Trends, Innovationen und Digitales aus der Lebensmittelbranche

Wie Lidl und SAP die Digitalisierung zum 500-Millionen-Grab machten

Lidl stoppt das SAP-Software-Projekt Elwis, in das schon über eine halbe Milliarde Euro geflossen ist. Nicht der erste Rückschlag auf Lidls Weg ins digitale Zeitalter.

Eigentlich hätte das neue Warenwirtschaftssystem von Lidl die Abläufe des Discounters effizienter machen sollen. Es hätte die Geschäftsgänge überwachen und die Logistik beschleunigen müssen. Das Datensystem hätte außerdem den Workflow der Lidl-Filialen weltweit vereinheitlicht. Doch stattdessen wurde „Elwis“ (elektronisches Lidl-Warenwirtschaftsinformationssystem) zum Millionengrab für den Discounter aus Neckarsulm. Vor wenigen Tagen zog der Vorstand die Reißleine und beendete das Projekt.

2011 hatte Lidl die Software-Firma SAP beauftragt, ein neues Warenwirtschaftssystem zu entwickeln, das auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten sein sollte. Wie Medien berichten, hatten seitdem über hundert IT-Spezialisten an dem System getüftelt, über 500 Millionen Euro sollen in das Projekt geflossen sein. In einer E-Mail an die Mitarbeiter, die der Heilbronner Stimme vorliegt, schreibt der Vorstand nun, dass „die ursprünglich definierten strategischen Ziele nicht mit vertretbaren Aufwand“ zu erreichen seien. Statt Elwis soll jetzt Wawi, das bestehende Warenwirtschaftssystem von Lidl, intern weiterentwickelt werden. 

Elwis war bisher nur in Nordirland, Österreich und den USA eingesetzt worden. Eine Weiterentwicklung wäre den Worten der Lidl-Geschäftsführung folgend sehr teuer geworden. Damit hat Lidl wohl eine Milliarden Euro versenkt. Es ist wohl die größte, wenn auch nicht die erste Panne auf Lidls Weg in die Digitalisierung: 

  • Die unstete Personalpolitik an der Spitze von Lidl Digital wirft ebenfalls kein gutes Licht auf die langfristige Strategie in diesem Bereich. Als der Discounter im Oktober 2016 seine Digital-Einheit aufbaute, wurde sie zunächst von Philipp Götting geleitet. Im August 2017 wurde die Führung an Thorsten Reichle übergeben, und seit Juni dieses Jahres steht Marcus Rodermann an der Spitze von Lidl Digital. Auch der langjährige E-Commerce-Chef Heiko Hegwein hat Lidl 2017 verlassen. Der Abgang von Firmenchef Sven Seidel soll ebenfalls damit zusammenhängen, dass er für den Geschmack der Schwarz-Gruppenführung zu sehr auf Digitalisierung gesetzt hat. Mit Seidel ist nach NGIN-Food-Informationen 2017 auch ein 20 Mitarbeiter starkes Projekt beendet worden, das Lidls Antwort auf Amazon Fresh erarbeiten sollte. 
  • Es ist nicht so, dass Lidl keine digitalen Ideen hätte. Nur wirkt es, als stünde keine Strategie für die ganze Kette dahinter. In Spanien und  Österreich etwa gibt es die App Lidl Plus. Sie bietet Bonusprogramme, Sonderangebote, Gutscheine und Gewinnspiele. In Großbritannien hat Lidl den Chatbot Margot entwickelt, der Kunden über den Facebook-Messenger beim Kauf von Wein berät. Und in Schweden will der Discounter sogar autonom fahrende Lieferwagen einsetzen. 
  • Eine Belastung für das Unternehmen ist auch der missglückte Start in den USA. Hier setzte Lidl auf eine klare Brick&Mortar-Strategie, wie es in den Staaten genannt wurde. Gemeint war damit ein klarer Fokus auf das Offline-Geschäft mit 100 geplanten Filialen. Allerdings ging nur gut die Hälfte bislang in Betrieb, voraussichtlich wird es dabei auch vorerst bleiben. Die einzige Erfolgsgeschichte für Lidl in den USA scheint ausgerechnet die Kooperation mit dem Lieferstartup-Shipt zu sein. 
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Bild: Getty Images / JUSTIN TALLIS / Contributor

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