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Ein Startup gegen das Diabetes-Mobbing

In der Schule wurde Kevin Röhl wegen seiner Krankheit gehänselt. Jetzt hat er eine smarte Lifestyle-Leuchte entwickelt, die Diabetes greifbar machen soll.

Zehntausende Deutsche leiden an Diabetes und müssen sich regelmäßig Insulin spritzen. Einer von ihnen ist Kevin Röhl. Er hat die Lampe Lumind entwickelt, die aussieht wie ein Amazon-Lautsprecher und den Blutzuckerwert farbig anzeigt. Das Gerät ist klein, unaufdringlich und erinnert eher an Lifestyle als an Krankenhaus. Das soll die Krankheit gesellschaftsfähig machen.

Der 27-jährige Röhl ist studierter Mediendesigner und gründete Lumind gemeinsam mit Henrik Dransfeld vor einem Jahr in Berlin. Ihre Erfindung liest die Daten von einem Blutzuckermessgerät aus. Das Startup arbeitet dafür seit kurzem mit dem Pharmakonzern Roche zusammen. Zusätzlich zur Leuchte wird eine Smartphone-App benötigt, sie lässt Licht und Messgerät miteinander kommunizieren. Für die Idee erhielt Lumind Preise und Auszeichnungen, unter anderem das Exist Gründerstipendium.

Kevin, wie kamst du auf die Idee, den Blutzuckerwert für Diabetiker als farbiges Licht darzustellen?

Angefangen hat es damit, dass ich mich als Jugendlicher unwohl mit dieser Krankheit gefühlt habe. Sie ist stark stigmatisiert. Gerade in der Schule ist das ein riesiges Thema. Ich habe mich deshalb teilweise gar nicht gespritzt oder dabei versteckt.

Wie sieht das Stigma aus?

Wenn ich zu spät in die Klasse kam, kamen Kommentare: "Ach, der Diabetiker kommt zu spät." Schüler haben mit Süßigkeiten vor mir herumgewedelt. Auch nach der Schulzeit wurde ich von Mitbewohnern auf die Nadeln angesprochen. Teilweise ekelten sie sich davor. In der Öffentlichkeit fragen sich die Menschen, ob ich Drogen nehme, wenn ich Insulin spritze, gerade in der Bahn oder auf einem Festival. Es hat lange gebraucht, das zu akzeptieren.

Video: So funktioniert das smarte Licht von Lumind.

Wie hilft das Licht-Gadget, damit umzugehen?

Es ist vor allem das moderne Design. Die heutigen CGM-Systeme zur Blutzuckermessung sehen aus wie ein alter Gameboy und der Alarm klingt wie ein Klingelton aus den 90ern. Das entspricht nicht dem Lifestyle, den wir heute unter anderem von Apple gewohnt sind.

Warum lasst ihr das Licht nicht direkt auf dem Handy anzeigen?

Das CGM liefert alle fünf Minuten einen neuen Wert, aber ich will nicht alle fünf Minuten auf mein Handy gucken, etwa beim Telefonieren oder Film schauen. Das Licht ist ein Addon. Ich kann es auf den Tisch stellen, sehe die Farbe und weiß, ob alles in Ordnung ist.

Das Licht kann auch mit zur Arbeit genommen werden. Wie kommt das bei Kollegen an?

Für die Kollegen ist es teilweise unangenehm, immer zu fragen, wie es mir geht. Mit dem Licht bekomme ich jetzt weniger Fragen. Wenn ich kurz rausgehe, um mich zu spritzen, können sie sich ihren Teil denken. Das Gerät kann auf der Arbeit auch gedimmt oder ausgeschaltet werden.

Wie finanziert ihr das Projekt?

Wir finanzieren das Startup über eine App-Agentur, die ich zusammen mit einem ehemaligen Schulfreund gestartet habe, als wir 18 Jahre alt waren. Zudem werden wir von dem Pharmaunternehmen Roche finanziell bei der Marktforschung unterstützt.

Langfristig muss sich das Startup auch alleine tragen können. Wie soll das gehen?

Gerade wollen wir herausfinden, ob es eine Kaufbereitschaft gibt. Das ist in Deutschland generell schwieriger, da wir bereits Krankenkassenbeiträge zahlen. Aber wir glauben daran, dass es über Teststreifen oder CGM-Systeme über andere Unternehmen mitfinanziert werden kann.

Könntet ihr nicht direkt über die Krankenkassen gehen?

Das ginge, aber dann müssten wir beweisen, dass unser Produkt einen positiven Effekt auf die Langzeitwerte hat. Das muss mit Studien bewiesen werden. Das ist ein sehr langwieriger Prozess, nichts für die nächsten zwei oder drei Jahre.

