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Wie der Feminist Food Club Gründerinnen in Berlin stärken will

Mary Scherpe, Gründerin des Blogs Stil in Berlin, will Frauen in der Food-Szene helfen, ein Netzwerk aufzubauen. Nun gab sie Einblicke in den Feminist Food Club.

Am liebsten würde Mary Scherpe über dieses Thema gar nicht sprechen müssen. „Wenn man als Gründerin an die Öffentlichkeit geht, kommen immer dieselben Fragen“, ist sich die Macherin des Blogs Stil in Berlin sicher. Sie zählt auf: „,Wie ist es, ein weiblicher Chef zu sein? Wie stehst du zu #MeToo?‘“ Männer hingegen hätten „das Privileg, nicht auf ihr Geschlecht angesprochen zu werden, sondern auf ihren Job“. So sollte es auch bei Frauen sein, findet sie. „So sehr ich diese ,Diese Frauen mischen die Food-Industrie auf‘-Artikel mag, so sehr würde ich mir wünschen, dass die Medien da einen Schritt weiter gehen.“

Seit die #MeToo-Debatte die patriarchalischen Verhältnisse der Filmbranche aufdeckte und öffentlich thematisiert, werden auch in anderen Bereichen der Gesellschaft Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen vermehrt diskutiert. Auf dem Startup Camp in der vergangenen Woche in Berlin stand das Thema ebenfalls auf dem Programm. Auf einem Panel mit dem Titel „Exploring the Intersection of Food & Feminism“ sprachen Gründerinnen aus der Food-Szene über ihre Erfahrungen.

Es geht um die Vernetzung, nicht um Schlagzeilen

Auch Scherpe saß auf dem Podium. Ihr Blog hat sich seit Jahren zu einem der wichtigsten Food-Blogs der Hauptstadt entwickelt. Ihre Arbeit, erzählt sie, habe sie aber nur schwer mit ihrem Interesse am Thema Feminismus verbinden können. Bis sie vor rund einem Jahr noch ein weiteres Projekt startete: Den Feminist Food Club. Es sollte ein Platz sein – online wie offline – , an dem sich Frauen aus der Food-Szene vernetzen können. „Denn Männer machen das einfach, Frauen nicht“, sagt Scherpe. „Mit dem Feminist Food Club füllten wir eine Lücke, von der ich davor noch gar nicht so genau wusste, dass sie existierte.“

Dalad Kambhu leitet das Restaurant Kin Dee in Berlin.

Dalad Kambhu leitet das Restaurant Kin Dee in Berlin. (2)

Es ist ein seltener Einblick in den Feminist Food Club, den Scherpe an diesem Tag gewährt. Denn aus den eingangs genannten Gründen, so die Bloggerin, habe sie bisher alle Presseanfragen abgelehnt. Es ging ihr um Vernetzung der Frauen, nicht um große Schlagzeilen. Auch NGIN Food und Gründerszene hatten sie für einen Bericht über den Feminist Food Club angefragt, Scherpe hatte abgelehnt.

Nun erzählt sie, was ihr neues Netzwerk bisher bewirkt hat. „Es gibt viele Business-Kooperationen zwischen den Mitgliedern“, berichtet Scherpe. Außerdem arbeite der Club aktuell an einer Datenbank mit Gastro-Gründerinnen und -Unternehmerinnen in Berlin. Darüber können sich Kunden informieren, bei wem sie essen gehen. Inzwischen hat der Feminist Food Club über 700 Mitglieder, eine sehr aktive Facebook-Gruppe und monatliche Treffen. „Als wir die ersten Newsletter versendeten und mit den ersten Leuten sprachen, da machte es auf einmal so viel Sinn, sich zu vernetzten, und über Feminismus und Diskriminierung in der Food-Szene zu sprechen“, erinnert sich Scherpe. In dem Moment habe man gemerkt: „Es liegt nicht an dir, dass sie dich nicht akzeptieren. Es liegt an den patriarchalischen Strukturen.“

„Sie ist ein Chef. Sie muss eine echte Bitch sein.“

Lauren Lee gründete Fräulein Kimchi, ebenfalls in Berlin.

