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Wie Teleshopping seinen Ruf mit Startups aufpolieren will

Teleshopping gilt als Berieselung für Hausfrauen. Der Sender QVC versucht, mit Hilfe von Startups sein Image zu verjüngen. Besonders das Thema Food kommt gut an.

TV-Moderator Sascha Heyna kann sich vor Begeisterung kaum halten. „Sie bekommen zwölf dieser Tütchen“, spricht er mit großen Augen in die Kamera und betont beim nächsten Satz jede einzelne Silbe: „Die sind spek-ta-ku-lär!“ Er zählt auf: „Sie bekommen drei Tüten mit kleinen Bällchen aus Chia-Samen, Cranberry, Zitrone. Drei Tüten mit Blaubeere Baobab. Drei Tüten Kokos, Matcha, Guarana...“ Da unterbricht ihn seine Co-Moderatorin Pia Ampaw.

„Alles in einem Set?“, fragt sie mit gespielt ungläubiger Stimme. „Ja!“, ruft er ihr entgegen. Noch bevor er die Zutaten des nächsten Tütchens aufzählen kann, fällt Ampaw ihm wieder ins Wort. „Und das alles für 22 Euro?“. „Ja!“, entgegnet er noch ein bisschen lauter und mit einer Stimme voller Dramatik. Sen-sa-tio-nell! So lautet jedenfalls das einhellige Fazit der beiden Moderatoren zu den Superfood-Snacks des Hamburger Startups Foodist

Was sich zunächst anhört, wie ein ganz normaler Vormittag im Teleshopping-Kanal QVC, war im vergangenen April für beide Seiten eine Premiere. Für das Startup, weil es seine Produkte erstmals im Teleshopping präsentieren konnte. Für den Sender, weil Foodist das erste Unternehmen war, das über das Programm QVC Next in die Sendung genommen worden war. Und an QVC Next knüpft der Fernsehsender hohe Erwartungen. Es soll der Anfang einer Entwicklung sein, an deren Ende der TV-Shoppingsender sein verstaubtes Image abgelegt haben will.

QVC Next will Gründern beim Vertrieb helfen

Teleshopping gibt es in Deutschland seit dem Beginn des Privatfernsehens 1984. Elf Jahre später ging mit H.O.T. (heute HSE24) der erste reine Shopping-Kanal auf Sendung, ein Joint-Venture des Versandhändlers Quelle und ProSiebenSat1. Doch trotz wirtschaftlicher Erfolge rutschte das Verkaufsfernsehen schnell in eine unliebsame Ecke. Es wurde zum Synonym für unnützen Nippes, den man nicht braucht. Die perfekte Abzocke für die gelangweilte Hausfrau. Das hat sich auch im Jahr 2018 in der öffentlichen Wahrnehmung kaum geändert. Inzwischen hat sich jedoch neben dem stationären Einzelhandel noch der Online-Handel als Absatzkanal für Hersteller etabliert. Auf einmal wirkt Teleshopping noch altmodischer. 

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Um das zu ändern, hat QVC nun Startups ins Visier genommen. QVC Next ist eine Plattform, mit der der Teleshopping-Kanal gezielt junge Unternehmen erreichen will. Es geht dabei nicht um Investments, sondern nur um Vertrieb. QVC verspricht den ausgewählten Startups, ihre Produkte in den Kanälen TV, Social Media und online zu verkaufen. 

Aus Sicht von Jeanette Lenski, Einkaufschefin bei QVC, passen Startups und Teleshopping sehr gut zusammen. „Wir verkaufen Produkte nicht nur, wir erzählen die Geschichte über das Produkt, über die Entstehung und über die Menschen hinter den Produkten“, sagt sie im Gespräch mit NGIN Food. „Mit jungen Startups funktioniert das natürlich sehr gut.“

Auch sie weiß, dass Teleshopping stigmatisiert wird. „Es ist sehr schade, dass wir immer noch ein angestaubtes Image haben“, sagt sie. „Die Zusammenarbeit mit Gründern trägt dazu bei, dieses Image loszuwerden.“ Dass die Idee des Teleshopping aktueller denn je ist, ist für Lenski natürlich keine Frage: „Dabei ist das, was sich heute als sogenanntes Editorial, Tutorial oder Unboxing-Video im Internet finden lässt, ist genau das, was QVC schon seit 20 Jahren macht.“

Der Produktfokus von QVC Next liegt nach Unternehmensangaben auf Artikeln aus den Bereichen Haus & Küche, Fashion, Schmuck, Accessoires, Beauty und Technik. Es habe sich allerdings recht schnell ein Schwerpunkt im Bereich Food entwickelt, wie Lenski berichtet. „Food ist ein Wachstumsmarkt“, erklärt sie. „Gerade in diesem Bereich ist der Pioniergeist einzigartig.“ Im Bereich Kochen, Genuss und gesunder Ernährung habe QVC die stärksten Zuschauerquoten. Insgesamt hat QVC Next laut Lenski „regen Anklang“ bei Gründern gefunden. 

Ein neues Publikum für Startups

Tatsächlich kann Teleshopping für Startups wirtschaftlich interessant sein. Trotz des schlechten Rufs hat das Teleshopping in Deutschland eine enorme Wirtschaftskraft. HSE24 etwa erzielte im Jahr 2016 einen Umsatz in Höhe von 754 Millionen Euro. Pro Sendung können es über 80.000 Euro sein. Zum Vergleich: Der Karstadt-Konzern hat mit seinen 79 Kaufhäusern, zwei Schnäppchen-Centern und dem Online-Shop im Geschäftsjahr 2016/17 rund 2,1 Milliarden Euro umgesetzt. Dabei können sich die Teleshopping-Kanäle auf einen treuen Kundenstamm verlassen. Über 90 Prozent des Umsatzes kommen von wiederkehrenden Kunden.

Der Durchschnittskunde von HSE24 kauft 26 Mal pro Jahr bei dem Teleshopping-Sender ein. QVC verzeichnet über 21 Millionen Anrufe pro Jahr. Zudem kann das Fernsehen kleinen Startups helfen, bei einem breiteren Publikum bekannt zu werden. Eine Zuschauerbefragung bei HSE24 etwa ergab, dass viele Käufer in ländlichen Regionen wohnen, meist weiblich und zwischen 35 und 64 Jahre alt sind. Für viele Startups eine ganz neue Kundschaft.

Dass Teleshopping und Startups zusammen funktionieren können, beweist Unternehmerin Judith Williams schon seit Jahren. Als Investoren hat sie in der Pro-Sieben-Show Die Höhle der Löwen schon zahlreiche junge Unternehmen wie Little Lunch oder Popcorn-Loop gefördert und deren Produkte anschließend in ihrer Sendung auf HSE24 verkauft. Ob der Verkaufssender dadurch ein besseres Images gewonnen hat, ist zweifelhaft. Für QVC scheint dieser Weg der Konkurrenz dennoch vorbildlich zu sein. 

Bild: Thorsten Mumme für NGIN Food

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