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Dieser Gründer betreibt eine Madenfarm in Sachsen

Madebymade züchtet Fliegen und verkauft die getrockneten Larven als Tierfutter. Ein Investor soll schon hunderttausende Euro in die sächsische Firma gesteckt haben.

Ein Summen hallt aus dem Container. Kai Hempel zieht eine Folie hinter der Eingangstür beiseite. Der Raum ist mit einem violett schimmernden Speziallicht ausgeleuchtet, an Decke, Wänden und Fußboden sitzen zehntausende schwarze Fliegen. Hempel holt eine Eiablage heraus. Auf seiner flachen Hand krümmen sich die Tiere. Viele Menschen würden bei dem Anblick ekeln. Der Unternehmer sieht in den Larven ein ökologisches Geschäftsmodell, das dazu beitragen soll, die Welternährung zu sichern.

Der 32-Jährige ist Geschäftsführer des 2017 gegründeten Startups Madebymade, das aus tierischen Proteinen der Insekten Futtermittel produzieren will. „Die stark gestiegene Nachfrage nach Proteinen hat zur Überfischung der Meere und zur Rodung von Regenwald beigetragen“, sagt Hempel. „Unsere Insekten sind eine Alternative.“

Der gelernte Florist hat in Leipzig Betriebswirtschaft studiert. Sein Ziel war es immer, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Eine erste Idee waren Aquakulturen ­– also die künstliche Aufzucht von Fischen oder Krebsen. Hempel erstellte einen Businessplan. „Doch egal wie ich es rechnete, das teure Fischmehl als Futter durchkreuzte immer die Wirtschaftlichkeit“, erzählt er. Also suchte er nach alternativen Futtermitteln und stieß so auf das Thema Insekten. Diese besitzen einen hohen Proteingehalt und eignen sich nach Ansicht des Gründers bestens als Ersatz.

Eine Million Soldatenfliegen im Container

Vor den Toren Leipzigs hat sich die junge Firma im vergangenen Jahr in eine große Halle eines Agrar-Betriebes eingemietet. Gemeinsam mit dem Biologen Jonas Finck (32) hat Hempel eine Pilotanlage aufgebaut. Gut eine Million Schwarze Soldatenfliegen leben in dem Container. Genutzt werden jedoch nur deren Larven. Die verteilt Madebymade auf riesigen Stahlblechen und füttert sie zwei Wochen lang mit aussortierten Lebensmitteln an. Ein eigens entwickeltes Belüftungssystem trocknet die Larven, bevor sie sich zu Fliegen entwickeln. Die trockenen Insekten werden dann als Kraftfutter verkauft.

Aktuell produziert das sächsische Unternehmen nur einige Kilogramm am Tag. „Wir mussten erst einmal nachweisen, dass unser System auch funktioniert“, sagt Finck. Eine geplante Großanlage soll künftig acht Tonnen täglich herstellen. „Die Größenordnung ist notwendig, um am Markt interessant zu sein“, erläutert Hempel.

Die Larven werden luftgetrocknet und dann als Tierfutter verkauft.

Insekten zur Tierfutter-Produktion zu nutzen, ist in Deutschland noch relativ neu. „Grundsätzlich begrüßen wir es als Verband, wenn immer wieder nach unterschiedlichen alternativen Rohwaren gesucht wird“, teilt eine Sprecherin des Deutschen Verbands Tiernahrung mit. Das Thema Insektenproteine werde beobachtet. Das Larvenmehl darf bisher nur in Aquakulturen und für Haustierfutter verwendet werden. Als Futtermittel für Schweine oder Hühner gibt es dagegen noch keine Zulassung. 

„Insekten sind eine gute Alternative für Fischmehl“, sagt Brigitte Paulicks vom Lehrstuhl für Tierernährung an der Uni Münster. Auch pflanzliche Eiweiße könnten sie ersetzen. Noch immer würden etwa für Soja große Regenwaldflächen vernichtet. Paulicks ist eine der wenigen Wissenschaftlerinnen in Deutschland, die sich mit dem Thema Insekten als Futtermittel befasst. Einige Insektenarten wie Mehlwürmer und Heuschrecken sind seit 2018 in der EU bereits als Nahrungsmittel zugelassen. „Daher ist auch ein breiterer Einsatz als Tierfutter künftig realistisch.“ Ob sich die energieintensive Insektenzucht finanziell lohnt, dazu liegen laut Paulicks bisher auch international nur wenige Daten vor. In Deutschland werden Insekten bisher nur in kleinem Rahmen etwa für Zoos und Tierhandlungen gezüchtet. Lediglich die Firma Hermetia aus dem brandenburgischen Baruth hat bereits eine größere Insektenfarm für die Futtermittelproduktion aufgebaut. 

Insekten-Startups erobern die Supermarktregale

Im Januar hat eine EU-Verordnung den Weg für Food-Startups geebnet, die Lebensmittel aus Insekten verkaufen. Nun haben es die ersten in den Handel geschafft.

Madebymade erzielt aktuell nur geringe Umsätze. Testweise wird das Insektenmehl bereits an Hundefutter-Hersteller geliefert. Finanziert wird das Unternehmen von Investoren. Die Golzern Holding, ein Unternehmen aus der Papierindustrie, hat sich laut Madebymade „mit einem hohen sechsstelligen Betrag beteiligt“. Damit sei die Pilotanlage finanziert worden.

Ziel des Startups ist es, modulare Insektenfarmen standortunabhängig aufzubauen. „Viele Agrarbetriebe und Großmärkte müssen pflanzliche Reststoffe heute noch teuer entsorgen“, sagt Hempel. Durch die Insektenproduktion könne sich das ändern. Zugleich werde ein eiweißreiches Futtermittel produziert. Ekel vor der Schwarzen Soldentenfliege muss nach Ansicht des Gründers niemand haben. Am Container setzt sich eine Fliege auf seinen Arm. Hempel: „Als Nahrung benötigt die nur Wasser, sauberer geht es kaum.“

Bilder: Steffen Höhne / Gründerszene, Madebymade

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