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Nach dem Deliveroo-Aus könnte es für die Kunden teuer werden

Der deutsche Markt für Essenslieferdienste wird immer mehr zum Monopol. Weil Deliveroo sich hierzulande zurückzieht, kontrolliert Wettbewerber Takeaway fast allein die Preise.

Knusprige Pommes, knackige Salate, heiße Pizzen – all das muss ein Lieferdienst möglichst schnell liefern, um sich die Gunst der Kundschaft und damit gute Bewertungen zu sichern. Deliveroo kann genau das nach eigenen Angaben nicht mehr erfüllen und zieht sich daher aus dem deutschen Markt zurück.

„Bei Deliveroo ist unser Ziel, den weltbesten Essenslieferdienst zu schaffen. Wo wir das nicht auf einem Level durchführen können, das wir erwarten, sind wir nicht tätig“, so die offizielle Mitteilung an die Kunden.

Doch was ist dran an dieser Begründung: Hat es vielleicht auch damit zu tun, dass Deliveroo dem Wettbewerb von Lieferando, Foodora und Pizza.de nicht standhält? Und was bedeutet der Marktrückzug für den Kunden – wird die Konkurrenz nun teurer? 

Takeaway gewinnt die digitale Essensschlacht

Der deutsche Markt der Food-Delivery-Branche war bis vor kurzem hart umkämpft. Höchstformen nahm die digitale Essensschlacht in der Mitte der 2010er Jahre an, als Lieferando und Lieferheld auch rechtlich gegeneinander vorgingen, um sich Wettbewerbsvorteile zu schaffen – so hatte Lieferando Lieferheld wegen Computersabotage angezeigt, nachdem die Lieferando-Server mit sogenannten DDoS-Attacken lahmgelegt wurden.

Das holländische Unternehmen Takeaway.com hat dann 2014 Lieferando übernommen, während Delivery Hero die Marken Lieferheld, Foodora (2015) und Pizza.de (2014) unter einem Dach einte.

Ende vergangenen Jahres dann die Nachricht: Takeaway.com übernimmt die deutschen Anteile von Delivery Hero. 930 Millionen Euro hat sich das niederländische Unternehmen die Übernahme kosten lassen. Seit April 2019 gehören Lieferheld, Lieferando, Foodora und Pizza.de nun zusammen.

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Allein Deliveroo war seit einigen Jahren unabhängig geblieben. Das britische Unternehmen unter dem Chef Will Shu agiert weltweit in über 200 Städten und hat über 2.500 Angestellte und über 60.000 selbstständige Fahrer, die für das Unternehmen die Essensauslieferungen übernehmen. Allein 100 festangestellte Mitarbeiter und 1.100 selbstständige Fahrer beschäftigte das Unternehmen in Deutschland. 2016 konnte es das Unternehmen einen Umsatz von knapp 130 Millionen Pfund verbuchen.

Seit der Takeaway.com-Übernahme von Delivery Hero versuchte Deliveroo nun allein, sich gegen die übermächtige Konkurrenz durchsetzen. Das ist augenscheinlich nicht geglückt, weshalb Deliveroo sein Geschäft nun aus Deutschland zurückzieht und sich auf Märkte mit besseren Gewinnchancen konzentrieren will.

Deliveroo konzentriert sich auf andere Märkte

Das britische Unternehmen Deliveroo will sich „auf sein eigenes Wachstumspotential“ konzentrieren, so die Unternehmenssprecherin Sophie Kohoutek gegenüber Business Insider Deutschland. Deliveroo wachse auch in diesem Jahr in vielen Märkten weltweit, erschließe neue Städte und baue Marktanteile aus.

„Das Unternehmen plant seine Ressourcen und Investitionen künftig neu, um das Wachstum und die Expansion in den anderen europäischen Märkten sowie der Asia-Pazifik-Region zu beschleunigen.“ Die Einsparungen aus dem Rückzug aus Deutschland werden also auch in die Expansion in Märkten investiert, in denen Deliveroo bessere Chancen hat, zu bestehen.

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Trotzdem verwundert der Schritt, denn erst im Mai konnte Deliveroo sich Investitionen in Höhe von 575 Millionen US-Dollar, hauptsächlich finanziert durch Amazon, sichern. Daraufhin hatte Marcus Ross, Deutschland-Chef des Lieferdienstes, eine Expansion in weitere deutsche Städte angekündigt. Wenige Monate später wird der Lieferdienst nun am 16. August eingestellt.

