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„Ein altes Schiff mag nicht mehr hübsch anmuten, aber es fährt trotzdem“

Wieso übernehmen nicht mehr Unternehmer bewährte Firmen, statt neu zu gründen? Benno und Melanie Hübel taten genau das – und fertigen nun Pralinen mit Geschichte.

Es kann sich mitunter als großes Glück erweisen, das Radio einzuschalten. So wie im Fall von Benno Hübel. Der heute 44-Jährige fuhr vor fünf Jahren durch Berlin, als er im Rundfunk von einer Nachricht hörte, die sein gewohntes Leben von jetzt auf gleich verändern sollte: Sawade stand zum Verkauf! Im Jahr 1880 gegründet, drohte Berlins ältester Pralinenmanufaktur der Ruin; ein Insolvenzverfahren war bereits eröffnet. 

„Wir haben zwar nie explizit nach einer solchen Firma gesucht“, erinnert sich Benno Hübel im Gespräch mit Gründerszene. Aber wieso sollten er und seine Frau Melanie, 42, eigentlich nicht einsteigen? Nicht nur dass sich Benno Hübel als gelernter Koch (und studierter Volkswirt) mit Lebensmitteln auskennt. Auch hatte das Ehepaar bereits das Familienunternehmen von Melanie Hübel übernommen: Koebcke Information Partners, 1967 gegründet, bauten die beiden zum drittgrößten Fotobuchhersteller Europas auf. Nach dem Verkauf sollte eine neue Herausforderung her.

Aber eine Firma von Grund auf hochziehen? Das kam für die Hübels nicht infrage. Vielmehr erwies sich Sawade als Glücksgriff: ein Unternehmen mit langer Geschichte, mit bekanntem Namen und einem Produkt von besonderer Qualität. Dass der Firma aufgrund der Insolvenz ein Negativimage anhaften könnte, störte das Paar nicht. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass es im Bieterkampf mehr als 30 Konkurrenten neben sich wusste. „Mühe, Fleiß und Fortune“ hätten letztendlich zum Ausschlag des Insolvenzverwalters geführt, meint Benno Hübel.

Mit dem Kapital aus dem Verkauf ihrer Fotobuch-Produktion, stillen Beteiligungen sowie einem Bankdarlehen war der Kauf von Sawade möglich. Durch Crowd-Investing bekamen sie ein Jahr später nochmals Kapital. Als eine der größten Herausforderungen beschreiben beide die Zusammenarbeit mit dem neuen alten Team. Denn viele Mitarbeiter waren bereits seit Jahrzehnten für Sawade tätig. „Wir haben deswegen immerzu Betriebsversammlungen zusammengerufen“, erinnert sich Benno Hübel. Anfangs jede Woche, dann jeden Monat, später noch jedes Vierteljahr und dann jedes halbe. „Wir redeten ständig“, fügt Melanie Hübel hinzu, zum Beispiel über ein neues Großraumbüro oder mehr Transparenz im Unternehmen. Auch habe sie, eine gelernte Grafik-Designerin, mit bei der Produktion der Pralinen geholfen.

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An ebendiesen hätten sie beinahe nichts verändert, viele Rezepturen bestünden seit Ewigkeiten. Da Sawade als königlicher Hoflieferant fungierte, naschte schon Kaiser Wilhelm II. von Bourbon-Vanille-Trüffeln, Nussbitter-Nougat und Walnuss auf Weinbrandmarzipan. Also beschäftigten sich die Hübels stattdessen mit Fragen zu den Rahmenbedingungen des Unternehmens: Welche Vision haben wir für die Firma? Wie viele Läden brauchen wir? Benötigen wir mehr Mitarbeiter?

Hier auch habe sich gezeigt, inwiefern sich das Einsteigen in ein bestehendes Unternehmen von einer Neugründung unterscheidet: „Ein altes Schiff mag nicht mehr besonders hübsch anmuten, aber es fährt trotzdem“, glaubt Benno Hübel. So hätten sie neben dem Aufbau des Vertriebs, eines Onlineshops und Social Media auch eine neue, elegantere Verpackungslinie entworfen – womit die Marke „aus ihrem Dornröschenschlaf“ erwachte. Das sei nicht immer einfach gewesen: „Wer eine Traditionsfirma übernehmen möchte, sollte über viel Mut und Ausdauer verfügen – und über mindestens doppelt so viel Geld wie anfangs geplant“, rät Hübel. 

Aktuell beschäftigen sich die Hübels mit der Herausforderung, Sawade auch einem jüngeren Publikum im wahrsten Sinne des Wortes „schmackhaft“ zu machen. „Der Anspruch dieser Zielgruppe ist sehr hoch“, erklärt Benno Hübel. „Den bedienen wir, aber wir müssen die Menschen dazu bringen, uns in ihr Kaufverhalten einzubinden – zumal es unsere Pralinen nur im Fachhandel gibt.“

Apropos Kaufverhalten: Ihre Firma würden die Hübels nicht abstoßen. Aber „wir sind offen für einen strategischen Investor, zum Beispiel, um ein USA-­Geschäft aufzubauen“. Auch in Berlin, einer ehemaligen Süßwarenstadt, „geht noch einiges“, meint Benno Hübel: „Es sollte mehr Konkurrenz geben, damit es uns besser geht.“ Wie wäre es mit einem Aufruf übers Radio?

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Bild: Sawade

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