Trends, Innovationen und Digitales aus der Lebensmittelbranche

Wann kommt der erste kassenlose Supermarkt nach Deutschland?


 

Die Technik spielte im deutschen Einzelhandel lange Zeit eine ähnliche Rolle wie das Ungeheuer von Loch Ness: Das Thema tauchte immer wieder einmal auf und versank danach danach ebenso ereignis- wie folgenlos wieder. Ikea und wenige andere waren die Self-Scanning-Exoten – Ausnahmen, die die Regel bestätigten, wonach der deutsche Kunde lieber in der Schlange warte als selbst zum Scanner zu greifen.

Ein Hauptgrund für die Zurückhaltung laut Umfragen: Man wolle die Jobs der Kassierinnen nicht gefährden. Die Mitarbeiterinnen würden zur Überwachung und Beratung gebraucht, versichern die Techniker zwar. Doch auf mittlere Sicht dürfte die Automatisierung natürlich Jobs kosten.

Neu ist, dass die Systeme trotz der geringen Akzeptanz eingebaut werden – die Kaufleute setzen offenbar auf die Macht des Faktischen. Laut EHI-Institut hat bereits mehr als jeder dritte Händler Self-Checkout-Systeme im Einsatz, in zwei bis drei Jahren werde es jeder zweite sein. Dazu zählen nicht nur Handscanner, sondern beispielsweise auch Tunnel, die die Ware automatisch auslesen, sobald sie auf dem Band liegt, oder Automatensysteme, die das Wechselgeld ausgeben.

Schon jetzt könnte das Auschecken und Bezahlen aber auch ganz ohne Kasse funktionieren – nicht nur bei Amazon Go. Diebold Nixdorf experimentiert nach Angaben von Bücker mit einem Einkaufswagen, der die Ware mit Kameras erkennt und beim Verlassen des Geschäfts abrechnet. „Eigentlich ist es Unsinn, Waren in einen Einkaufskorb zu legen und sie dann an der Kasse wieder herauszunehmen“, sagt er.

Die Gründerfirma Rapitag wiederum hat ein Zahlungssystem entwickelt, das an Diebstahlsicherungen für vergleichsweise werthaltige Geräte etwa im Elektronikhandel anknüpft. Normalerweise werden die dafür typischen Plomben mit Schnüren heute an der Kasse nach der Bezahlung entfernt. Die Rapitag-Plomben kann der Käufer dagegen selbst abstreifen, nachdem er per Smartphone einen Zahlvorgang ausgelöst habe, so Rapitag-Chef und -Gründer Alexander Schneider auf der Düsseldorfer Messe.

Die physische Sicherung bleibt im Laden, und der Kunde marschiert an der Kassenschlange vorbei ins Freie – ganz legal selbstverständlich. Im Sommer werde es einen ersten Praxiseinsatz in einem Elektronikmarkt geben, kündigte Schneider an. Einzige Voraussetzung für die Kunden: Auf das Handy muss zuvor eine passende App heruntergeladen worden sein.

Ob sich die Idee flächendeckend durchsetzt, ist offen. Sie zeigt indes, dass die Vielzahl von technischen Neuerungen zu Kombinationen und Möglichkeiten führt, die noch vor wenigen Jahren als ferne Utopie gegolten hätten. So wie beispielsweise auch der digitale Laden-Scout Paul. Derzeit seien fünf Paul-Exemplare im Einsatz, sagt Raiser: vier bei der Gruppe Media Saturn und einer als Museumsführer im Haus der Geschichte in Bonn.

In mehr als hunderttausend Kundenkontakten hätten Paul und seine Klone sich inzwischen bewährt. Schon bald, ist Ulrich Reiser sicher, werde die Gruppe wachsen und eine „niedrige dreistellige Zahl“ an Pauls werde bald durch die Gänge deutscher Läden huschen, Kunden nimmermüde auf Produktvorteile und Regalplätze aufmerksam machend.

Bloß eins, sagt Reiser, sehen Pauls Algorithmen nicht so recht vor: Small Talk mit den Kunden über dieses und jenes. Auch deshalb habe man den mobilen sprachbasierten Assistenten nicht allzu humanoid gestaltet. Sondern nur ein bisschen menschenähnlich. Etwa wie eine Zapfsäule mit Augen.

Dieser Text erschien zuerst auf welt.de.

Bild: Getty Images / Stephen Brashear / Stringer; Grafiken: WELT

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