisekarte für den Lieferservice aufzusetzen, um eine andere Kundschaft zu erreichen. Beispielsweise kocht ein Inder für seine Gäste vor Ort nur indisches Essen, bietet in seinem virtuellen Geschäft auf Uber Eats aber lediglich Desserts und Milchshakes an. Bei Deliveroo läuft das anders. Dort teilen sich mehrere Restaurants eine Küche ohne Gastraum außerhalb ihres eigentlichen Liefergebiets, das Menü bleibt dasselbe. Sowohl Deliveroo als auch Uber haben viel in ihre Ghost Restaurants investiert, verfolgen aber verschiedene Taktiken. Die müssten nach einer Übernahme wieder über Bord geworfen werden. Die nötigen Umstrukturierungen würden sich nach einer Zusammenlegung für beide vermutlich nicht lohnen.
  • Auch die britische Essensplattform hat Strategien aufgesetzt, um stärker aus eigener Kraft zu wachsen. Zum Einen hat sich das Startup von einigen Städten getrennt, weil es sich auf die profitablen Märkte konzentrieren will. Zum Anderen will Deliveroo noch in diesem Jahr in weitere vielversprechende Länder expandieren, unter anderem nach Taiwan. Der Aufwand wäre es für den englischen Lieferservice sicher nicht Wert, in Märkte einzusteigen, in denen Uber bereits aktiv ist – nur, um danach von dem Mobility-Vorreiter aufgekauft zu werden. 
  • Noch ein Wachstumstreiber: Deliveroo hat Restaurants aufgenommen, die ihre Gerichte mit eigenen Fahrern ausliefern und nur bei Bedarf auf die Flotte des Startups zurückgreifen. Allein in Deutschland sind das 2.000 zusätzliche Gastropartner, doppelt so viel wie bisher. Das Startup sieht in dem Konzept Potenzial, um organisch zu wachsen. Damit greift das Unternehmen Konkurrenten wie Takeaway und Just Eat an, die nur eine Bestellplattform und keine eigene Flotte haben. 
  • Uber hat im Sommer angekündigt, sich stärker auf das Geschäft mit Leihrädern und E-Scooter fokussieren zu wollen. „Kurzfristig machen wir vielleicht keinen Gewinn auf finanzieller Seite, aber langfristig glauben wir, dass es strategisch genau das ist, wo wir hinwollen“, so CEO Dara Khosrowshahi. Um den Kurs mit Bikes und Rollern festigen zu können, hat das US-Unternehmen in den vergangenen Monaten mehrere Sharing-Startups übernommen. Das Eats-Geschäft wachse zwar auch, mache dennoch Schwierigkeiten. Das angeordnete Zeitfenster von 30 Minuten können viele Fahrer nicht einhalten. Ein Problem, für das Uber bislang keine Lösung gefunden hat, so der Chef. Der Markt mit geliehenen Fahrzeugen scheint demnach lukrativer für die kalifornische Firma.
  • Ein weiterer Punkt: Deliveroo peilt einen Börsengang in den nächsten zwölf bis 18 Monaten an, Medienberichten zufolge an der New Yorker Börse. Das britische Startup benötigt also Kapital, will allerdings nur Teile seines Unternehmens abgeben. Vor dem IPO wolle Deliveroo noch eine Finanzierungsrunde abschließen, heißt es. Die Altgesellschafter würden dabei eher nach einem Minderheitseigentümer suchen, als das Startup komplett zu verkaufen, so die Financial Times. Uber könnte sich an Deliveroo beteiligen, aber wohl nur mit wenigen Prozenten. Dass die Pläne für den IPO von 2019 auf 2020 verschoben wurden, dürfte daran nichts ändern.
  • Gegenüber dpa sagt Deliveroo-CEO William Shu klar: „Wir verkaufen die Firma nicht. Wir haben gerade erst angefangen, und wir wollen, dass die Firma wächst.“ Auch Uber-Chef Khosrowshahi äußerte sich im Mai über das Wachstum von Eats: „Uber muss keine Unternehmen aufkaufen, um das Eats-Geschäft auszubauen. Wenn wir wollten, könnten wir. Aber wir wollen in erster Linie organisch wachsen.“ Wie glaubwürdig die Aussagen sind, lässt sich derzeit nicht sagen. Beide Geschäftsführer würden über eine mögliche Übernahme wohl nicht in der Öffentlichkeit sprechen. Dennoch scheinen die Gründer überzeugt von ihren eigenen Wachstumsmöglichkeiten – ohne die Hilfe des jeweils anderen Unternehmens.

Bild: GEORGES GOBET / Getty Images

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