Interessant wird der Fleischatlas erst auf den letzten Seiten

Die Studie der Heinrich-Böll-Stiftung und des BUND zeigt einige Alternativen zum Fleischkonsum auf. Supermärkten wird Profilierung vorgeworfen.

 

Jedes neue Jahr startet mit einer fast perfekt einstudierten Choreographie der Lebensmittelbranche. Sie beginnt mit dem Ernährungsreport, in der das Landwirtschaftsministerium, gekleidet in ein Gewand aus wissenschaftlichen Erhebungen, seinen Blick auf die Nahrungsmittellandschaft in Deutschland darlegt. Ende Januar findet dann die Internationale Grüne Woche statt, auf der sich die Industrie präsentieren darf. Dieser Branchentreff in Berlin wiederum ruft die Umwelt- und Tierschutzlobby auf den Plan, die im Umfeld der Messe regelmäßig zur Großdemonstration namens „Wir haben es satt“ nach Berlin lädt.

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Seit 2013 ist auch der sogenannte Fleischatlas fester Bestandteil dieses Ablaufs. Er erscheint immer kurz vor der Grünen Woche, die jüngste Ausgabe am gestrigen Mittwoch. Dazu muss man wissen, dass er vom Bund für Umwelt- und Naturschutz sowie der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegeben wird, die den Grünen nahesteht. Ein klar interessengetriebener Report also, der allen Fleischgegnern im Vorfeld der Grünen Woche und der Großdemo neue Argumente liefern soll.

Jeder, dem die inzwischen ja fast sprichwörtlich gewordene Forderung nach einem Veggie-Day schon zu viel war, wird bei der Lektüre des Fleischatlasses also nicht glücklich werden. Und auch im aktuellen Dokument muss sich der neutrale Leser erst durch viele Seiten voller Appelle, Stufen möglicher staatlicher Eingriffe zur Senkung des Fleischverbrauchs und Verdachtsmomente gegen große Handelsketten blättern, bis er auf innovative Sichtweisen und Lösungsansätze stößt.

Insekten und In-vitro-Fleisch sind die Trends

Etwa dem Einsatz von Insekten als Nahrungsmittel. Diesem Thema ist das vorletzte Kapitel des Berichts gewidmet. Eine „brillante Alternative zu Fleisch“, wie es in der Studie heißt. Vorreiter bei der Zulassung von verarbeiteten Insekten sind demnach Belgien, die Niederlande und die Schweiz, wo entsprechende Produkte seit Mitte 2017 in Supermärkten zu kaufen sind. Die Autoren führen auf, dass Insektenzucht mit Blick auf Futterverbrauch, Emissionsausstoß, vor allem aber Wasserkonsum deutlich bessere Bilanzen aufweisen als Rinderhaltung. Zudem sei der essbare Anteil eines Insekts mit 80 Prozent doppelt so hoch wie bei einem Rind. Allerdings sieht der Fleischatlas Produkte aus Insekten eher auf dem „boomenden Markt der High-Protein-Produkte und der Spezialnahrung für Sportler“, denn als Fleischersatz.

Schmeckt das? Riegel aus Grillenmehl und gerösteten Buffalowürmern

Das letzte Kapitel des Fleischatlasses ist denjenigen gewidmet, die kein Tier töten wollen, aber dennoch nicht auf Fleisch verzichten wollen; es geht um Laborfleisch. Auch hier wird dem Leser vor Augen geführt, dass die Herstellung von In-vitro-Fleisch deutlich weniger Treibhausgase freisetze, viel weniger Fläche beanspruche und weniger Wasser verbrauche als herkömmliche Tierhaltung. Lediglich der Energieverbrauch liegt laut der jüngsten Zahlen von 2014 sogar noch über den Werten der Rindfleischzucht.

Dem Verbraucher wird in der ganzen Studie eindeutig die Bereitschaft unterstellt, für mehr Tierwohl  auch mehr Geld ausgeben zu wollen – auch wenn Berichte des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft und sogar eigens für den Fleischatlas erhobene Befragungen Zweifel daran wecken. Denn eine Umfrage des Fleischatlasses ergibt, dass über die Hälfte der Menschen von dem „ganzen Gerede um Tierschutz“ genervt sind. Dieselbe Umfrage besagt zudem, dass die übergroße Mehrheit der Befragten davon ausgeht, dass allgemein viele Verbraucher „beim Einkaufen doch nur auf den Preis achten“, auch wenn diese „behaupten, dass ihnen Tierschutz wichtig ist“. Die Frage zielt dabei wohlgemerkt auf andere Verbraucher ab, nicht auf die Befragten selbst. Das ermöglicht den Autoren der Studie das Fazit: „Viele der Befragten würden mehr Geld für Fleisch aus artgerechter Haltung ausgeben – aber sie finden die Ware nicht.“

Die Supermärkte sind die Bösen

Allerdings bemängelt der Fleischatlas auch, dass hinter dem guten Willen wenig Wissen steckt. Nur 13,3 Prozent der zu diesem Zweck Befragten wissen genau, wo sie Fleisch aus artgerechter Haltung überhaupt erwerben können. Sogar nur 5,7 Prozent sind sich sicher, woran sie Fleisch aus artgerechter Haltung erkennen können.

Den Supermärkten wird in dieser Konstellation kühle Berechnung vorgeworfen. Statt mit Informationen, Preissetzung oder Einkaufspolitik Druck auf ihre Lieferanten auszuüben, um artgerechtere Haltung zu erreichen, dienen derartige Bemühungen nach Meinung der Autoren eher der eigenen Profilierung.

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Einen wohlwollenden Blick wirft der Fleischatlas auf neue Vertriebsmöglichkeiten über das Internet. Er zählt Kuh-Leasing oder Crowdbutchering als neue Formen des Online-Handels mit Bezug auf regionale Lebensmittel auf, das Berliner Startup Meine kleine Farm etwa wird namentlich erwähnt. Eine Erhebung zeigt allerdings, dass „unklare Produktqualität“ 44 Prozent der Befragten vom Online-Kauf von Fleisch abhalten.

Bild: Getty Images / Wolfgang Kaehler / Contributor

 

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