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Takeaway-Gründer Jitse Groen: „Ich hatte Hunger, keine Visionen”

Die Lieferdienste Takeaway und Delivery Hero liefern sich einen Marketing-Krieg. Hier erzählt der Takeaway-Gründer, warum der deutsche Markt so schwierig ist.

Mehr als ein Jahr nach dem Börsengang sieht Takeaway-Gründer Jitse Groen seine Unternehmensgruppe auf einem guten Weg – trotz eines Verlustes von 15,5 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2017. Die niederländische Firma Takeaway hatte 2014 den Berliner Lieferdienst Lieferando übernommen.

Takeaway legte am Mittwoch erste Jahreszahlen für 2017 vor. Danach ist der Auftragseingang gegenüber dem Vorjahr um 38 Prozent gestiegen und erreichte knapp 70 Millionen Bestellungen. Mit über 900 Mitarbeitern wickelte der Konzern Bestellungen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro ab und erzielte in den zwölf Monaten zum 30. Juni 2017 einen Umsatz von 139 Millionen Euro. Takeaway kündigte für Februar 2018 den Rückzug aus Frankreich an, um sich auf seine stärkeren Märkte zu konzentrieren. Die offiziellen Jahreszahlen wurden für Ende Februar angekündigt.

Update 28. Februar 2018: Takeaway konnte im gesamten Jahr 2017 seinen Umsatz auf 166,5 Millionen Euro steigern, wie aus dem Jahresbericht hervorgeht. Das ergibt ein Gesamtwachstum von 49 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, rund 57 Prozent auf dem deutschen Markt. Allerdings sind auch die Verluste um 36 Prozent gestiegen. Der Lieferdienst hat demnach im vergangenen Jahr 42 Millionen Euro verloren. Vor allem die Ausgaben für Marketing haben sich 2017 erhöht: 116,6 Millionen Euro gab Takeaway dem Bericht zufolge für Werbemaßnahmen aus.

Zwischen den konkurrierenden Lieferdiensten Takeaway (Lieferando) und Delivery Hero (Pizza.de, Lieferheld und Foodora) tobt ein Marketing-Krieg, der allein bei Takeaway zweistellige Millionenbeträge verschlingt.

Herr Groen, wann wird Takeaway die Gewinnzone erreichen?

Die höchsten Verluste gab es im ersten Halbjahr 2017. Wir wollen innerhalb der nächsten zwei Jahre profitabel sein. Daran hat sich nichts geändert.

War 2016 der richtige Zeitpunkt für einen Börsengang?

Das war zwischen Brexit und Trump – eigentlich der schlechteste Moment, um einen IPO vorzubereiten. 2017 wäre das anders gewesen: Es gibt viel Kapital und die Zinsen sind niedrig. Aber aus strategischer Sicht war es der richtige Zeitpunkt. Denn wir sind in Holland und Deutschland schnell gewachsen – bei den Bestellungen nach unseren Schätzungen von 20 auf 55 Prozent Marktanteil in Deutschland seit 2014.

Wie rechnet sich eigentlich das Geschäft mit den Essenslieferungen mit eigenen Lieferboten?

Wir stellen die Kuriere an, wir versichern sie und wir bezahlen Steuern. Ein Fahrer kostet uns ungefähr 14 Euro pro Stunde. In dieser Zeit schafft er zwei Lieferungen. Eine Order kostet uns also sieben Euro. Demgegenüber beläuft sich die durchschnittliche Bestellsumme in Deutschland auf 20 Euro. Davon erhalten wir einen Anteil von 25 bis 30 Prozent. Damit wäre ein Break Even möglich, aber es gibt noch die Marketingkosten. Sie müssen jedoch wissen, dass dieser Teil unseres Geschäfts nur etwa ein Prozent unserer Aufträge ist. Die meisten Bestellungen werden von den Restaurants selbst ausgeliefert, und dieses Geschäftsmodell ist für uns sehr profitabel.

Wie viel geben Sie für Marketing aus?

Wir haben 2016 in Deutschland 51 Millionen Euro für Marketing ausgegeben. 2017 war es etwas mehr. Aber das ist notwendig, um die komplette Bevölkerung zu erreichen.

Warum?

Mehrfach-Kunden bestellen im Durchschnitt 10,8 Mal pro Jahr. Das ist noch relativ wenig, denn die Menschen essen jeden Tag. Deshalb muss so viel Geld in das Marketing investiert werden.

Warum halten Sie sich bei der Internationalisierung zurück?

