Trends, Innovationen und Digitales aus der Lebensmittelbranche

Silicon Valley? Willkommen in Pirmasens, Julia Klöckner!

Die Landwirtschaftsministerin möchte Deutschland zu einem Agrar-Silicon-Valley machen. Leider haben nur wenige Bauern hierzulande gutes Internet.

Julia Klöckner hat schon manchmal in ihrer Karriere den Anschein erweckt, mit ihren aktuellen Aufgaben nicht ausgelastet zu sein. Als die CDU-Politikerin sich im Wahlkampf in Rheinland-Pfalz 2016 den Niederungen der Landespolitik zwischen Trier und Worms hätte widmen sollen, hielt sie es für ratsam, stattdessen Bundeskanzlerin Angela Merkel Ratschläge in der Asylpolitik zu geben. Ihr Plan zur Lösung der Flüchtlingskrise namens A2 wurde allerdings weder in die Tat umgesetzt, noch verhalf er ihr zum Gewinn der Landtagswahl. Zu viel Paris, zu wenig Pirmasens sei sie, hieß es damals. 

Stattdessen wurde sie im März dieses Jahres zur Bundeslandwirtschaftsministerin. Doch man wird das Gefühl nicht los, dass Frau Klöckner auch damit noch nicht zufrieden ist. Im Fernsehen diskutiert sie bei Sandra Maischberger nach wie vor lieber ihr Lieblingsthema Burkaverbot statt über Ernährung, Insektensterben oder die Digitalisierung der Landwirtschaft zu sprechen. Dabei ist letzteres das Schlüsselthema ihrer Legislatur, wie sie auf Veranstaltungen der Lebensmittelbranche immer wieder betont. So auch in der vergangenen Woche. 

Da hat Klöckner nämlich gleich zweimal zum großen Wurf ausgeholt. Bisher nur verbal, versteht sich. In einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung forderte sie: „Wir brauchen ein Silicon Valley der Agrar- und Lebensmittelbranche in Deutschland.“ Und auf einer Veranstaltung des Tagesspiegels kündigte sie an, das „Global Forum for Food and Agriculture“, eine Konferenz, die jährlich zur Lebensmittelmesse „Grüne Woche“ in Berlin stattfindet, massiv aufwerten zu wollen. „In der Wirtschaftspolitik haben wir Davos, in der Sicherheitspolitik die Münchener Sicherheitskonferenz. Auf dieses Level wollen wir das Global Forum in Berlin heben“, so die Ministerin.

Was Julia Klöckner unter digitalisierter Landwirtschaft versteht

Digitalisierung, Lebensmittelampel, Ernährungsbildung – es stehen viele Punkte auf Julia Klöckners Agenda. Wir fassen zusammen, was die neue Agarministerin vorhat.

Silicon Valley, Davos und die Münchener Sicherheitskonferenz – klangvolle Namen, die aus der Weltwirtschaft und -politik nicht mehr wegzudenken sind. Das klingt auch karrieretechnisch viel besser als ein deutsch-slowenisches Bienenabkommen, ein Verbot von Glyphosat für Hobby-Gärtner oder womit sich eine Landwirtschaftsministerin sonst noch so herumschlagen muss. 

Und was ist nicht alles schon zum nächsten Silicon Valley erklärt worden. Silicon Saxony, Silicon Cologne, das rheinische Silicon Valley. Unicorns aus Bautzen, Krefeld und Bonn sind uns bis heute aber leider noch nicht begegnet.

no images were found

Nun ist es natürlich grundsätzlich eine gute Sache, der Lebensmittelwirtschaft – die mit Blick auf die hier erwirtschafteten Umsätze in der Tat ein erstaunliches Schattendasein in der öffentlichen Debatte fristet – ein ähnliches Forum geben zu wollen. Es wäre allerdings eine noch bessere Sache, wenn die konkreten Maßnahmen Klöckners Politik mit solchen Dimensionen Schritt halten würden.

Gut 100 Tage ist die Landwirtschaftsministerin inzwischen im Amt. Laut dem Fachportal Agrarheute schreibt sich Klöckner in Puncto Digitalisierung folgende Aspekte auf die Haben-Seite: Ein 12-Punkte-Plan, ein runder Tisch, ein Förderprogramm, neue Strukturen im Ministerium und noch ein Programm zur Digitalisierung der Landwirtschaft mit 10 (in Worten: zehn) Millionen Euro. So viel Geld hat allein das Startup EcoRobotix aus der Schweiz vor einem Monat von BASF zur Entwicklung eines Jät-Roboters erhalten.

Folge NGIN Food auf Facebook!

Es ist erst zwei Monate her, da hat der Bauernverband beklagt: Das Internet auf dem Land sei einfach zu schlecht für eine Digitalisierung der Landwirtschaft. Ein Alarmschrei, der zeigt, wie nötig weitere Investitionen in Agrar-Technik sind. Die beginnen allerdings bei absoluten Basics wie dem Breitbandbausbau oder der Einführung bereits bestehender Technologien in der Breite. Wenn danach noch Mittel zur Verfügung stehen, echte Innovationen im Agrarsektor zu fördern, hätte Julia Klöckner eine wahre Mammutaufgabe bewältigt. Dann könnte sie sich wohl aussuchen, ob sie anschießend nach Davos, München oder ins Silicon Valley geht. Oder doch nach Paris. Doch bis dahin heißt es leider: Willkommen in Pirmasens, Frau Klöckner!


Bild: BMEL/Thomas Koehler/photothek.net

 

 

 

 

 

Folge NGIN Food auf:

In Kooperation mit
amplifypixel.outbrain