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Wie dieser Online-Supermarkt nach der Crowdfunding-Pleite weitermacht

Bei Myenso sollen Kunden über das Produktangebot entscheiden. Crowd-Anleger waren nicht überzeugt. Jetzt hat sich das Team Geld von anderen Investoren geholt.

Lebensmittel im Internet shoppen klingt erst einmal einfach. Haferflocken und Tomatenmark in den virtuellen Einkaufswagen legen, bezahlen, liefern lassen, fertig. Bestellen können Kunden so auch bei Myenso – das Gesamtkonzept hinter dem Online-Supermarkt ist aber deutlich komplizierter ist als bei Anbietern wie Rewe oder Bringmeister.

Der Grund: Bei Myenso dürfen Kunden mit darüber bestimmen, welche Produkte sie im Sortiment sehen möchten und welche Features sie sich auf der Seite wünschen. Allerdings ist der Shop nur für registrierte Nutzer einsehbar. Das Startup ist außerdem genossenschaftlich organisiert: Wer will, kann Teilhaber des Unternehmens werden. Basisdemokratie im Online-Supermarkt – an dieses Konzept müssen Verbraucher wohl erst herangeführt werden. Dafür spricht die Tatsache, dass eine Crowdfunding-Kampagne von Myenso Anfang dieses Jahres scheiterte. Zu wenige Anleger wollten investieren. Statt der geplanten 800.000 Euro kamen gerade einmal knapp 78.000 Euro zusammen. Die Gründer brachen die Kampagne ab.

Heute, ein knappes halbes Jahr danach, sei die Stimmung im Team gut, sagt Myenso-Mitgründer Thorsten Bausch im Gespräch mit Gründerszene und NGIN Food. Ein Bankdarlehen in Höhe von 9,5 Millionen Euro werde in den kommenden Wochen eingetütet, kündigt er an: „Wir kommen auf unserer Finanzierungsroute sehr gut voran.“ Wie die Lebensmittel Zeitung (Paywall) zuerst entdeckte, hat Myenso zuletzt ein Werbebudget in Höhe von sechs Millionen Euro von der Hannoveraner Madsack Verlagsgruppe bekommen, die dafür laut Handelsregister fünf Prozent der Anteile an der Enso eCommerce GmbH einstrich. Anzeigen in Tageszeitungen sollen dem Startup helfen, seinen Kundenstamm zu vergrößern. Zu den übrigen Gesellschaftern gehört unter anderem die Bremer Digitalagentur Team Neusta. Insgesamt haben Gründer und Gründungsgesellschafter laut Bausch seit dem Start im Jahr 2016 rund 14 Millionen Euro in das Unternehmen gesteckt – Fremdkapital ausgenommen.

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Trotzdem schreibe das Unternehmen nach wie vor Verluste, so Bausch. Im B2C-Supermarkt erziele das Startup 150.000 bis 180.000 Euro Umsatz pro Monat. Der durchschnittliche Warenkorb habe einen Wert von 60 Euro. Zweite Säule im Supermarkt-Geschäft von Myenso ist die Belieferung von Seniorenheimen und Dorfläden. Zusätzlich arbeitet das Startup als Marktforscher mit Herstellern zusammen, verdient etwa über Produkttests Geld.

Doch keine 100.000 Artikel

Im November 2017 hatte Bausch große Ziele für sein Startup geäußert. Bis Ende 2019, so formulierte es der Geschäftsführer damals, werde der Online-Supermarkt 100.00 Artikel im Sortiment haben. Dabei hatte Myenso seinen Onlineshop zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal gestartet. 

Auch heute ist das Bremer Startup noch weit entfernt von seinem einst hoch gesteckten Ziel. Derzeit befinden sich Unternehmensangaben zufolge rund 25.000 Artikel im Sortiment. Basislebensmittel wie Mehl oder Sonnenblumenöl sind dabei, außerdem Startup-Produkte, etwa von Reishunger oder Ankerkraut. „Wir haben unsere anfängliche Prognose gestrichen, weil wir festgestellt haben, dass sie ziemlich ambitioniert und ziemlich unnötig war“, so Myenso-Mitgründer Bausch auf Nachfrage. Man sei davon ausgegangen, dass Wettbewerber wie Amazon Fresh am Markt stärker wachsen.

Tatsächlich ist es – offenbar entgegen der Erwartungen einiger Unternehmer – bislang nicht zum Online-Durchbruch im deutschen Lebensmittelhandel gekommen. Obwohl der Online-Umsatz mit Lebensmitteln zuletzt stieg, steckt das Angebot noch in der Nische. Die Deutschen kaufen Nudeln und Wurst noch immer lieber beim Markt um die Ecke ein. Der Anteil der Online-Lebensmittelkäufe am Gesamtumsatz im Onlinehandel liegt gerade einmal zwischen einem und zwei Prozent. Länder wie Großbritannien oder Frankreich (jeweils mehr als sechs Prozent) sind da weiter. Bausch und sein Mitgründer Norbert Hegmann glauben dennoch an ihr Geschäftsmodell.

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Ihr Onlineshop werde sich nach und nach öffnen, kündigt Bausch nun an. Anders als heute sollen Nutzer bald ohne Registrierung das Sortiment sehen können. Und der Geschäftsführer hat neue Ziele: „Ende 2019 wollen wir 45.000 Kunden haben.“ Etwa doppelt so viele wie heute. Um das zu schaffen, wird das Startup für mehr Durchblick sorgen müssen. Bei den meisten Verbrauchern dürfte das Konzept noch Fragen aufwerfen. Bausch: „Vielleicht sind wir in der Tat zu komplex. Wir müssen uns in Zukunft einfacher erklären.“

Bilder: Myenso

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