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Warum gibt es so wenig Lebensmittel mit Schönheitsfehlern im Handel?

Jährlich werden Tonnen von Obst und Gemüse weggeschmissen, weil es zu hässlich für den Verkauf ist. Liegt die Schuld beim Verbraucher oder den Supermärkten?

In der vergangenen Woche ging es bei Netto eine Woche lang ganz nachhaltig zu. In einer Aktionswoche verkaufte der Discounter mit dem rot-gelben Logo deutschlandweit Äpfel und Karotten mit Schönheitsfehlern aus deutschem Anbau. Bei den Kunden sei die Initiative beliebt, sagte Netto dazu. Das Ganze orientierte sich laut dem Discounter an der regionalen Erntesituation – und die erlaube einen solchen Verkauf nur innerhalb dieser Aktionswochen, so Netto auf Nachfrage von NGIN Food. Für den ganzjährigen Verkauf sind demnach wohl nicht genügend verkrüppelte Lebensmittel verfügbar.

Obwohl ich regelmäßig bei Netto einkaufen gehe, ist mir diese Aktion nicht einmal aufgefallen. Man mag sich nun darüber streiten, ob das mehr über das Aussehen des üblichen Sortiments des Discounter aussagt oder über meine Aufmerksamkeit. Doch in jedem Fall hat die Aktion dem Thema nicht zu großer Bekanntheit verholfen. Dabei wäre eine Debatte über die Verschwendung von Lebensmitteln, die nicht den ästhetischen Ansprüchen der Verbraucher genügen, überfällig. Anders als die Aktion von Netto suggeriert, gibt es das ganze Jahr über durchaus genug Ausschussware bei Obst und Gemüse.

Eine EU-Richtlinie regelt zwar, wie schön Obst und Gemüse sein muss, um es als Klasse I oder II zu verkaufen, allerdings fallen nur die zehn wichtigsten Nahrungsmittel unter die sogenannte Vermarktungsnorm, darunter Äpfel und Tomaten. Bei allen anderen Erzeugnissen kann der Handel entscheiden, ob er beispielsweise die Avocado als B-Ware verkaufen möchte oder nicht. Eine Richtlinie, die den Verkauf von krummem Obst und Gemüse verbietet, gibt es nicht. Dennoch wird in Deutschland rund ein Drittel der Ernte weggeworfen, da sie nicht schön genug ist, um es zu verkaufen. Ein Irrsinn! Schließlich gäbe es doch genügend Verwendungen, bei denen die Optik des Gemüses herzlich egal ist. Muss der Verbraucher umdenken?

Sind wir schuld?

Natürlich gibt es zahlreiche Initiativen, die gegen Lebensmittelverschwendung vorgehen. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gibt Millionen für Forschungsvorhaben und Fördergelder in diesem Bereich aus. Auch Startups wie Dörrwerk oder Knödelkult profitieren von der Förderung, um Lebensmittelverschwendung zu verringern. Die beiden Startups stellen aus ausrangierten Lebensmitteln neue Produkte her. Andere junge Unternehmen wie Ugly Fruits oder Etepetete verkaufen verformtes Obst und Gemüse, was eigentlich in der Mülltonne landen würde. Auch ein paar Discounter schließen sich dem an. Penny und Aldi Süd verkaufen krumme Bio-Karotten oder kleinwüchsige Tomaten. 

In den meisten Supermärkten findet man solche Angebote allerdings nicht, erst recht nicht für das ganze Sortiment. Der Otto-Normal-Verbraucher, der seinen gewohnten Wocheneinkauf im Supermarkt macht und die immer gleichen Produkte kauft, bekommt von der Problematik gar nichts mit. Wer gutes tun will, muss das schon bewusst tun. Denn mal ehrlich: Zwar würde niemand öffentlich Lebensmittelverschwendung gutheißen. Doch am Ende siegt die Bequemlichkeit doch meist über das schlechte Gewissen. Da geben wir doch lieber ein paar Cent mehr für die formschönen Karotten aus, als unsere wertvolle Zeit zu investieren, um nach nachhaltigeren Alternativen zu suchen. 

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Wenn krumm, dann mit Dreck

Würden die Supermärkte solche krummen Früchte ständig anbieten, würden die Kunden fraglos häufiger zu dieser reduzierten B-Ware greifen. Und auch nicht nur die Pfennigfuchser. Deshalb wäre es zu einfach, die Schuld beim verwöhnten Verbraucher allein zu suchen. Das Angebot muss sich ändern. Am Beispiel von Penny kann man sehen, dass sich dann auch das Kaufverhalten wandelt. Hier hat sich nach Unternehmensangaben die verkaufte Menge der B-Waren nach einem Jahr um knapp acht Prozent erhöht. Vor allem krumme Gurken und Paprika sind der Verkaufsschlager.

Und am Ende ist doch alles eine Frage des Marketings. Denn eine Sorte Obst und Gemüse hat schon lange das Recht, schief und krumm, am besten sogar noch dreckig zu sein: Bio-Gemüse vom Wochenmarkt. Hier hat man manchmal den Eindruck, je mehr Dreck und Erde noch an den Salaten und Rüben klebt, desto mehr ist der bio-bewusste Großstädter bereit, dafür zu zahlen. Würden es die Supermärkte schaffen, die Ausschussware mit dem Label der Authentizität zu versehen; es wäre nur eine Frage der Zeit, bis sich so manch ein Kunde geradezu darüber freuen würde, dass seine Kartoffel aussieht, als hätte er sie gerade aus dem Acker gezogen.

Bild: MYCHELE DANIAU / Getty Images

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