Immer wieder war Deliveroo heftig für die Beschäftigung seiner Fahrer kritisiert worden, auch Vorwürfe der Scheinselbstständigkeit waren aufgekommen, wie Business Insider Deutschland berichtete.

Nach der Bekanntgabe des Rückzuges aus dem deutschen Markt versprach Deliveroo seinen Fahrern Abfindungen, sofern sie die letzten zwölf Wochen aktiv gearbeitet hätten. Dann bekommen die Fahrer zehn durchschnittliche Tagessätze und eine einmalige Zahlung für zwei durchschnittliche Wochen Arbeit. Beide Beträge errechnen sich aus den letzten zwölf Wochen.

 

„The Winner takes it all“

Für die deutsche Food-Delivery-Branche bedeutet der Rückzug: Takeaway.com ist quasi alternativlos, hat nun Monopolstellung auf dem Markt. Und das könnte Kunden und Restaurantbetreibern am Ende teuer zu stehen kommen.

Freilich gibt es auf dem deutschen Markt Auswahlmöglichkeiten zu den Angeboten von Takeaway.com. Einzelne Restaurants oder Restaurantketten, die ihre eigenen Lieferdienste haben – Domino's Pizza etwa. Selbst McDelivery, der Lieferservice von McDonald's, und der Lieferdienst von Burger King gehören jedoch zur Takeaway.com-Tochter Lieferando.

„Es ist wie immer in der digitalen Welt: The Winner takes it all“, sagt Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU gegenüber Business Insider Deutschland. Die Food-Delivery-Plattformen sind nun fest in der Hand von Takeaway.com. Für dasyf niederländische Unternehmen geht die Monopolstellung mit einer Reihe ökonomischer Vorteile einher. Nicht zuletzt können nun etwa die enormen Werbeausgaben reduziert werden.

„Nach dem Rückzug von Deliveroo gibt es noch weniger Wettbewerb. Langfristig wird Takeaway.com versuchen, profitabel zu werden“, so Fassnacht. Diese Bestrebungen nach Profitabilität haben zwei Auswirkungen: „Die Restaurants werden höhere Vermittlungsgebühren bezahlen und der Verbraucher wird für die Lieferungen zahlen.“

Fassnacht vergleicht die Entwicklungen mit denen des Busunternehmens Flixbus: Auch Flixbus habe früher einmal Konkurrenz gehabt und diese mittlerweile vom Markt verdrängt. „Die haben dann auch die Preise erhöht, das ist ein ganz normaler Vorgang.“

Das Monopol besteht faktisch bereits seit der Übernahme der deutschen Geschäfte von Delivery Hero, denn Deliveroo hat lediglich einen Marktanteil von zwei Prozent, während Pizza.de, Lieferando, Lieferheld und Foodora zusammen 98 Prozent verzeichnen (Quelle: Statista, 2018). 

Möglichkeit für neue Plattformen?

Ebenfalls an der Wirschaftshochschule WHU lehrt Hamidreza Hosseini. Auch er meint, dass sowohl Kunden als auch Restaurants nun die Preispolitik von Takeaway.com hinnehmen müssen. „Restaurants werden sich gegebenenfalls mit einem großen Anbieter anfreunden müssen, der ihnen die Regeln der Zusammenarbeit vorgibt.“

Doch Hosseini sieht in dem Rückzug Deliveroos auch Chancen. „Neue oder bestehende Online-Lieferdienste können strategisch zum Beispiel durch Nischenangebote (vegane, vegetarische oder verantwortungsvolle Restaurants) und besondere Leistungen (wie beispielsweise Ernährungsempfehlungen und Ampelsysteme) punkten“, so Hosseini gegenüber Business Insider Deutschland.

Das könnte auch den Essenslieferanten zugutekommen, die sich derzeit vorrangig mit den Lohnvorstellungen Takeaway.coms zufriedengeben müssen. „Wenn es nur einen Anbieter gibt, dann hat der natürlich mehr Macht gegenüber allen Marktteilnehmern, da muss man sich nichts vormachen. Und wenn Sie als Fahrradkurier weiterarbeiten wollen in der Branche, wird Ihre Verhandlungssituation nun nicht besser.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf Business Insider Deutschland.
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Bild: Getty Images / Matthew Horwood

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