Trends, Innovationen und Digitales aus der Lebensmittelbranche

Die etablierten Gewerkschaften sind einfach nicht mehr zeitgemäß

Die Gewerkschaft NGG meint, sie müsse für die Fahrer von Foodora und Deliveroo kämpfen. Die Startups argumentieren, dass das gar nicht nötig sei.

Es ist mittlerweile ein eingeübtes Spiel. Traditionelle Gewerkschaften und neue Lieferdienste wie Deliveroo oder Foodora stehen sich unversöhnlich gegenüber. Es wird zu Demonstrationen gegen die schlechte Bezahlung und Arbeitsbedingungen aufgerufen – am Ende steht ein Häuflein von 20 oder 30 Kurierfahrern auf der Straße. 

Die Deutung dieser eher übersichtlichen Beteiligung wird von beiden Seiten unterschiedlich vorgenommen. Die Gewerkschaft behauptet, dass die niedrige Beteiligung mit der Angst vor Entlassung zu erklären sei. Die Lieferdienste argumentieren, dass die Arbeitsbedingungen eben doch besser sind, als man ihnen vorwirft. 

Am Dienstagabend in Köln war es wieder so weit. Alles lief wie gewohnt. Es gab nur einen Unterschied: Zur Demonstration, die die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) veranstaltet hatte, erschien sogar ein Bundesminister und gab der Angelegenheit damit ein besonderes Gewicht. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sprach vor der Kundgebung mit beiden Seiten und ließ sich hinterher mit dem markigen Satz: „Wer Digitalisierung mit Ausbeutung verwechselt, hat mich zum politischen Gegner“, zitieren.

Von Maschinen gelenkte Arbeiter ohne Rechte

Was will uns der Minister damit sagen? Er möchte trotz seines Erscheinens auf dieser Gewerkschaftsveranstaltung in Köln nicht als aus der Zeit gefallen gelten und umarmt deshalb vor den Kameras und Mikrofonen der Nachrichtenagenturen die Digitalisierung. Trotzdem will er sich in seinem Amt um die Abgehängten und Benachteiligten kümmern. Das ist schließlich sein Job. Ob er an diesem Abend an der richtigen Stelle war, um dieser Aufgabe gerecht zu werden?

„Wer Digitalisierung mit Ausbeutung verwechselt, hat mich zum Gegner“

In Köln haben Kuriere von Foodora und Deliveroo gegen ihre Arbeitsbedingungen protestiert. Erstmals erhielten sie Unterstützung aus der Bundespolitik.

Die Gewerkschaften zeichnen gerne die düstere Zukunftsvision eines digitalen Prekariats. Das sind in ihren Augen von Maschinen gelenkte Arbeiter, die unterbezahlt einer überfordernden Arbeit in der neuen, digitalen Plattformwirtschaft nachgehen. Die Liederdienste argumentieren, dass sie inzwischen feste Jobs anbieten, nach Tarif oder besser zahlen, Betriebsräte haben und mit ihren flexiblen Jobs eine Lücke auf dem Arbeitsmarkt schließen, die viele junge Leute als Übergangslösung gerne annehmen.

Neue Formen der Mitbestimmung

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie immer irgendwo dazwischen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die NGG derzeit mit einem Mitgliederrückgang kämpfen muss. Seit 2005 hat die Gewerkschaft mehr als 7,5 Prozent ihrer Beitragszahler verloren. Außerdem hat sich in Berlin mit der FAU Deliverunion eine Spartengewerkschaft gegründet, die versucht, möglichst viele Fahrer von Deliveroo und Foodora auf ihre Seite zu ziehen. Die FAU bezeichnet sich als eine „revolutionäre Basisgewerkschaft“, die als „Gegenmodell zu reformistischen Gewerkschaftskonzepten“ gesehen werden will. 

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Ob das ein richtiges Konzept ist, um die Herausforderung der Digitalisierung unserer Wirtschaft zu begegnen, sei dahingestellt. Allerdings wird immer deutlicher, dass sich viele Kurierfahrer von den etablierten Gewerkschaften nicht richtig vertreten fühlen. Statt in schwach frequentierte Demonstrationen sollte sich NGG deshalb intensiver mit der Reformierung von Beteiligungs- und Mitbestimmungs-Formen und der zukünftigen Rolle der Gewerkschaften auseinandersetzen. Mit digitalen Mitteln lässt sich da eine Menge auf die Beine stellen. Das wäre doch auch eine schöne Aufgabe für den Bundesarbeitsminister.

FotoS: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von shopblocks (Oben), AFP (Umfrage)

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