Trends, Innovationen und Digitales aus der Lebensmittelbranche

TV-Promis sollen Millennials zum Weintrinken verführen

In Deutschland wird immer weniger Wein getrunken. Jetzt sollen die jungen Generationen animiert werden – mithilfe von Promi-Winzern aus dem TV und einem Discounter.

Günther Jauch runzelt die Stirn. „Puh, einen Wein zu erklären ist schwer“, sagt der TV-Moderator – und versucht es dann aber doch. Immerhin geht es um seinen eigenen Wein, den „Cuvée Günther Jauch weiß“. Ein trockener Weißwein sei das, feingliedrig und fruchtbetont mit einer schönen und angenehmen Säure. Aprikose könne man herausschmecken, dazu Pfirsich, Limette und grünen Apfel. „Aber eigentlich muss das jeder selbst erschmecken.“ In Düsseldorf geht das auch schon, noch vor dem offiziellen Verkaufsstart. Und zwar bei Aldi. Mitten in der Innenstadt, auf dem Schadowplatz in der Einkaufszone, hat der Discounter anlässlich der weltgrößten Branchenmesse ProWein in der NRW-Landeshauptstadt für fünf Tage einen kleinen Weinladen aufgebaut, in dem die Passanten insgesamt 15 verschiedene Weine und einen Champagner verkosten können.

Aldi will damit einem breiten Publikum seine Weinkompetenz zeigen – und fährt dafür richtig auf. Gleich mehrere Top-Winzer erklären den Besuchern während der Weinschau ihre Arbeit, darunter Fritz Keller, Raimund Prüm, Johannes Leitz – und eben Jauch. Der nämlich ist schon seit einigen Jahren wichtiger Bestandteil der Weinwirtschaft in Deutschland.

Die Weinwirtschaft in Deutschland jubelt

Gemeinsam mit seiner Frau Thea führt er das mehrfach prämierte Weingut von Othegraven im rheinland-pfälzischen Kanzem an der Saar im Weinbaugebiet Mosel-Saar-Ruwer. Sein Aldi-Wein – neben dem weißen gibt es auch einen roten – hat damit zwar nichts zu tun. „Dann wären wir nach dreieinhalb Tagen ausverkauft“, begründet Jauch. Die Trauben kommen daher aus anderen Weinbergen. Der 61-Jährige leiht dem Discounter aber seinen Namen. Und auch die Cuvée-Zusammenstellung stammt von ihm selbst, wie Jauch versichert.

Die Weinwirtschaft in Deutschland jubelt. Denn sie kann prominente Hilfe derzeit nur zu gut brauchen. Schließlich waren Absatz und Umsatz in der Branche zuletzt rückläufig. Laut dem Deutschen Weininstitut (DWI) gingen die Einkaufsmengen 2017 hierzulande um 3,4 Prozent zurück, die Erlöse sogar um 5,2 Prozent. „Wir stellen zwar erfreulicherweise fest, dass die jüngeren Verbraucher im Lebensmittelhandel wieder etwas häufiger zum Wein greifen“, beschreibt DWI-Geschäftsführerin Monika Reule. „Diese Zuwächse können allerdings nicht die zurückgehenden Weineinkäufe der älteren Bevölkerung kompensieren.“ In der Summe jedenfalls sinke die Käuferreichweite – und das schon seit mehreren Jahren.

Die Branche will und muss daher neue Zielgruppen ansprechen. „Wir können nicht warten, bis bei den jungen Leuten irgendwann durch Zufall Interesse an Wein aufkommt“, sagt Lobbyfrau Reule. „Stattdessen müssen wir sie in ihren Lebenswelten abholen und dort Angebote schaffen.“ Sonst habe Wein immer das Nachsehen gegenüber Bier. Das DWI geht dabei voran und tummelt sich unter anderem auf Internet-Plattformen wie Facebook und Instagram, besucht mit Verkostungsstationen Musik-Festivals wie zum Beispiel Juicy Beats in Dortmund, veranstaltet mit Winzern im Schlepptau Picknick-Events unter anderem in Großstadt-Parks und geht auf Food-Truck-Märkte.

Unterstützung kommt dabei auch vom Handel. Aldi Süd zum Beispiel schickt von Mai bis September einen Wein-Truck durch sein Verkaufsgebiet. Auf Festivals und Stadtfesten soll der zum Kiosk umgebaute blaue Kleintransporter eine Alternative zum klassischen Bier-Rondell sein. „Im Fokus steht hier insbesondere die junge Zielgruppe“, heißt es dazu von Aldi. 

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Jauch fühlt sich als Türöffner

Dass sich der Discounter für den Wein engagiert, kommt nicht von ungefähr. Immerhin ist Aldi der mit Abstand größte Weinverkäufer in Deutschland. Allein jede vierte Flasche läuft über das Kassenband der beiden Aldi-Gesellschaften, sagt Merle Rotonto, die bei Aldi Süd den Wein-Einkauf verantwortet. Über 100 Weine hat der Discounter mittlerweile dauerhaft im Sortiment – die zwei Cuvées von Günther Jauch schon eingerechnet. „Wir wollen unsere Weinkompetenz weiter stärken und sind daher ständig auf der Suche nach vielversprechenden neuen Projekten“, erklärt Rotondo die Kooperation mit dem TV-Star.

Auf der ProWein im vergangenen Jahr hat sie Jauch angesprochen, da war er noch allein in eigener Mission unterwegs, als Repräsentant für von Othegraven. Doch die Anfrage auf der Messe hat ihn sofort angefixt, erzählt er mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme. Zum einen fühlt sich der Gastgeber der Ratesendung „Wer wird Millionär“ persönlich geehrt, wie er durchblicken lässt. Zum anderen will er der Branche einen Dienst erweisen – indem er dabei hilft, den Absatz wieder anzukurbeln und gleichzeitig die Verkaufsanteile zugunsten des deutschen Weins zu verschieben.

„Ich will Türöffner sein für Menschen, die sonst keinen Wein trinken, und diesen Zielgruppen die Schwellenangst nehmen“, erklärt Jauch. Deshalb ziele er geschmacklich auch auf den Mainstream ab. „Mir ist klar, dass keiner eine zweite Flasche kauft, nur weil der Wein mit mir zu tun hat. Deshalb war mir wichtig, dass es kein Wein für Liebhaber wird, sondern einer, der schmeckt.“

Bild: III Freunde/David Daub

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