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Jeder dritte Kunde weiß nicht, welche Nahrungsmittel gesund sind

Unklare Kennzeichnung führt bei Verbrauchern zu Unsicherheit, wie eine neue Studie zeigt. Es profitieren Startups, die Konzerne wie Nestlé demnach vor sich her treiben.

Gesundes Essen ist besser als Junk Food – das ist eine Binsenweisheit. Aber was ist überhaupt gesunde Nahrung? Ob es immer Bio-Ware sein muss oder ob es auch die von der normalen Lebensmittelüberwachung kontrollierte Nahrung aus dem Supermarkt tut, wie bedenklich Konservierungsstoffe sind, ob Veganer und Vegetarier vernünftiger leben als Fleischesser oder ob Produkte aus der Region vitaminreicher im Regal landen als Obst und Gemüse aus Südamerika – solche Fragen lassen die Verbraucher häufig ratlos zurück.

Die Deutschen zählen im internationalen Vergleich zu den am stärksten verunsicherten Verbrauchern, sagt Peter Heckmann, Konsumgüterexperte bei der Beratungsfirma Alix Partners: „Immerhin 39 Prozent der deutschen Konsumenten finden es schwierig, gesunde Produkte überhaupt als solche zu erkennen.“ 

Dies ist ein Ergebnis einer internationalen Konsumgüterstudie, die der „Welt“ exklusiv vorliegt. Die Verunsicherung sei in keinem anderen der fünf in die Untersuchung einbezogenen Märkte Frankreich, Großbritannien, USA und China so hoch. Insgesamt wurden 4500 Konsumenten für die Studie interviewt.

Eine landesübliche Skepsis gegenüber der Etikette

Zur Verwirrung der Konsumenten hierzulande tragen widersprüchliche Forschungs- und Testergebnisse bei, und den Versprechungen der Nahrungsmittelindustrie stehen die Deutschen sowieso argwöhnisch gegenüber, beobachtet Heckmann: „Nach etlichen Lebensmittelskandalen in den vergangenen Jahren trauen viele Verbraucher dem Braten nicht mehr.“

Dazu komme eine verwirrende Vielfalt unterschiedlichster Gütesiegel von Staat, Lebensmittelindustrie und Händlern sowie eine landestypische Skepsis gegenüber dem Wahrheitsgehalt der Angaben auf Etiketten. „Das ist Teil der deutschen Mentalität“, meint der Berater. Selbst in China, geplagt von schlimmen Panschereien mit zum Teil tödlichem Ausgang, liegt der Anteil der Zweifler der Studie zufolge mit 37 Prozent niedriger als in Deutschland.

Orientierungshilfen für Konsumenten auf der Suche nach gesunder Nahrung gibt beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Ernährung auf ihrer Website. Zu den grundlegenden Empfehlungen der Ernährungsberater zählt der Rat, möglichst vielfältig zu essen, Obst, Gemüse und Vollkorn zu favorisieren und pflanzliche Nahrung gelegentlich durch tierische Lebensmittel zu ergänzen.

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Bei Getränken ist die empfohlene Lösung einfach und kostengünstig: „Trinken Sie rund 1,5 Liter jeden Tag. Am besten Wasser oder andere kalorienfreie Getränke wie ungesüßten Tee.“

Je jünger der Kunde, desto ausgabefreudiger

Wenn es um die Preise für gesunde Nahrung geht, fühlen sich vor allem die Amerikaner über den Tisch gezogen. Drei von vier Befragten dort beklagten zu hohe Preise. Grund dafür sei die Tatsache, dass Bio-Ware in den USA noch nicht im Massenmarkt angekommen sei, erklärte Heckmann.

Ketten mit „Organic“-Anspruch wie die Amazon-Tochter Whole Foods zielen hauptsächlich auf ein kaufkräftiges Publikum. Allerdings ist auch in Deutschland jeder Zweite (52 Prozent) der Meinung, dass gute Lebensmittel zu teuer sind – obwohl Discounter wie Aldi oder Lidl zunehmend in den Bio-Bereich einsteigen. 

Whole Foods sichert sich Markenrechte für die EU

Nach Amazons Übernahme der Bio-Kette Whole Foods war die Aufregung auf dem US-Lebensmittelmarkt bisher noch in bequemer Entfernung. Das könnte sich nun ändern.

Die Konsumenten hierzulande mögen das begrüßen, aber sie haben es offenbar auch so erwartet. „Der deutsche Verbraucher ist durch die Discounter geprägt – er verlangt niedrige Preise“, sagt Heckmann.

Zwischen den Altersgruppen ist die Bereitschaft, einen Aufschlag für Bio-Gemüse, -Eier oder -Nudeln zu zahlen, dabei sehr unterschiedlich ausgeprägt. So gaben in der Umfrage 56 Prozent der erwachsenen Bundesbürger bis 34 Jahre zu Protokoll, sie würden 20 Prozent mehr für garantiert gesunde Erzeugnisse zahlen, während der Anteil der Spendablen bei Menschen über 55 auf zehn Prozent schrumpft.

Einheitsstrategie von Nestlé und Co. geht nicht auf

Generell stellen die Verbraucher in den untersuchten Ländern höhere Ansprüche an die Produzenten in Sachen Nachhaltigkeit bei Lebensmitteln. Dabei geht es nicht nur um den Gehalt an Nährstoffen und um einwandfreie Zutaten, sondern auch um Themen wie den Herstellungsprozess, umweltverträgliche Verpackungsmaterialien und eine transparente Kommunikation. 

In Deutschland steht außerdem das Thema Tierwohl im Fokus der Käufer von Fleisch – eine Besonderheit im internationalen Vergleich. „Die Art der Tierhaltung ist ein wichtiges Thema für die deutschen Konsumenten, in den anderen von der Studie erfassten Ländern dagegen nicht“, stellt der Experte von Alix Partners fest.

Der grundlegende Trend zu einem gesunden Lebensstil werde auch die Industrie tiefgreifend verändern, erwarten die Berater. „Wir sehen in den kommenden Jahren eine veritable Ernährungsrevolution“, sagte Michael McCool von Alix Partners.

Globale Lebensmittelkonzerne wie Nestlé, Unilever oder Danone könnten Einheitsstrategien für alle Märkte immer weniger durchsetzen. Dafür würden schon die zahlreichen internetbasierten Jungunternehmen sorgen, die Bedürfnis nach gesunden, natürlichen und regionalen Lebensmitteln mit wachsendem Erfolg nachkämen.

Dieser Text erschien zuerst auf welt.de.

Bild: Getty Images / JOHN MACDOUGALL / Staff

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