Trends, Innovationen und Digitales aus der Lebensmittelbranche

Einkaufen ohne KI und VR? Wie altmodisch!

Roboter, VR, Voice-Assistenten: Der Einzelhandel wird sich durch die Digitalisierung verändern. Doch Experten warnen: Wer nur auf online setzt, liegt falsch.

Kaum betritt ein Kunde den Einzelhandels-Markt, wird er nett begrüßt. Er wird gefragt, ob er Hilfe benötigt, oder ob er etwas Spezielles sucht. Der Kunde antwortet, dass er sich für ein Smartphone interessiere und schon wird ihm der Weg gezeigt. Häufig läuft ein Besuch im Einzelhandel vermutlich so oder ähnlich ab. Und dennoch gibt es etwas besonderes an dem Beispiel: Die Unterhaltung führt ein Roboter. Und ein Roboter zeigt auch den Weg zum Produkt.

Bereits seit 2016 navigiert so der Roboter mit dem Namen Paul die Kunden durch den Saturn-Markt in Ingolstadt. Seit November 2017 auch in Hamburg und Berlin. „Für Saturn ist Paul eine echte Attraktion, die bei den Kunden hervorragend ankommt und den Einkauf in dem Technikmarkt zu etwas besonderem macht“, heißt es von Unternehmensseite. Manche Familien seien an Wochenenden extra in den Ingolstädter Saturn-Markt gekommen, um Paul zu sehen, sagte jüngst Martin Wild, Chief Innovation Officer bei Mediamarkt Saturn. 

Es ist ein weiterer Schritt in Richtung Einkauf der Zukunft. Neue Technologien bieten immer mehr Möglichkeiten — sowohl für den Einzelhandel, als auch für den Kunden. Deshalb wird sich das Einkaufen in der Zukunft grundlegend ändern. Das erwartet auch Stefan Hertel vom Handelsverband Deutschland: „Self-Scanning-Kassen gibt es bereits heute und sind ebenfalls ein Teil dieser Entwicklung“, sagte er jüngst im Gespräch mit Business Insider.

Einzelhandel: Roboter übernehmen vermehrt Beratung

Doch der Trend wird sich noch stärker in Richtung Künstlicher Intelligenz verschieben, erwartet der Experte. „Möglich wäre, dass ein Kunde zu Hause seinen Einkaufszettel in sein Smartphone tippt und diesen im Laden an den Einkaufswagen senden kann. So kann der Wagen den Kunden zu den gewünschen Produkten navigieren.“ Ein Schritt weiter ginge noch der Einkauf mit einer Augmented-Reality-Brille, oder einer entsprechenden App. So könnte das Smartphone oder Tablet direkt anzeigen, welche Produkte der Kunde wegen einer möglichen Allergie oder Intoleranz nicht kaufen sollte.

Ebenfalls mit dieser Technologie funktioniert das virtuelle Auftragen von Makeup, das beispielsweise Douglas anbietet. Mit Hilfe der App der Beauty-Kette scannen Kundinnen ihr Gesicht und können dann entsprechend ihre Wunschprodukte auswählen und virtuell auftragen. Ist das richtige Produkt gefunden, lässt es sich direkt in den Einkaufswagen des Online-Shops legen. Gerade in dem Bereich des virtuellen Testens und Anprobierens sieht Experte Hertel großes Potenzial.

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Doch bei der Künstlichen Intelligenz geht es nicht nur um Kundenservice, sondern auch um das Warenmanagement des Einzelhandels. „Abhängig von Wetterprognosen kann dann ein Computer zum Beispiel vollautomatisiert entscheiden, wie viel Ware von welchen Produkten eingekauft werden soll. Somit sparen die Einzelhändler Zeit und haben mitunter präziser geplante Bestände in den Regalen.“

Gespaltene Meinungen über digitale Preisschilder

Zurück zum Kunden. Eine weitere Neuheit, die sich bereits nach und nach ausbreitet, sind digitale Preisschilder. Schon jetzt wächst die Sorge, dass sich die Preise wie an einer Tankstelle ständig ändern könnten und der Einkauf teurer wird, als gedacht. Doch Hertel gibt zumindest teilweise Entwarnung: „Der Preis eines Produkts darf in dem Zeitraum, in dem ich ihn in meinen Einkaufswagen lege bis ich ihn an der Kasse bezahle nicht teurer werden. Somit ist eine dynamische Anpassung der Preise nach oben derzeitig nicht zu befürchten.“

Günstiger dürfen Produkte übrigens werden — beispielsweise verkaufen Supermärkte abends häufig Backwaren oder Obst und Gemüse zu einem deutlich günstigeren Preis. Doch die Einführung der digitalen Preisschilder soll in erster Linie eine Zeitersparnis für den Einzelhandel sein. So müssen nicht zahlreiche Papierschilder ausgetauscht werden, sondern die Preise per Klick angepasst werden.

