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Warum niemand Deliveroo vermissen sollte

Der Essenslieferdienst verlässt Deutschland. Dass das kein Grund zur Trauer ist, sieht man daran, wie Deliveroo den Schritt kommuniziert und seine Mitarbeiter behandelt hat.

Würde man den Schurken für einen Film über den bösen Plattform-Kapitalismus suchen, man könnte ihn sich nicht besser ausdenken. Deliveroo wird am Freitag seinen Essenslieferdienst in Deutschland einstellen. Man investiere lieber „in Märkte, in denen wir die größte Rendite erwarten“, schrieb uns das Unternehmen am Montag zur Begründung. Fast schon erfrischend ehrlich, verglichen mit den halbgaren Worten des Bedauerns, mit denen Firmen sonst versuchen, harte Einschnitte zu verkaufen. Aber schnell zeigte sich auch, warum der Rückzug kein Grund zur Trauer ist.

Rund 1.000 selbstständigen Lieferfahrern bricht ganz plötzlich eine wichtige Einkommensquelle weg. Denn das Unternehmen hat seine Kuriere genauso früh über den Schritt aus Deutschland hinaus informiert wie alle anderen: nicht mal eine Woche vor Vollzug. Mehr noch, bis zuletzt sollen laut Süddeutscher Zeitung sogar neue Mitarbeiter rekrutiert worden sein, die nun schon nach wenigen Tagen wieder ohne Job dastehen.

Zynische Begründung

Man wisse „dass die Nachfrage sinken wird, wenn wir ankündigen, dass Deliveroo den deutschen Markt verlässt“, rechtfertigte sich das Unternehmen gegenüber Gründerszene. Deshalb sei es besser für die Fahrer, „eine kurze Frist und ein großzügiges Vergütungspaket zu haben, als stetig immer weniger Aufträge zu erhalten“. Fadenscheinig nannten Gewerkschafter diese Begründung. Man könnte auch zynisch sagen. Deliveroo versucht, eine nüchterne Geschäftsentscheidung als Akt der Rücksichtnahme zu verkaufen.

Die „großzügige Vergütung“ soll es in Form von sogenannten freiwilligen Zahlungen geben, die etwa einem durchschnittlichen Monatslohn entsprechen. Nicht nur finden Betroffene deren Berechnungsgrundlage fragwürdig. Der größere Teil des Pakets ist auch daran geknüpft, dass Fahrer ein Schreiben von Deliveroo unterzeichnen. In dem Brief, der Gründerszene vorliegt, heißt es, mit der Unterschrift werde anerkannt, dass „mit der Zahlung der Entschädigung alle Ansprüche aus und im Zusammenhang mit dem Vertragsverhältnis erledigt sind“. Nur dann fließt das Geld im vollen Umfang. Der Lieferdienst, der nie den besten Ruf hatte, was die Arbeitsbedingungen seiner Fahrer anging, kauft sich frei von weiterem Ärger.

Es ist nur das hässliche Ende einer langen Auseinandersetzung, in der es etwa um den Vorwurf ging, Deliveroo habe Betriebsräte behindert und Scheinselbstständigkeit befördert. Damit, wie es seinen Rückzug durchführt und kommuniziert, liefert das Unternehmen die fast perfekte Bestätigung aller Klischees über rücksichtslose Startups: rein in den Markt, Regeln sind bloß optional – und schnell wieder raus, wenn das Geschäft nicht mehr genug abwirft. „Wir danken jedem Fahrer für seine harte Arbeit mit Deliveroo“, sagte ein Unternehmenssprecher der Lebensmittel Zeitung zum Abschied.

Dass der Konkurrent Takeaway – der mittlerweile immerhin einen großen Teil seiner Kuriere fest anstellt – den deutschen Food-Delivery-Markt nun allein beherrschen wird, die Zahl der Anbieter sinkt und die Preise für die Kunden steigen dürften, das kann man Deliveroo nicht anlasten. Wie das Unternehmen seine Fahrer behandelt, sehr wohl. Ein Grund weniger, den türkisfarbenen Lieferdienst zu vermissen.

Bild: Getty Images / Michele Tantussi

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