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Wann kommt der erste kassenlose Supermarkt nach Deutschland?

AmazonGo setzt den deutschen Handel unter Druck. 86 Prozent der Händler wollen ihr Kassensystem bald erneuern. Der Bezahlvorgang wird sich grundlegend ändern.

Paul sei bei den Kunden äußerst beliebt, weil man ihn einfach immer alles fragen könne. Sogar fünf Minuten vor Ladenschluss, wenn die menschlichen Kollegen – ehrlich gesagt – schon mal die Augen rollen, wenn wer noch ganz schnell wissen wolle, wo denn bloß die Handyakkus liegen, bleibe Paul immer nett, spreche ein paar verbindliche Worte und rolle voran an die richtige Stelle, sagt Ulrich Reiser.

Logisch, denn Paul hat an Themen wie Feierabend kein Interesse, er ist ein Roboter mit der offiziellen Bezeichnung „Care-O-bot 4“. Reiser, Chef der Firma Mojin Robotics, ist Hersteller des mobilen sprachbasierten Informationssystems, wie nüchterne Ingenieurs-Gemüter den automatischen Laden-Helfer titulieren.

Paul ist Pionier einer umfassenden Modernisierungswelle, die den deutschen Handel erfasst hat und die in naher Zukunft deutlich an Schwung gewinnen wird. Frei bewegliche Informationsroboter sind eine Facette, doch auch das Bezahlen an der Kasse wird sich schon bald gründlich verändern, sind die meisten Fachleute auf der Düsseldorfer Handelstechnologie-Messe EuroCis einig, die bis 1. März läuft.

„Der Handel öffnet sich für neue Technologien“, sagt Bernd Büker, Manager des Technologie-Herstellers Diebold Nixdorf. „Das Thema Selbstbedienungskassen hat Fahrt aufgenommen, auch Self Scanning wird vermehrt eingesetzt, ebenso bargeldlose Bezahlfunktionen beispielsweise mit dem Smartphone.“

Im deutschen Handel habe sich in den letzten Jahren ein Investitionsstau gebildet, der sich derzeit auflöse. Ein Antreiber – auch wenn es auf der Messe in Düsseldorf kaum jemand offen zugeben will – ist der erste komplett kassenlose Laden von Amazon in den USA. Der Handelsriese hat den ersten „Amazon Go“-Shop nach vielen Monaten des Experimentierens Ende Januar in Seattle eröffnet. Dort erfassen Kameras jeden Kauf durch zuvor registrierte Kunden und rechnen ihn beim Verlassen des Geschäfts automatisch ab.

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Ganz so werde es in Deutschland nicht laufen, schon aus datenschutzrechtlichen Gründen, glauben die Experten. Doch unumstritten zeigt das Amazon-Konzept, was inzwischen technisch möglich ist. Teile davon könnten schon bald Normalität in deutschen Läden sein. Der digitale Wandel kommt unauffällig, aber gewaltig auf Kunden und Kaufleute zu. „Kein Händler geht hin und schafft die Kassen ab, wie es Amazon mit seinem Concept Store Amazon Go versucht. Dennoch steht die Modernisierung des Bezahlens vor einem Schub in Deutschland“, sagt Büker.

Eine Studie des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI bestätigt die anrollende Modernisierungswelle. Danach wollen 86 Prozent der Händler in den nächsten zwei bis drei Jahren ihre Kassensysteme ganz oder zumindest teilweise erneuern, wie Çetin Acar, IT-Chefforscher des EHI, erklärt.

Ein zentrales Thema bei dem Umbruch: die Verknüpfung des Handels in den Läden vor Ort mit den Möglichkeiten des digitalen Handels. Eine Voraussetzung dafür ist, dass die Kassen in den Geschäften nicht nur die Preise abrechnen, sondern im Hintergrund zeitgleich – oder mit höchstens einigen Minuten Verzögerung – den Verkauf in die zentralen Lagerhaltungssysteme des Händlers einspeisen. Eine derartige permanente Inventur findet derzeit nach der EHI-Umfrage schon jetzt bei etwa zwei Dritteln der Händler statt. Vor zwei Jahren war es erst die Hälfte, in zwei Jahren werden es fast alle sein (laut Umfrage 92 Prozent).

Ein weiteres großes Thema ist das Bezahlen ohne Bargeld – und teils auch ohne Bankkarten, die in irgendwelche Lesegeräte eingeschoben werden müssen. Die Technik dafür gibt es längst, nun folgt der Gewöhnungseffekt bei den Kunden. Die Discounter spielen dabei die Rolle eines Katalysators. „Kontaktloses Bezahlen wird durch Aldi und Lidl in die Breite getragen“, stellt Acar fest.

Aldi Nord hatte beispielsweise erst Anfang Dezember bekannt gegeben, nach Kreditkarten von Master Card und Visa auch Plastikgeld von American Express zu akzeptieren – inklusive einer kontaktlosen Bezahlfunktion. Auch mobile Zahlsysteme wie Paypal oder Apple Pay sind auf dem Vormarsch. Beim Einsatz von Selbstbedienungskassen gibt es ebenfalls eine neue Entwicklung.

Bild: Getty Images / Stephen Brashear / Stringer; Grafiken: WELT

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