Lauren Lee gründete Fräulein Kimchi, ebenfalls in Berlin. (3)

Die anderen Teilnehmerinnen auf dem Podium nicken zustimmend. Lauren Lee, Gründerin des Restaurants Fräulein Kimchi in Berlin erzählt, sie habe ständig mit Vorurteilen zu kämpfen. „Es heißt dann immer: Sie ist ein Chef, die muss eine echte Bitch sein, ein richtiges Badass, um sich durchsetzen zu können'“, erzählt Lee. Für Männer sei eine solche Position so gewöhnlich, dass es diese Vorurteile nicht gebe.

Zudem müsse sie immer wieder für kleine Scherze ihrer Kunde herhalten, ihre männlichen Kollegen nie. „Es gibt so viele Menschen, die mich immer wieder fragen: ,Wo ist denn dein traditionelles koreanisches Outfit?‘“, berichtet sie. „Warum fragen die mich? Meine männlichen Mitarbeiter kommen aus Thailand, aus Mexiko. Aber von denen erwartet niemand, dass sie sich der Show wegen in ein Kostüm zwängen.“ Wenn das schon in einer weltoffenen Stadt wie Berlin so ist, frage sie sich, wie sieht es dann anderswo aus?

Dalad Kambhu pflichtet ihr bei. Das ehemalige Model und die jetzige Gründerin und Geschäftsführerin des Kin Dee in Berlin berichtet von Fällen, in denen sie von männlichen Bewerbern und Mitarbeitern so lange beleidigt wurde, bis sich ein anderer Mann für sie eingesetzt hat. Als Frau, Person of Colour und junge Chefin, so stimmt das Panel überein, ist es in der Food-Szene besonders schwer. 

Jewell Sparks, Vorsitzende der FoodTech-Gruppe im Bundesverband Deutsche Startups und Gründerin der Bithouse Group, ist ebenfalls Teil des Panels. „Blickt man auf das Wagniskapital, das deutsche Food-Startups einsammeln, muss man sagen, dass der Großteil davon an männliche Gründer geht“, berichtet sie. Dabei sei es nur sinnvoll, den Frauen mehr Gehör zu schenken. „Frauen fällen meistens die Kaufentscheidungen. Sie in die Entscheidungsprozesse mit einzuschließen, wäre als in den meisten Fällen gut fürs Geschäft.“

Ein Unterschied zwischen Männern und Frauen, der in der #MeToo-Debatte immer wieder betont wird, ist der Umgang mit Problemen. Demnach neigten auch qualifizierte Frauen eher dazu, die Schuld bei sich zu suchen, während auch mäßig kompetente Männer sich ihrer Sache stets sicher seien. Ein Klischee, das von wissenschaftlichen Untersuchungen gestützt wird, wie Professor Astrid Schütz von der Universität Bamberg in der FAZ bestätigte. Frauen neigten dazu, ihre Selbstzweifel zum Thema zu machen, und redeten sich auf diese Weise klein, so die Psychologin. Lee und Kambhu entdecken diese Eigenschaften ebenfalls bei sich. „Nach einer Auseinandersetzung bin ich ein paar Minuten sauer, aber dann mache ich mich selbst dafür verantwortlich“, gibt Kambhus zu. Lee pflichtet ihr bei: „Es hat mich einige Jahre gekostet, mir selbst sicher zu sein, dass ich diese Position wirklich verdiene.“ 

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Genau solche Unsicherheiten will Scherpe mit dem Feminist Food Club vergessen machen. Eine Bestätigung , wie nötig das Netzwerk ist, bekam Scherpe im August des vergangenen Jahres, als das Fachmagazin Rolling Pin 2017 die 50 besten Köche Deutschlands kürte. Denn in der Liste tauchte nur eine einzige Frau auf. „Weißwurstparade deluxe”, kommentierte das Magazin Refinery 29. Scherpe machte damals in den sozialen Netzwerken auf diese Unausgeglichenheit aufmerksam – und merkte, wie sie dem Online-Magazin Edition F danach sagte, dass sie noch viel Arbeit vor sich habe: „Manche glauben wirklich, dass es so wenige Köchinnen gibt, weil die Pfannen zu schwer sind.“ 

Bilder: Marlen Stahlhuth (1), Fräulein Kimchi (2), Robert Rieger (3)

 

 

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