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Branchenfremd gründen? Bei den Gastromatic-Machern hat es funktioniert

Patrick Pötzsch und seine Mitgründer kannten sich in der Gastronomie nicht aus. Heute nutzen Tausende Restaurants, Hotels und Cafés ihre Software. Wie kam es dazu?

Zum Chef geboren ist nicht jeder. Allein die Vorstellung, Verantwortung für zig Mitarbeiter zu haben, verursacht bei vielen Menschen Stress. Patrick Pötzsch gehört offensichtlich nicht zu diesen Menschen, und wenn doch, lässt er sich nichts davon anmerken.

Der 30-jährige Mitgründer und Mitgeschäftsführer – dunkle Locken, strahlend weißes T-Shirt und saubere Turnschuhe – des Darmstädter Software-Startups Gastromatic will, dass in seiner Firma auf Augenhöhe gearbeitet wird. „In einem Team ohne Hierarchien arbeiten und sich abstimmen – das hat sich für mich schon in der Uni natürlich angefühlt und ich wusste, das muss auch in Unternehmen funktionieren“, erklärt er in sanftem Ton. Sein Startup beschäftigt aktuell etwa 40 Mitarbeiter.

2013 studierten Pötzsch und sein Mitgeschäftsführer Florian Klima Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Darmstadt. Auf der Suche nach einer Geschäftsidee kam ihnen in einer Kneipe der Gedanke, dass es schwierig sein muss, Gastronomiepersonal zu managen. Eine Planungssoftware sollte Abhilfe schaffen. „So sind wir voll in die Branche reingeschlittert“, erinnert sich Pötzsch. Von der Idee konnten sie ihre Kumpels und späteren Mitgründer Tristan Reifert, Peter Macherey und Dominik Kantner überzeugen.

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Nennenswerte Erfahrungen in der Gastronomie hatte zuvor keiner der fünf gesammelt. Ein Kopfsprung ins eiskalte Wasser. Rückblickend sei das ein Vorteil gewesen, meint Pötzsch: „Branchenfremd zerlegt man Probleme eher in Einzelteile und hört Kunden genauer zu.“ Drei Business Angels aus dem Rhein-Main-Gebiet investierten 150.000 Euro in einen Prototyp des Programms. Der erste zahlende Kunde unterschrieb Ende 2014. „Seitdem ziehen wir durch“, sagt Pötzsch. Das Team habe kaum Urlaub gemacht, tagelang durchgearbeitet.

Es sei diese Bissigkeit gewesen, die Gastromatic immer mehr Kunden bescherte – bis heute. Etwa 1.500 Restaurants, Imbisse und Hotels, darunter die Snackkette Scoom mit 600 Mitarbeitern an zehn Standorten, nutzen die Software nach Angaben des Startups derzeit. Insgesamt sei man damit in 6.000 bis 7.000 Betrieben im Einsatz.

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In Gastronomie und Hotellerie kann die Personalplanung schnell unübersichtlich werden. Hier arbeiten Menschen in unterschiedlichsten Beschäftigungsverhältnissen zusammen, die Fluktuation ist hoch. Um Festangestellte, Minijobber und studentische Aushilfen unter einen Hut zu kriegen, stecken einige Gastronomen viel Zeit in die Schichtplanung. Mit Gastromatic soll es einfacher gehen, hoffen die Gründer. Nutzer geben Arbeitsvertragsbedingungen und Schichtwünsche der Mitarbeiter in die Software ein, die diese Informationen anschließend visualisiert anzeigt.

47 – Gastromatic

Score: 30 (CAGR: 199%)
Gründungsjahr: 2014
Firmensitz: Darmstadt
Branche: HR/Recruiting
Webseite: www.gastromatic.de

Der Planende sieht dann im Idealfall auf einen Blick und ohne den Taschenrechner zücken zu müssen, wie viele Arbeitsstunden Frau Schmidt in Kalenderwoche 23 noch bis zum Überschreiten der Minijob-Marke zur Verfügung hat und wann Herr Müller gerne Urlaub hätte. Bis Ende 2018 wolle man diese Automatisierung in einem frühen Stadium anbieten, sagt der Gründer. 

Gastromatic vertreibt sein Programm als Software as a Service im monatlichen Abo, ab 95 Euro für bis zu 1.500 Euro im Monat. Umsatzzahlen will Pötzsch nicht öffentlich machen. Fest steht: Sein Unternehmen muss sich den Markt mit jungen Anbietern wie Easypep oder Shyftplan teilen, die auch andere Branchen erreichen wollen. Mit Frag Paul unterstützte der Handelskonzern Metro zuletzt einen Planungsdienst für kleine bis mittelständische Gastronomiebetriebe. 

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Bild: Bedenk Zeit Fotografie / Matthias Michael Maria Bedenk

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