Ihr sprecht mehrere Zielgruppen an, die meisten haben Diabetes Typ 2. Sie müssen sich einer Insulintherapie unterziehen, sind aber gleichzeitig auch älter. Ist es schwierig, diese Menschen für das Produkt zu gewinnen?

Ja, das ist sehr herausfordernd. Man kann nicht einfach Facebook-Anzeigen schalten, damit erreicht man nur die wenigsten. Und wir konkurrieren da mit großen Anbietern, es ist also sehr teuer.

Wie erreicht ihr diese Menschen also?

Langfristig über Ärzte und die Krankenkassen, kurzfristig über Mund-zu-Mund-Propaganda, auch über Angehörige, die meist emotionaler mit dem Thema verbunden sind. Sie sind auch die, die mehr Geld dafür ausgeben, etwa die Mutter, die für ihr Kind sorgt.

Das Startup ist in der Universität der Künste in Berlin entstanden. Da stellt sich also die Frage: Ist das Produkt Kunst?

Unser Produkt ist aus Beton, das ist ein Material, das man in der Medizin nicht erwartet. Ich denke, dass es Kunst ist.

Ihr hantiert mit Gesundheitsdaten. Handelt es sich bei Lumind also um ein Medizinprodukt, das strengen Richtlinien unterliegt?

Wir sind kein klares Medizinprodukt, weil wir Daten bisher nur dokumentieren. Sobald wir aber eine Analyse vornehmen, die Daten also interpretieren, stellen wir uns auf sie Seite des Arztes. Und dann gelten wir als Medizinprodukt.

Ihr arbeitet etwa an einem sogenannten Skill für Alexa, dem smarten Lautsprecher von Amazon. Werden die Daten des Blutzuckermessgeräts dort nicht analysiert?

Gerade bei unserem Alexa Skill müssten wir die Daten interpretieren, so wie das normalerweise nur der Arzt darf. Wir müssten die Version also abspecken, um den Skill veröffentlichen zu dürfen. Wenn wir das tun würden, fehlt uns aber der Mehrwert. Hier warten wir gerade ab.

Wie ist das bei eurem Licht?

Hier ist es ähnlich und die Anwälte streiten sich. Der eine sagt, die farbliche Darstellung der Messwerte sei eine Interpretation der Daten. Wenn wir aber die Farbskala klar offenlegen und sagen, welcher Wert wie in welche Farbe konvertiert wird, dann ist das keine Interpretation - und dann wären wir auch kein Medizinprodukt.

Wie umgeht ihr dieses Problem?

Gerade befinden wir uns in der Marktforschung mit zwei Ärzten und 50 Patienten. Das ist der erste Schritt, um in Studien zu gehen, die notwendig sind für die Zulassung als Medizinprodukt. Aber dann müssten wir auch unser Team weiterbilden, sehr viel dokumentieren - das zieht die Entwicklung in die Länge. Um schnell voranzukommen, sind wir erst einmal ein Lifestyle-Produkt. Später, wenn wir mit den großen Pharmaunternehmen kooperieren wollen, müssen wir ein Medizinprodukt daraus machen. Denn die Firmen wollen sich absichern.

Wie sieht so eine Kooperation aus?

Unser Licht ist eine Visualisierung von Nutzerdaten und an diese müssen wir erst einmal herankommen. Wir suchen also nach Kooperationspartnern, so dass wir Blutzuckerwerte über Bluetooth in Echtzeit empfangen und anzeigen können.

Können die Daten dieser CGM-Systeme nicht auch ohne eine Koop des Herstellers ausgelesen werden?

Das kann man, das mache ich auch, aber nur privat. Als Firma, die Geld verdienen will, geht das nur über eine offizielle Kooperation. Und da stellt sich die Frage, wer der Partner ist und ob es mehr als einen geben kann. In diesem Bereich ist Exklusivität wichtig, auch wenn ich das Produkt eigentlich möglichst vielen Patienten zur Verfügung stellen möchte.

Ihr Produkt ist ohne viel Mehraufwand für weitere Krankheiten denkbar. Denken Sie weiter als nur an Diabetes?

Auf jeden Fall, uns haben Leute auch schon wegen anderen chronischen Krankheiten wie Asthma angesprochen. Unser Produkt könnte auch im Krankenhaus eingesetzt werden, damit Pflegekräfte im Vorbeigehen sehen, was zu tun ist. Wir sind da immer wieder in Gesprächen.

Bild: Lumind

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