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Ein Startup will Dosenwein zum deutschen Szenegetränk machen

Aktuell spiele dieses Thema im Lebensmitteleinzelhandel hierzulande noch keine Rolle. „Bei Prosecco und weinhaltigen Getränken wie Hugos und Cocktails sieht das aber anders aus. Das kann also eine logische Weiterentwicklung sein“, meint Stuck. „Zielgruppe dürften dabei vor allem junge Leute sein.“ 

Ähnlich sieht es auch Stuart Pigott, der zu den bekanntesten Weinkritikern in Deutschland gehört. Er sieht großes Potenzial in der Kombination Dose und Generation Y. „Diese Altersklasse ist mehr an Komfort und Coolness interessiert als an Dünkel – und öffnet damit die Tür zu alternativen Marketing- und Verpackungsmethoden“, schreibt der Experte in einem Marktkommentar anlässlich der Prowein, der mit der Überschrift „Yes, We Can: Der Aufstieg des Dosenweins“ überschrieben ist. Den Winzern rät er darin zu mehr Offenheit, allein schon aus Selbstschutz. „Immer mehr Produzenten wird klar, dass Wein zugänglicher und integrativer sein muss, um auch für ein jüngeres Publikum noch attraktiv zu sein.

Winzer wollen Wein unkomplizierter machen

Ansonsten kann Wein auf absehbare Zeit ein Demografieproblem bekommen. Denn die Käuferschaft wird hierzulande immer älter. „Wer viel und guten Wein trinkt, ist meist schon über 50“, sagt Monika Reule, die Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts (DWI), der Marketingorganisation der heimischen Winzer. Auch sie steht dem Thema Dosenwein offen gegenüber. „Ich würde das nicht schlechtreden. Im Gegenteil: Wir wären dumm, solche Verpackungen nicht mal auszuprobieren.“

Den klassischen Weintrinker werde man damit zwar nicht erreichen, gesteht Reule ein. „Es kann aber eine Möglichkeit sein, auch jüngere Konsumenten für Wein zu begeistern und einen Zugang zu dieser wichtigen Käufergruppe zu finden.“ Den klassischen Weintrinker hat zum Beispiel Wine+ ohnehin nicht im Visier. „Wir sind kein Wettbewerb für die namhaften Winzer. Unsere Kernzielgruppe sind 20- bis 39-jährige Weinkonsumenten in der Stadt, allen voran Frauen“, sagt Unternehmer Nassau. Geschmacklich gehe es dabei um den Mainstream. „Wein in der Dose hat einen ganz anderen Charakter als Wein in der Flasche – und auch eine ganz andere Funktion.“ 

Praktisch, transportabel, nachhaltig und cool – so charakterisiert Experte Pigott Wein aus der Dose, der meist mit auffälligen Etiketten daherkommt, weil dort bei der Auswahl das Auge die Aufgabe der Nase übernehmen muss. Was er meint: Flaschen sind viel schwerer und umständlicher zu transportieren, noch dazu werden immer auch Gläser benötigt und meistens ein Korkenzieher. 

Eine Dose dagegen passt in jede Handtasche und zerbricht dort auch nicht. Darüber hinaus sind die Portionsgrößen der Dosen für viele Konsumenten deutlich angenehmer. Easy-to-Drink nennen Marktforscher diese Kategorie. „Gerade im Weinbereich gibt es derzeit nur sehr wenige kleine Gebinde. Vorstellbar sind daher vor allem kleine Dosen“, sagt Konsumforscherin Stuck.

Dosenwein hat ein Imageproblem

Das aber ist nur ganz bestimmten Weinen vorbehalten. Denn üblicherweise bieten Dosen nur für ein bis zwei Jahre eine stabile Umgebung, sagen Experten. Dosenweine sollten also nicht gelagert, sondern sofort getrunken werden. Abgefüllt werden daher auch meist nur Rebsäfte, die von den Herstellern als „frisch, knackig und klar“ charakterisiert werden, sagt Stuart Pigott. „Allen voran klassische Terrassenweine oder Weiß- und Roséweine aus kühlen Klimazonen mit geringem Alkoholgehalt, die erfrischend spritzig sind.“ Es darf also kein Wein sein, bei dem es auf die Feinheiten ankommt. Das zeigt auch die Tatsache, dass bei den Coppola-Dosen gleich ein Strohhalm mitgeliefert wird.

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Trocken oder doch lieber halbtrocken? Bei Lidl in England muss das der Kunde nicht mehr selbst entscheiden. Denn Margot kann ihm weiterhelfen.

Das Imageproblem von Wein aus Dosen dürfte die Hersteller trotz aller Euphorie also weiter beschäftigen. Worte wie „Tankstellengesöff“ bekommt Wine+-Manager Nassau jedenfalls oft genug zu hören, auch wenn die Sorten Riesling und Rosé kürzlich eine Silbermedaille der amerikanischen Händlerorganisation Wine & Spirits Wholesalers of America (WSWA) erhalten haben.

Solange das in Deutschland so bleibt, will er seine Hausaufgaben woanders machen. In Asien zum Beispiel, aber auch in Osteuropa, wo es erste Kunden in Tschechien und der Slowakei gibt. Zudem spricht der Manager gezielt Fluglinien und Hotels an, die das Produkt für ihre Minibars gebrauchen können.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Welt.de.

Bild: Hinterhaus Productions / Getty Images

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