Das tun wir nicht, aber wir sind bei der Auswahl der Länder eher selektiv. Es gibt zur Zeit weltweit nur drei Länder, in denen man mit Essenslieferung viel Geld verdient: Großbritannien, USA und Holland. In einer begrenzten Zahl von anderen Ländern ist das auch möglich, wie zum Beispiel in Deutschland, Polen, der Türkei und in Brasilien. In Deutschland und Polen sind wir Marktführer. Wir sind sicher, dass wir in der Zukunft dort hohe Profite erwirtschaften werden.

Worin unterscheiden sich Ihre Märkte?

99,5 Prozent unseres Geschäfts machen wie in den Niederlanden, Belgien, Österreich, Polen und in Deutschland. Die meisten unserer Märkte sind reiche Länder. In Holland haben wir im ersten Halbjahr 20 Millionen Euro Gewinn gemacht. Wir sind in Belgien profitabel, aber nicht sehr. Und wie gesagt, in Deutschland wollen wir profitabel werden.

Warum klappt das in Frankreich nicht?

Die Menschen bestellen dort kein Essen. Frankreich ist im wesentlichen Paris, da gibt es an jeder Ecke gute Restaurants und in Südfrankreich ist das Wetter schön. Das ist eine kulturelle Sache.

... und in Deutschland?

In Deutschland können sich die Menschen das Bestellen leisten, es ist zudem oft kalt oder regnerisch. 70 Prozent der Erwachsenen in Deutschland bestellen mindestens einmal im Jahr Essen.

Also gibt es auch den Wetterfaktor?

Ja, wenn die Sonne scheint, gehen die Bestellungen generell um 30 Prozent zurück.

Geben Ihre Kunden in letzter Zeit mehr für bestelltes Essen aus?

Der Bestellumfang ändert sich nicht. In Deutschland und Holland sind das seit Jahren circa 20 Euro.

Wie sieht die Zukunft der Lieferdienste aus?

Größtenteils liefern wir mit E-Bikes aus. Ich halte nichts von Drohnen. Wie sollte das funktionieren, wenn ich hier und jetzt eine Pizza bestelle. Soll die Drohne vielleicht meine Haustür öffnen? Es ist auch fragwürdig, ob ich relativ günstige Arbeiter durch eine 45.000 Euro teure Drohne ersetzen will.

Takeaway arbeitet anders als die Mitbewerber mit einer einzigen Plattform. Worin besteht die größte Herausforderung?

Wir haben 32.000 Restaurants, die praktisch alle zur gleichen Zeit Bestellungen erhalten. Wir sind ziemlich gut darin, die Bestellungen automatisch weiterzuleiten. Die Hälfte unserer 1.000 Angestellten kümmert sich darum, dass das klappt.

Sie sind seit 20 Jahren im Internet-Business. Was raten Sie Gründern?

Besonders in Berlin gibt es so viele Investments in Startups. Deshalb haben manche Gründer vergessen, dass sie ihr Kerngeschäft unabhängig von Wagniskapital machen müssen. Sie sind begeistert, dass sie Millionen eingesammelt haben.

Wie war das bei Ihnen?

Ich habe im Jahr 2000 mit 50 Euro in der Tasche angefangen. Das war damals möglich, weil niemand Kapital hatte. Heute ginge das nicht mehr. Wir haben erst nach zwölf Jahren Wagniskapital angenommen. Davor waren wir profitabel.

Gründer sprechen gerne von ihren Visionen. Was waren Ihre?

Viele Gründer erfinden ihre Vision zehn Jahre nach der Gründung ihrer Firma. Ich hatte keine Visionen. Das einzige, was ich im Jahr 2000 wollte, war eine Bestellung an ein Restaurant zu schicken, weil ich Hunger hatte.

Haben Sie damals an einen Börsengang gedacht?

Wenn mir 2000 einer gesagt hätte, du gehst mit deinem Unternehmen an die Börse, hätte ich ihn für verrückt erklärt.

Welchen Einfluss hatten äußere Umstände beim Gründen?

Wäre ich nicht in Westeuropa geboren worden, hätte ich keine Firma gegründet. Hätte mein Vater keinen Computer gekauft, als ich sechs Jahre alt war, hätte ich keine Firma gegründet. Hätte ich nicht etwas Technisches studiert, hätte ich keine Firma gegründet. Und schließlich: Hätte ich an jenem Tag nicht Hunger gehabt und Essen bestellen wollen, hätte ich auch keine Firma gegründet.

Und dann?

Gut, dann hätte es vermutlich jemand anderes getan und ich hätte heute vielleicht eine erfolgreiche Firma, die Webseiten baut, was ja auch nicht schlecht wäre. Man muss das realistisch sehen.

Bild: Gettyimages / Handout

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