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Die leidvolle Geschichte des Spargelernte-Roboters, der 75 Arbeitskräfte ersetzt

Der Roboter des Familienunternehmens Cerescon will die Ernte des Edelgemüses besser und effizienter machen. Hinter der Innovation liegt ein schwerer Entwicklungsweg.

„Du bist doch ein Erfinder, oder?“, fragte Ad Vermeer seinen Bruder Marc auf einer Familienfeier. „Kannst du nicht einmal eine Spargelernte-Maschine entwickeln?“ Mit dieser Frage begann, wenn man der Schilderung der Familie Vermeer glaubt, die Geschichte des Spargelernte-Roboters Sparter. Tatsächlich arbeitete Ad als freiberuflicher Erfinder, Marc leitete einen Spargelbetrieb. 2018, dreieinhalb Jahre nach der Gründung der Firma Cerescon, die die Vermeers zu diesem Zweck ins Leben gerufen hatten, rollt der erste Sparter zum ersten Mal über die Spargelfelder. Doch hinter dem Roboter liegt ein beschwerlicher Entwicklungsweg.

Spargel kann von April bis Juni in Europa geerntet werden. Jährlich werden in Deutschland rund 120.000 Tonnen des Gemüses verzehrt, 23.100 Hektar werden für den Anbau genutzt. Ein großer Markt, doch zuletzt gerieten immer mehr Betriebe in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Seit auch Saisonarbeitskräfte aus dem Ausland mit Mindestlohn bezahlt werden müssen, lässt sich sich der Spargelanbau laut den Vermeers kaum noch wirtschaftlich betreiben. Viele westeuropäische Spargelzüchter spielten bereits mit dem Gedanken, ihr Unternehmen in ein Niedriglohnland zu verlegen. Marc Vermeer hatte das nicht vor. Er wollte sein Geschäft lieber revolutionieren.

Viele Versuche, doch noch niemand hatte Erfolg

Doch wie? Schließlich waren die Vermeers nicht die ersten, die auf die Idee eines Spargelernte-Roboters kamen. Alle Versuche, die Ernte zu automatisieren, seien bisher daran gescheitert, dass Roboter Spargelköpfe nicht von Steinen unterscheiden können, heißt es von der Familie aus dem niederländischen Brabant. Und mit jedem Millimeter, den der Spargel aus der Erde wächst und damit erkennbarer für eine Maschine wird, sinke sein Wert. Zudem könnten alle bisherigen Maschinen reifen Spargel nicht von unreifem unterscheiden.

In den USA und Australien wurden seit den 1970er Jahren zwar vereinzelt Patente auf solch selektive Ernten angemeldet, doch keine der Technologien konnte sich durchsetzen. Der Ansatz der Vermeers lautete deshalb: Der Roboter muss den Spargel erkennen und bewerten, wenn er noch in der Erde steckt.

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Zunächst versuchte Ad es mit Radar. Fazit: „nicht machbar.“ Als Zweites dachte er an Röntgen: „noch mehr Nachteile.“ Dann entwickelte er extrem dünne Stäbe mit Tastsensoren, die durch die Erde fahren und den Spargel herausziehen, sobald sie ihn berühren. Doch durch die Berührung nahm der Spargel Schaden, die Tester waren nicht begeistert. Dann kam Ad eine andere Idee: „Ich brauchte nur den Tastsensor durch einen Fühler zu ersetzen, der Wasser erfasst, denn Spargel besteht natürlich vor allem aus Wasser“, erklärt er. Mit dieser Methode entwickelte die Familie den Sparter.

„Ihr müsst weitermachen“

Das Prinzip des Sparter funktioniert nun so: Durch die unterschiedliche Leitfähigkeit von Spargel und Erde erkennt der Roboter das Gemüse und den Reifegrad noch in der Erde und sticht ihn sofort. „In einem einzigen Durchgang kann die Maschine den gesamten reifen Spargel ernten, für den bisher 60 bis 75 Arbeitskräfte drei Tage hintereinander eingesetzt werden mussten“, heißt es von Cerescon. Zudem sei die Ernte mit Sparter nicht nur effizienter, sondern liefere auch besserer Qualität. Heute ist der selektive Spargelernte-Roboter in einer 1-, einer 2- und einer 3-reihigen Ausführung mit einem Erntevolumen von 17 bis 50 Hektar erhältlich.

Der Sparter sticht einen Spargelkopf.

Der Sparter sticht einen Spargelkopf.

Für die Bedienung des Roboters sollen nur zwei Personen benötig werden. Der Preis für die Maschine liegt bei rund 600.000 Euro, die sich laut Cerescon innerhalb von dreieinhalb Saisons amortisiert haben sollen. 

Doch die Geschichte von Sparter hat kein reines Happy End. Marc Vermeer, der gedankliche Vater des Roboters, konnte die Inbetriebnahme nicht mehr erleben. Er starb noch vor der Fertigstellung überraschend an einer Gehirnhautentzündung. „Doch er sprach immer nur von der Maschine“, erinnert sich seine Familie. „Ihr müsst weitermachen!“, habe er gesagt.

Das erste Modell hat Cerescon nach Frankreich verkauft. In Zukunft will das Unternehmen bis zu 65 der Spargelernte-Roboter pro Jahr verkauft werden. Derzeit sind sechs in Produktion. Und tatsächlich denken die Vermeers inzwischen über die Spargelernte hinaus. „Dass zum Beispiel Tomaten, Erdbeeren, Paprika und Himbeeren noch immer von Hand gepflückt werden müssen, liegt nicht daran, dass eine Maschine keine Tomaten pflücken kann“, sind sich die Erfinder sicher. Doch bislang seien nur Menschen in der Lage, den Unterschied zwischen einer reifen und einer unreifen Tomate zu erkennen. Doch nach dem Launch von Sparter sind die Vermeers sich sicher: „Für selektive Erntemaschinen eröffnen sich jetzt völlige neue Anwendungsbereiche.“

 

Bilder: Cerescon

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