Trends, Innovationen und Digitales aus der Lebensmittelbranche

Wie ein neues Marktmodell anspruchsvolle Städter mit Landliebe versorgt

Die Marktschwärmer bringen frische Lebensmittel aus regionaler Produktion ins Internet. Abgeholt wird die Ware in den Fluren Berlins. Bezahlt schon vorher.

Es ist so schön in der Stadt. Da ist immer etwas los. Man läuft ein paar Schritte bis zum nächsten angesagten Café oder abends um die Ecke in Clubs und Konzerte. Aber das reicht natürlich nicht. Es geht ja immer noch besser. Man will die Vorteile des Landes gefälligst auch in der City genießen. Zum Beispiel Frühstückseier, die frisch vom Bauernhof kommen und Kartoffeln, an denen noch Muttererde klebt.

Wenn man sich bei einer sogenannten Marktschwärmerei anmeldet, ist das kein Problem. Frisches Obst, Gemüse und sogar Fleisch und andere Lebensmittel vom Land werden taufrisch an die Kunden in nahe gelegene Städte geliefert. Die Anbieter kommen einmal in der Woche für zwei Stunden in die Stadt, bauen bei einem Gastgeber in der Nachbarschaft ihre Stände auf. Man holt sich dort die frische Ware ab und lernt so seine Lebensmittelproduzenten auch noch persönlich kennen.

Auf der Website der Marktschwärmer kann man sich informieren, aus welchen Betrieben die Kartoffeln, Zwiebeln und das Fleisch stammen. In Berlin kommen die meisten Produkte von Höfen, die nicht mehr als 90 Minuten mit dem Auto von der City entfernt sind.

Auch in Berlin-Schöneberg gibt es eine solche Schwärmerei. Einmal in der Woche erhalten die angemeldeten Mitglieder eine Mail, mit der sie an den Einkauf erinnert werden. Sie können dann auf der Website aus mehr als 200 Produkten von 17 Erzeugern aussuchen. Die angebotenen Produkte unterscheiden sich von Woche zu Woche und natürlich zu den Jahreszeiten. In dieser Woche sind auf den Braunsberger Höfen Sattelschweine geschlachtet worden. Deshalb sind Speck, Braten und sogar das Herz von dieser eher seltenen Rasse erhältlich.

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Auf dem Nachhauseweg von der Arbeit machen die Kunden im Kiez rund um die Goltz- und Akazienstraße einen kleinen Umweg und versorgen sich in ihrer Schwärmerei mit zuvor bestellten Waren. Hier gibt es keine Schlangen, weil die meisten Produkte fertig portioniert auf den Kunden warten und nicht langwierig nach Bargeld gekramt werden muss. Man kommt ins Gespräch, lernt Menschen kennen, die es auch mögen, wenn sie wissen, woher ihr Essen stammt.

In Frankreich fing alles an, hier existieren bereits mehr als 700 Schwärmereien. Nicht nur in Großstädten. Auch im ländlichen Raum. Jede Schwärmerei wird von einem Gastgeber organisiert. 2014 startete das Projekt europaweit: In Deutschland, Belgien, Großbritannien, Spanien und Italien arbeiten lokale Teams an Aufbau und Betreuung ihrer Netzwerke. 2016 sind Dänemark, die Niederlande und die Schweiz dazugekommen.

Die erste Schwärmerei in Deutschland wurde im Juli 2014 in Berlin eröffnet. Anfang 2017 gab es bereits 30 aktive Schwärmereien in acht Bundesländern, die von mehr als 300 Erzeugern beliefert werden. 60 weitere Schwärmereien sind im Aufbau. Das Netzwerk entwickelt sich jeden Tag weiter, sagen die Macher.

Die Idee der Gründer war es, „bewussteres Konsumverhalten“ zu unterstützen. So könne sich jeder Einzelne am Erhalt der biologischen Vielfalt, regionaler und gesunder Esskultur beteiligen, heißt es auf der Website. Am Dienstagabend stehen die Anbieter wieder mit ihren Waren in einem Hauseingang in der Barbarossastraße in Schöneberg. Leute aus der Nachbarschaft holen sich die bestellten Waren ab, bleiben noch eine Weile, kommen ins Gespräch und holen sich ihr ganz persönliches Stück vom Land. Mitten in der Stadt.

Dieser Text erschien zuerst im Juni 2017 in unserem NGIN-Food-Heft. Hier geht es zum Magazin!

Bild: Chris Marxen | Headshots-Berlin.de

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