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Sommerliche Hitze – und Deutschland gehen die Getränke aus

Schlecht kalkuliert, zu wenige Lkw-Fahrer, ineffiziente Logistik – ausgerechnet im Hochsommer sind einige Getränkeregale im Supermarkt lückenhaft bestückt.

Verbraucher in Deutschland sind es gewohnt, in Supermärkten vor jederzeit überquellenden Ladenregalen zu stehen. Doch ausgerechnet bei Getränken kommt es in diesem heißen und trockenen Sommer zu Lieferengpässen. „Fakt ist, dass wir derzeit mit erheblichen Problemen in der gesamten Lieferkette zu kämpfen haben“, sagte Günther Guder, Chef des Bundesverbands des deutschen Getränkefachgroßhandels, gegenüber der Welt.

So waren diese Woche in Berliner Getränkemärkten einige Marken des Coca-Cola-Konzerns ausverkauft, zu dem beispielsweise auch Fanta und Sprite zählen. Auch Edeka hat kürzlich gegenüber der Welt „vereinzelte Lieferengpässe“ in Berlin und Brandenburg bei Getränken bestätigt. Dasselbe gelte auch für einige Tiefkühl- und Feinkostprodukte. „Dies betraf nicht nur Edeka-Märkte, sondern den gesamten Handel“, sagte ein Sprecher. Inzwischen habe sich die Lage normalisiert. 

Auch bisher schon gab es gelegentlich Lücken in Artikelreihen und Bierkistenbergen. Doch sie deuteten in der Regel nur darauf hin, dass das Personal mit dem Nachschub nicht schnell genug nachkam oder mal wieder eine Ladenkette einen Lieferanten durch Ausräumen abstrafte, wenn man sich nicht auf Lieferkonditionen einigen konnte.

Diesmal liegen die Ursachen tiefer. Sie betreffen mehrere Produktionsstufen und reichen von Fehleinschätzungen bei Herstellern und Abfüllern über unerwartete Probleme bei Vorlieferanten bis hin zu einer veränderten Rolle von Bier für den Einzelhandel.

Schwachpunkt ist der Transport über die Straße

Zwar ist nicht damit zu rechnen, dass Verbraucher ihren Durst irgendwann in diesem Sommer nicht mehr löschen können – aber eben womöglich nicht unbedingt mit dem Lieblingsgetränk. Einer der entscheidenden Schwachpunkte sei der Transport über die Straße, sagt Guder: „Dem Getränkegroßhandel steht derzeit nur begrenzter Frachtraum zur Verfügung.“

Der Engpass gehe auf den Mangel an Lastwagenfahrern zurück, vor dem die Branche schon lange warnt, der aber wohl noch nie so deutlich im Alltagsleben der Verbraucher spürbar wurde. Bundesweit fehlen nach Angaben aus der Logistikbranche 45.000 Lkw-Chauffeure, und eine baldige Verbesserung ist nicht in Sicht: Zwei Drittel der Aktiven am Lenker sind bereits über 45 Jahre, Nachwuchs ist schwer zu finden.

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Die knappen Frachtkapazitäten werden zudem oft schlecht genutzt. In der Branche wird ein Fall kolportiert, in dem ein Fahrer geschlagene acht Stunden auf einem Brauereihof warten musste, ehe sein Fahrzeug endlich beladen wurde. Dass die anschließenden Lieferpläne in Richtung Einzelhandel und Endverbraucher in solchen Extremfällen wertlos sind, ist wenig verwunderlich.

Getränkekisten und Kohlendioxid fehlen

Zu solchen Holprigkeiten kommt es auch, weil die Einkäufer von Brauereien und Softdrinkproduzenten in diesen Tagen wiederum selbst von unangenehmen Überraschungen geplagt werden. „Der eine oder andere Hersteller hat sich ganz offensichtlich bei der Nachbestellung von Mehrwegkästen verkalkuliert“, beobachtet Großhandelschef Guder.

Für den derzeitigen Nachfrageboom bei Außentemperaturen über 30 Grad plus Fußball-WM reichten die Bestände an Kisten oft nicht, zumal große Lebensmittelhändler die Nachfrage noch anheizten, indem sie Bier zur Aktionsware gemacht hätten. Von den namhaften Marken würden zwei Drittel als Aktionsware verkauft.

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Außer Transportraum und Getränkekisten ist eine weitere notwendige Zutat auf dem Weg vom Produktionsband bis zum Keller der Konsumenten knapp geworden: Kohlendioxid, das sich mit Wasser in Getränken zu sprudelnder Kohlensäure verbindet. Für die Chemieindustrie ist das Gas ein Nebenprodukt der Düngerherstellung, doch für die Lebensmittelindustrie findet es vielfältige Verwendung.

Es steckt nicht nur in Bier, Softdrinks und Sprudelwasser, sondern es dient häufig auch als Schutzatmosphäre in Fleisch- oder Gebäckverpackungen, um die wertvolle Ware länger haltbar zu machen. Schlachtereien betäuben zudem Schweine oder Geflügel vor der Schlachtung damit.

Die Ursachen liegen noch tiefer

In Großbritannien, dem Ausgangspunkt des CO2-Mangels, hat das Thema eine Karriere von der mäßig aufregenden Nebensache zur Alltagsnervensäge gemacht. „Es wird weniger Hühnchen-, Schweine- und Schinkengerichte geben“, sagte ein Sprecher der Lebensmittelindustrie. Auch auf die Getränkeherstellung werde sich der Engpass auswirken, der seinerseits wiederum tiefere Ursachen hat. 

So läuft die Düngerproduktion normalerweise von August bis März. Im nachfrageschwachen Sommer werden die Anlagen normalerweise überholt. In diesem Jahr seien allerdings fast alle westeuropäischen Anlagen zur Erzeugung des Düngervorprodukts Ammoniak gleichzeitig abgeschaltet worden, berichtete das Fachblatt „Gas World“. Dahinter steckten aber nicht nur technische, sondern auch wirtschaftliche Gründe.

Weil die Preise für Ammoniak gesunken seien und sich der Ausgangsrohstoff Erdgas verteuert habe, seien die Gewinnmargen gering – und damit auch der Anreiz zum Betrieb der Anlagen. Der daraus resultierende Mangel an Kohlendioxid habe in Großbritannien beispielsweise Coca-Cola zeitweise zu einem Produktionsstopp gezwungen, berichtete die Zeitung „Guardian“. Die deutsche Schwestergesellschaft versichert indes, über genug Rohstoff zu verfügen.

Doch die Liefersituation insgesamt sei prekär, sagt Guder: „Alle Systeme sind auf Kante genäht.“ Industrie, Transporteure und Händler hätten ihre Tätigkeit jahrelang isoliert nur unter Kostengesichtspunkten optimiert, und auf dieses angespannte System treffe nun die Nachfragewelle. Da reicht offenbar schon eine kleine Störung, um Lücken in dem einen oder anderen Ladenregal zu erzeugen.

Dieser Text erschien zuerst bei welt.de.

Bild: Getty Images / Ian Walton / Staff

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