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Exklusiv: Delivery Hero und der Traum von der Sechs-Milliarden-Bewertung

Nimmt man Pizza.de hinzu, ist Delivery Hero in Deutschland größer als die Konkurrenz. Das Berliner Unternehmen kaufte das Portal im August 2014, zu der Zeit eine der größten Übernahmen der deutschen Startupszene. Bis heute ist das Thema ein wunder Punkt: Seit dem teuren Kauf läuft Pizza.de noch immer auf einer anderen technologischen Plattform. Die Integration mit Lieferheld klappt bisher nicht und verschlingt weiter Geld.

Dieses Problem besteht nicht nur bei Pizza.de. Delivery Hero hat über die vergangenen Jahre zahlreiche Töchter hinzugekauft, zum Beispiel in der Türkei, in Finnland, Osteuropa, Großbritannien und Lateinamerika. Die meisten dieser Firmen werden auf unterschiedlichen Systemen betrieben – und das kostet: Jede Ländergesellschaft muss ihre eigenen Entwickler beschäftigen, die Tech-Produkte wie Apps bauen. Das kann auch die Fähigkeit, schnell zu wachsen, hemmen. Delivery Hero selbst sieht hier den „Vorteil von Synergien“.

Dazu kommt, dass die Lage im vermeintlichen Vorzeigemarkt Türkei laut einem Bericht des Manager Magazins derzeit Sorgen bereitet. Das Wachstum von Yemeksepeti, das Delivery Hero 2015 für stolze 590 Millionen US-Dollar übernahm, sei gesunken. Delivery Hero dementiert: Das Geschäft von Yemeksepeti laufe „hervorragend“. Man steuere auf die Marke von vier Millionen Bestellungen im Monat zu.

Ein Millionenkredit soll helfen

Für das Wachstum braucht Delivery Hero weiterhin viel Geld. Vor kurzem hat das Unternehmen einen Millionenkredit aufgenommen, laut Manager Magazin zu schlechten Konditionen. Delivery Hero widerspricht: „Dieses Finanzierungsmodell hat vor dem Hintergrund günstiger Konditionen für uns am meisten Sinn gemacht.“ Das Geld aus dem Kredit komme der Tochter Foodora zugute, die weiter wachsen solle.

Auch die Kreditsumme ist unklar. Mindestens 30 Millionen Euro, schrieb das Magazin. Deutlich mehr, argumentierte das Unternehmen. Der Kreditgeber war ebenfalls unbekannt. Ein Blick in den aktuellen Rocket-Börsenprospekt offenbart nun, dass die Firmenfabrik selbst den Kredit gegeben hat. Demnach gewährte Rocket „bis zu 60 Millionen Euro“ in Tranchen. 30 Millionen Euro habe Delivery Hero bereits beansprucht.

Die Episode zeigte, wie nervös Delivery Hero im Moment ist: Unerwartet veröffentlichte das Unternehmen nach dem Erscheinen des Artikels Geschäftszahlen. Wer sich daraus aber Erkenntnisse über die Lage von Delivery Hero erhoffte, wurde enttäuscht. Offengelegt wurde lediglich das Wachstum der Bestellungen über die Plattform aus dem ersten Halbjahr 2016. Mehr Bestellungen müssen aber nicht zwangsläufig höhere Erträge für Delivery Hero heißen. Eine Steigerung hängt davon ab, ob und in welcher Höhe das Unternehmen Kommissionen von den Restaurants bekommt. In Südkorea, einem der wichtigsten fünf Märkte, war das zeitweise nicht der Fall. Dort lieferte man sich eine erbitterte Werbeschlacht mit dem lokalen Wettbewerber. Auf Nachfrage bleibt Delivery Hero vage: Es heißt, „vom Prinzip“ her unterscheide sich das Kommissionsmodell in Korea nicht vom Modell anderer Märkte. Allgemein entwickle sich das Geschäft sehr gut.

Auch in Deutschland ist die Werbung ein großer Kostenfaktor. Laut der Marktforschungsgesellschaft Nielsen haben sowohl Lieferheld und Pizza.de als auch Konkurrent Lieferando im Jahr 2015 je fast 60 Millionen Euro für das Marketing ausgegeben.

Hilft der Takeaway-IPO Delivery Hero?

Den Grund für die Explosion der Marketing-Ausgaben sieht der McKinsey-Branchenexperte Thomas Schumacher im deutschen Marktpotential: „Noch gibt es viele neue Nutzer. Wir erwarten aber, dass sich dieses Wachstum bis 2020 abschwächt.“

Schumacher erklärt im Gespräch, warum die Werbung so entscheidend ist: „75 Prozent der Kunden, die sich für einen Anbieter entschieden haben, wechseln nicht mehr.“ Denn die Angebote der beiden großen deutschen Plattformen Lieferheld und Lieferando seien beinahe identisch. Daher bestehe ein geringer Anreiz für einen Wechsel, was sich in einer McKinsey-Untersuchung auch weltweit gezeigt habe.

Geld für Werbung und Wachstum bekam Delivery Hero in diesem Jahr nicht nur durch den Rocket-Millionenkredit. Bei gleich vier Kapitalerhöhungen floss außerdem frisches Geld in das Unternehmen, wie aus dem Handelsregister hervorgeht. Offiziell geäußert hat sich Delivery Hero dazu nie. Auf Nachfrage von Gründerszene heißt es: „Kapitalreserven ermöglichen es uns, vorausschauend zu operieren und flexibel auf neue Marktsituationen reagieren zu können.“ Die Höhe der Finanzierungen kommentiert das Unternehmen nicht. Es dürften aber zahlreiche Millionen gewesen sein, wenn die Drei-Milliarden-Bewertung zugrunde gelegt wurde.

Um sich nicht ständig mit weiteren Finanzierungsrunden beschäftigen zu müssen, ist ein IPO für das kapitalintensive Geschäft von Delivery Hero womöglich bald unvermeidlich. Der niederländische Konkurrent Takeaway kam Östberg jetzt zuvor. Das Unternehmen, das unter anderem die deutsche Seite Lieferando betreibt, ist vergangenen Freitag in Amsterdam an die Börse gegangen. Der Start lief wie geplant. Bleibt die Kursentwicklung positiv, würde das dem Börsengang von Delivery Hero sogar helfen: Schließlich konnte Takeaway – obwohl es Verluste schreibt – Millionen mit seinem IPO einnehmen. Ein gutes Signal für den Markt.

Sollte die Entwicklung der Aktie in den nächsten Monaten aber hinter den Erwartungen zurückbleiben, könnte das zum Problem für Delivery Hero werden. Angst haben die Berliner allerdings nicht. Sie geben sich selbstbewusst: „Wir stellen uns dem Wettbewerb, unabhängig davon, ob konkurrierende Unternehmen privat geführt oder öffentlich notiert sind“, heißt es. „Der IPO von Takeaway hat keine wesentliche Bedeutung für Delivery Hero.“

Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Howdy, I’m H. Michael Karshis

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