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„Die Startup-Klischees treffen auf mich zum Glück nicht zu“

Startup muss nicht immer gleich Überstunden und Stress bedeuten. In unserem anonymen Erfahrungsbericht erzählt eine Vertriebsangestellte von ihrem Joballtag.

Arbeiten im Startup – damit verbinden viele Menschen kostenlosen Kaffee und volle Obstkörbe bei niedrigem Gehalt und mindestens ausbaufähigen Arbeitsbedingungen. Was ist dran an diesem Bild? In anonymen Erfahrungsberichten lässt die Gründerszene-Redaktion Mitarbeiter junger Unternehmen sprechen. Aufgezeichnet werden sie von wechselnden Autoren. Der Startup-Alltag im Realitätscheck:

Seit letztem Sommer arbeite ich im Vertriebsinnendienst bei einem Startup, das eine B2B-Plattform für den Lebensmittelhandel entwickelt. Zwei Monate nach der offiziellen Gründung kam ich in die Firma. Ich war die erste Mitarbeiterin.

In so einer frühen Unternehmensphase muss man sich mit den Gründerinnen oder Gründern erst einmal organisieren, Prozesse etablieren. Ich musste das Produkt verstehen und mir einen Überblick verschaffen. Ein paar Monate nach mir kam der zweite Mitarbeiter dazu – ein Außendienstler. Wir haben aber relativ schnell gemerkt, dass klassischer Innen- und Außendienst für das Startup nicht funktionieren. Da hieß es dann: umstellen und einen besseren Weg finden. Heute sind wir zu neunt.

Solche Strukturwandel gibt es in einem Startup ja ständig. Permanent ändert sich etwas. Ich finde das extrem spannend. Vorher habe ich für den Ableger eines großen Konzerns gearbeitet. Da bist du ins Unternehmen reingekommen, hast eine Aufgabe hingeworfen und gesagt bekommen: Mach! Alles war total festgefahren. Wenn etwas schiefging, gab es einen Anschiss, Lob für gute Leistungen kam dagegen nie. Ich habe das als sehr ätzend und als enormen Druck empfunden. Das ist jetzt zum Glück viel entspannter.

Überstunden und Stress?

Es gibt Leute, die sofort an Überstunden und Stress denken, wenn sie „Startup“ hören. Ich kann das verstehen, es ist eben ein typisches Startup-Klischee, das auf mich bislang aber zum Glück nicht zutrifft. Mein Arbeitstag geht in der Regel von 9 bis 18 Uhr. Dass alles so reibungslos läuft, hätte ich auch nicht gedacht, bevor ich in den Job gestartet bin. Ein bisschen überrascht hat es mich schon. Im Prinzip wusste ich zum Zeitpunkt meiner Bewerbung ja auch nichts über das Unternehmen. Man bewirbt sich bei einem ganz frisch gegründeten Startup gewissermaßen ins Blaue hinein.

Wenn ich Leuten erzähle, dass ich bei einem Startup arbeite, ist die erste Frage meist: Läuft das? Für einen unterbezahlten Dauerpraktikanten hält mich jedenfalls niemand. Meist ist eher Skepsis da: Ist das was für die Zukunft? Wird das was? Aber solche Reaktionen sind okay für mich.

Mit der Bezahlung bin ich sehr zufrieden. Im Konzern habe ich vorher einen Hungerlohn bekommen. Ich war finanziell trotz abgeschlossener Ausbildung und Bachelor mit den Bürokaufleuten gleichgesetzt. Dass ich einen höheren Abschluss habe, hat dort niemanden interessiert. Jetzt habe ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Es sind etwas weniger Urlaubstage als vorher, nur noch 25 statt 28. Irgendwo muss man eben Abstriche machen. Alles in allem kann ich mich nicht beschweren.

Der Hund darf mit

Auch weil ich zum Beispiel meinen Hund mit auf die Arbeit nehmen darf. Homeoffice ist ebenfalls möglich. Das hat leider auch Nachteile: So checkt man nach Feierabend oder am Wochenende dann doch mal seine Mails. Aber in ein Startup gehst du auch mit einer anderen Einstellung als in einen Konzern. Hier hast du die Motivation, etwas zu verändern, du hast Bock auf die Sache. Die ein oder andere Mail zuhause auf dem Sofa zu lesen, finde ich da nicht so tragisch.

Einige meiner ehemaligen Kommilitonen arbeiten auch in Startups. Ich kenne jemanden, der ein E-Commerce-Unternehmen nach zwei Monaten wieder verlassen hat – die Bezahlung war zu schlecht. Ein Ex-Kommilitone ist mit 35 der Älteste im Startup, für das er arbeitet. Das zeigt, dass sich einige Startups gezielt Studenten und Berufsanfänger suchen, nach dem Motto: Mit denen können wir es ja machen. In solchen Firmen, die Leute regelrecht durchschleusen und dabei besonders cool und Startup-mäßig wirken wollen, will ich auf gar keinen Fall arbeiten. Sicherheit ist mir wichtiger als das Image.

Am Schreibtisch gegenüber sitzt der Chef

Mir geht es in meiner jetzigen Position gut. Ich finde es geil, etwas mit aufbauen und wichtige Entscheidungen mit treffen zu dürfen, zum Beispiel bei der Suche nach einem neuen Büro. Die Atmosphäre bei uns ist generell freundschaftlich und familiär. Das Kernteam kennt sich inzwischen sehr gut. Wenn du deinem Chef am Schreibtisch immer gegenübersitzt, passiert das sozusagen automatisch.

Mein jetziges Team kocht mittags oft zusammen. Freitags ab 17 Uhr gibt es ein Get-Together in der Küche. Wir quatschen dann und lassen die Woche gemeinsam ausklingen. Immer nur harmonisch geht es bei uns natürlich auch nicht zu. Klar eckt man manchmal an, aber das ist überall so, glaube ich. Wir versuchen, konstruktiv zu bleiben. Jeder achtet darauf, den anderen darauf aufmerksam zu machen, wenn er einen Fehler macht.

Aktuell habe ich jedenfalls nicht das Bedürfnis danach, mich umzuorientieren. Wie es in zehn Jahren ist, kann ich noch nicht sagen. Im besten Fall ist das kleine Startup dann eine große Firma. Und ich habe eine hohe Position, in der ich viel mitentscheiden kann.

Aufgezeichnet von Elisabeth Neuhaus

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Bild: Getty Images / Hero Images

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