Hilfreich für den Kunden ist eine weitere Technologie, die dennoch mit „Argusaugen“ vom Handelverband beobachtet wird: die Voice-Bestellung mit Hilfe persönlicher Assistenten. Schnell lassen sich auf diesem Weg Produkte online kaufen. Allerdings soll eine mögliche Monopol-Stellung, beziehungsweise ein Engpass für die Freiheit der Kunden, verhindert werden. Schließlich sind die Systeme je nach Hersteller häufig mit dem eigenen Online-Shop verbunden.

Szenario: So könnte der Einkauf in Zukunft aussehen

Zusammengefasst könnte ein Einkauf künftig so aussehen: Für Fragen im Supermarkt könnte ein Roboter bereitstehen, der Beratung anbietet und Kunden ebenfalls zu Produkten den Weg zeigen könnte. Am Ende verlässt der Kunde den Supermarkt durch eine Self-Scanning-Kasse und bezahlt mit seinem Smartphone den Einkauf. Das Szenario klingt so, als würden dann kaum noch menschliche Arbeitskräfte im Einzelhandel benötigt. „Wer heute an einer Self-Scanning-Kasse bezahlt, wird sehen, dass auch dort immer Menschen in der Nähe sind, die kontrollieren, ob auch jeder Kunde seinen Einkauf korrekt bezahlt oder Antworten auf Kundenfragen geben kann. So wird es auch bei weiteren technologischen Entwicklungen sein: Es funktioniert nur im Zusammenspiel zwischen Mensch und Technik und zudem entstehen im Hintergrund neue Jobs“, so Hertel.

Auch bei der Frage, ob der stationäre Einzelhandel in den Innenstädten überhaupt eine Chance gegen Technologien und die Verlagerung der Einkäufe ins Internet hat, ist der Experte zuversichtlich. „Man darf es nicht kleinreden. Es ist natürlich eine große Herausforderung und gerade inhabergeführte, kleine Läden könnten verschwinden. Für sie ist der finanzielle Aufwand für neue Technologien oft nicht zu stemmen. Gleichzeitig können diese Läden aber ihre Nische finden und so ihre Kunden, die sie teilweise schon seit vielen Jahren kennen, anziehen.“

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Bei der jährlichen Bilanzpressekonferenz lässt der Rewe-CEO erkennen, was Digitalisierung für den Konzern bedeutet. Und wie sein Konzern dem US-Giganten begegnen will.

Zudem müsse sich der Einzelhandel auf seine Stärken besinnen: „Kompetente und faire Beratung steht ganz oben. Außerdem geht es daraum, für den Kunden aus dem Einkauf ein Erlebnis zu machen — das kann der Online-Handel nämlich nicht“, so der Experte. Es gebe beispielsweise einen Händler für Sportartikel in Osnabrück, der ein Surf-Becken im Laden hat. Dort können Interessierte also im Laden surfen — nicht im Internet, sondern auf einer Welle.

Es gebe auch Sportläden, die eine Kletterwand zum Test von Kletterschuhen oder anderen Produkten aus dem Bereich anbieten würden. So könne der Einzelhandel bei all der Technologie mithalten und für Kunden interessant bleiben. Am Ende sei es genau die Verbindung von On- und Offline die Erfolg bringt. „Viele Einzelhändler sind noch immer nicht im Internet auffindbar — das sollte sich schnell ändern“, so Hertel. Amazon geht schließlich schon den anderen Weg und eröffnet stationäre Läden in Großstädten. So können Kunden Produkte anfassen und testen — eben genau das, was sie online nicht machen können. 

Dieser Artikel erschien zuerst auf Business Insider Deutschland.

 

 

 

Bild: Saturn

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