Trends, Innovationen und Digitales aus der Lebensmittelbranche

Wie ein Wirtschaftsprofessor die Tafeln mit dem „Prinzip Ebay“ retten will

Supermärkte werden dank moderner Technik immer effizienter. Deshalb fehlt den Tafeln Essen für Bedürftige. Ein Professor will die Lösung gefunden haben.

Fernsehteams tummelten sich, Kameraleute turnten zwischen grünen Gemüsekisten herum, der Vorsitzende gab Interviews in Serie: Als die Essener Tafel im Februar die Ausgabe von Lebensmittel an Bedürftige ohne deutschen Pass stoppte, war der Aufschrei groß. Das Land diskutierte über die wachsende Zahl der Menschen, die ihr Essen bei Tafeln besorgen. Eine andere besorgniserregende Entwicklung rund um Deutschlands Tafeln spielte dagegen keine Rolle: dass die Tafeln immer weniger Spenden bekommen. 

Der wohl wichtigste Grund ist, dass Großspender aus dem Lebensmittelhandel durch digitale Technik sehr effizient geworden sind, also immer weniger in den Regalen liegen bleibt. „99 Prozent werden verkauft“, heißt es bei einer Supermarktkette. Dazu kommen strenge Lebensmittelvorschriften, die auch für die Tafeln gelten: Verdorbenes ist tabu. Schon wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, wird die Ware aussortiert. Heißt: Nur was verkauft werden dürfte, darf auch verschenkt werden.

Ein Mannheimer Wirtschaftsforscher glaubt nun, einen Weg aus dem Dilemma gefunden zu haben. Die Tafeln, sagt Thilo Klein aus der Forschungsgruppe „Marktdesign“ des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, krankten an einem klassischen Lenkungsproblem. „Bei den Tafeln gibt es Angebot und Nachfrage, aber es gibt keinen funktionierenden Markt.“

Budget an virtuellem „Spielgeld“

Es bilden sich daher auch keine Preise, die das Verhältnis von Angebot und Nachfrage widerspiegeln. Was knapp und begehrt ist, kostet viel. Was im Überfluss vorhanden ist, ist billig. Den Tafeln fehlt dieser Mechanismus, schließlich ist alles umsonst. „Diese Lücke können künstliche Preise mit ,Spielgeld‘ schließen“, sagt Klein.

Abgeschaut hat Klein sich die Idee in den USA, wo das Pendant zu den deutschen Tafeln – die Organisation „Feeding America“ – in Kooperation mit Wirtschaftswissenschaftlern der Universität Chicago eine Art Ersatzmarkt entwickelt hat. Im Zentrum steht eine Versteigerungsplattform, ähnlich wie Ebay. Auf ihr können 210 regionale Tafeln täglich auf drei bis vier Dutzend Großspenden bieten. Dazu erhalten sie ein Budget an virtuellem „Spielgeld“, das abends seinen Wert verliert und täglich am Morgen neu ausgegeben wird.

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Die Höhe des Budgets richtet sich nach einem Verteilungsschlüssel, der Schlüsselzahlen wie Größe des Einzugsgebiets und Armutsquote berücksichtigt. Das System funktioniere in den USA seit Jahren gut, sagt Klein. Beim Deutschen Roten Kreuz hat er Mitstreiter gefunden. Der regionale Leiter Hubert Mitsch etwa, verantwortlich für 18 Tafeln, kann der Idee einiges abgewinnen. „Wir werden gemeinsam prüfen, inwieweit sich diese Idee aus den USA nach Deutschland übertragen lässt“, sagt Klein.

Was der Container enthält, wissen sie nicht

Ein auf deutsche Verhältnisse zugeschnittenes Modell könnte drohende Versorgungsengpässe deutlich entschärfen. Derzeit gleicht das Verteilungsverfahren der bundesweit 900 Tafeln, die nach eigenen Angaben mehr als 1,5 Millionen Bedürftigen über die Runden helfen und mit 60.000 ehrenamtlichen Helfern eine der größten sozialen Bewegungen des Landes sind, eher einer Wundertüte: Die lokalen Tafeln können sich oft nur entscheiden, ob sie eine Lieferung entgegennehmen oder ablehnen wollen. Was der Container enthält, wissen sie nicht. Das hat einen Grund: In der Regel handelt es sich um eine Mischung aus begehrten Produkten und Ladenhütern.

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Dazu kommen in der Regel noch Kleinspenden, die vor Ort eingesammelt werden. Die Information, welche und wie viele das sind, würde in einen Preis mit einfließen – weil die Tafel-Mitarbeiter nur Produkte bestellen, die sie noch nicht auf Lager haben. Außerdem haben die Ehrenamtlichen oft ein Gespür dafür, welche Lebensmittel ihre „Kunden“ nachfragen – selbst ohne Prognose-Software.

Dieser Text erschien zuerst auf welt.de.

Bild: Getty Images / Sean Gallup / Staff

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