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„Marley Spoon ist unterbewertet“

Im Sommer ist der Kochboxen-Anbieter an die australische Börse gegangen. Im Januar gab es neues Fremdkapital. Wie gut läuft das Geschäft von Marley Spoon?

Während der deutsche Vorreiter Hellofresh mit seinen Kochboxen einen Milliardenumsatz schreibt, liegen die Erlöse vom drei Jahre später gestarteten Marley Spoon noch immer im zweistelligen Millionenbereich. Beide Unternehmen sind an der Börse, kämpfen mit den gleichen Problemen: Kunden gewinnen – und vor allem auch behalten. Marley Spoon schafft es allerdings nicht, seine Verluste zu minimieren. Im vergangen Jahr hat sich der Jahresfehlbetrag um 45 Prozent verschlechtert: 2017 stand das Berliner Startup noch mit mehr als 28 Millionen Euro in den roten Zahlen, 2018 waren es sogar 41 Millionen Euro im Minus. 

Der australische Markt war bislang der stärkste, wurde 2018 von den USA überholt. In Europa wächst Marley Spoon nur langsam. Mitgründer und CEO Fabian Siegel pendelt mittlerweile zwischen dem New Yorker Büro und dem Hauptsitz in Berlin hin und her. In der US-Metropole hat sich das Kochboxen-Startup im Büro von Martha Stewart eingemietet. Die Berliner verschicken seit drei Jahren Rezeptboxen, die von der Fernsehköchin zusammengestellt werden. Ein Anruf nach New York.

Fabian, Marley Spoon hat im Januar diverse Kredite aufgenommen und verlängert. Was ist neu?

Wir haben einen neuen Investor bekommen: Union Square Ventures. In diesem Fall wurde der Anteil über eine Wandelschuldverschreibung strukturiert. Wenn ein Unternehmen an der Börse ist, dürfen Anteile erst nach einer Hauptversammlung herausgeben werden. Die muss erst einberufen werden, und das dauert einige Wochen. Wenn Unternehmer einen Deal machen wollen, dann rate ich, den immer schnell zuzumachen. Die einzige Art und Weise, das so schnell zu machen, ist über eine Wandelschuldverschreibung. Der Deal ist abgeschlossen, die zwölf Millionen Euro sind geflossen – erst einmal als Darlehen, das sich dann in Wertpapiere umwandelt.

Marley Spoon hat 2018 mit minus 36 Millionen Euro mehr Verluste geschrieben als geplant. Woran lag das?

Das lag daran, dass Marley Spoon im dritten Quartal mehr Kunden akquiriert hat als vorher angenommen. Das Marketingbudget, das wir in einen neuen Kunden stecken, haben wir nach sechs Monaten wieder. Das heißt, dass diese neuen Kunden erst 2019 Profite einbringen. Wenn wir den Wert nehmen, den ein Durchschnittskunde über den Zeitraum seines Kundendaseins einbringt, und den mit den Kosten vergleichen, die er verursacht, dann verdienen wir an jedem Kunden das Dreifache. Das heißt, mit jedem Dollar, den Marley Spoon investiert, bekommt das Unternehmen drei Dollar zurück. Unsere Margen sind 2018 von 16,5 Prozent auf 21 Prozent hochgegangen. Das heißt, an jeder Kochbox haben wir 22 Prozent verdient. Dieses Jahr wird die Marge sogar mehr als 25 Prozent betragen.

Wie schafft es Marley Spoon, die Margen derart zu erhöhen?

Das ist relativ einfach. Erst 20 Prozent der Zutaten kaufen wir direkt vom Produzenten. Den Rest müssen wir vom Zwischenhändler kaufen, weil wir noch zu klein sind. Das heißt, dass sich so auch in Zukunft viel höhere Margen entwickeln werden.

Marley Spoon hat im vergangenen Jahr 92 Millionen Euro umgesetzt. Mit welchen Zahlen plant ihr in 2019?

Dieses Jahr werden wir einen dreistelligen Umsatz schreiben. Aber 2019 wird auch ein Jahr sein, in dem wir immer noch investieren und Verluste schreiben. Vergangenes Jahr sind wir um 78 Prozent gewachsen. Hellofresh sagt dieses Jahr 25 bis 30 Prozent Wachstum voraus. Marley Spoon wird wahrscheinlich schneller als das wachsen, aber nicht so schnell wie vergangenes Jahr. Wir wollen aber keine konkreten Zahlen festlegen, weil wir uns nicht davon beeinflussen lassen wollen und auf Teufel komm raus etwas ändern müssen, nur, weil wir die Zahlen am Anfang des Jahres so festgelegt haben.

Wann erreicht Marley Spoon den Break-even?

Ab 2020 wird die Firma profitabel sein. Wir nageln uns aber nicht fest, ob wir auf Gesamtjahresbasis profitabel sein werden oder in einzelnen Quartalen.

Wie gut läuft das Deutschlandgeschäft?

Jeder Markt muss eine Profitabilität pro Kunde erfüllen, sonst können wir dort kein Geld investieren. Das gilt auch für Deutschland. Hier sind die Lebensmittelpreise günstiger als in anderen Ländern. Und diese niedrigen Preise führen tendenziell zu niedrigeren Margen. Das ist aber überall ähnlich in Europa. Allerdings führt das auch dazu, dass hier die Budgets pro Kunde niedriger ausfallen. Deshalb wird Marley Spoon in Europa immer ein bisschen langsamer wachsen. Der deutsche Markt ist stabil und gut, wächst aber nicht so dynamisch wie die USA oder Australien.

Wie hoch ist die Marge in Deutschland?

Deutschland weisen wir nicht getrennt aus, aber für Europa, was dem sehr ähnlich ist. Und da lag die Marge im vergangenen Jahr bei 19 Prozent. 

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Marley Spoon ist im Juli mit einem Angebotspreis von 1,42 Dollar an die Börse in Sydney gegangen. Der Wertpapierkurs sinkt seitdem kontinuierlich und liegt derzeit bei rund 40 Cents. Wie bewertest du das?

Bei dem aktuellen Kurs weicht die Bewertung von Marley Spoon meiner Meinung nach stark von dem ab, wie man eine Firma normalerweise bewerten würde. Aber das ist auch erst einmal egal. Für das Geschäft macht das keinen Unterschied, wie die Firma von außen bewertet wird. Aber ich habe selber im November knapp 200.000 CDIs (CREST Depository Interests sind Wertpapiere für ausländische Unternehmen, Anm.d.Red.) privat an der Börse gekauft. Weil ich einfach glaube, dass die Firma unterbewertet ist. 

Wie unterscheidet sich die australische Börse von anderen?

Gerade an der US- und auch an der australischen Börse gibt es häufig Unternehmen, die nicht dort beheimatet sind. Als Marley Spoon an die Börse gegangen sind, war die Firma noch kleiner. Und gerade für kleinere Firmen ist die australische Börse sehr gut. Dort ist es nicht überraschend, dass die Aktien zwischen fünf Cent und fünf Dollar liegen. Und dort gibt es auch nicht die Regel, dass man von der Börse genommen werden kann, wenn der Kurse zu lange unter einem Dollar liegt – so, wie in den USA. Für uns war es außerdem attraktiv, weil der australische Markt einen großen Teil des Geschäfts ausmacht.

Bild: Marley Spoon

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