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Brlo-Gründerin: „Wir wussten nicht, wie man Bier braut, nur wie man es trinkt“

Die Brlo-Gründerin erzählt, wie man auch ohne Vorwissen eine erfolgreiche Craft-Beer-Marke aufbaut. Ihrem Unternehmen haben dabei alte Schiffscontainer geholfen.

Als Katharina Kurz in einem Kiosk in Australien vor dem Bier-Regal stand, war sie ganz unten. Ein paar Monate zuvor hatte sie ihren Job gekündigt und sich eine Auszeit verordnet, um herauszufinden, was sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen will. Doch das selbst gewählte Sabbatical neigte sich dem Ende zu, und mit ihrer Karriereplanung war sie keinen Schritt weiter. Ihr fehlte das Bauchgefühl, auf das sie sich bisher immer hatte verlassen können. 

In diesem Kiosk in Australien wurde sie jetzt aber von einem anderen Problem abgelenkt. Sie konnte sich partout nicht entscheiden, welches Bier sie kaufen sollte. Dieses Dilemma kannte sie aus Deutschland. Hierzulande meist aus dem Grund, dass alle Biersorten gleich langweilig waren. In Australien war es anders: Hier klangen alle Sorten gleich vielversprechend. Es war der Moment, in dem ihr Bauchgefühl zurückkam. Und sie wusste: Sie will Bier brauen. 

Heute, rund fünf Jahre später, hat Kurz dieses Ziel erreicht. Gemeinsam mit ihrem ehemaligen Kommilitonen Christian Laase gründete sie 2014 in Berlin die Craft-Beer-Marke Brlo. Inzwischen gibt es sieben Brlo-Sorten. Zudem hat das Startup eine eigene Brauerei und ein Gastro-Angebot mit Restaurant und Biergarten in Berlin. Auf der Konferenz Heureka in der Hauptstadt gab sie einen Einblick, wie aus ihrem Problem im australischen Kiosk ein Unternehmen geworden ist. 

Craft Beer war im Kommen

„Wir wussten nicht, wie man braut, nur wie man trinkt.“ So beschreibt Kurz den Wissensstand von Laase und ihr am Anfang des Projekts. Deshalb holten sie den diplomierten Braumeister Michael Lempke mit ins Gründerteam. „Zunächst haben wir zum Brauen immer verschiedene Räumlichkeiten in Berlin angemietet“, erzählt sie. „Deshalb hatten wir keine hohen Investitionskosten und konnten uns erstmal selbst finanzieren.“ Auch den Vertrieb machten die Gründer am Anfang komplett selbst. „Wir gingen in Spätis und Bars in Berlin, die noch kein Craft-Beer hatten und zeigten ihnen, wie vielfältig Bier schmecken kann“, sagt Kurz. „Wir wollten den Markt für Craft Beer öffnen.“

„Seitdem ich Bierbrauer bin, trinke ich weniger als vorher“

Immer mehr Gründer brauen ihr eigenes Bier. Einer davon ist Markus Hoppe. Der Bayer gerät in unserem Gespräch zum Thema Gerstensaft regelrecht ins Schwärmen.

Damit schien Brlo den richtigen Zeitpunkt erwischt zu haben. Waren im Jahr 2012 nur ein Prozent der neu gelaunchten Biermarken Craft Beer, betrug der Anteil zwei Jahre später schon zwölf Prozent. Heute gibt über ein Viertel der Biertrinker an, gelegentlich oder sogar sehr häufig Craft Beer zu trinken. Unter dieser Bezeichnung versteht man Biersorten, bei deren Herstellungsprozess großes Augenmerk auf handwerkliche Qualität gelegt wird. Vor mehreren Jahren entstand mit diesem Anspruch eine Bewegung, die – zuerst in den USA, später auch in Deutschland – zur Folge hatte, dass zahlreiche kleine Bier-Brauereien gegründet wurden. 

Doch der Vertrieb von Brlo allein reichte den Gründern nicht. „Man braucht einen Raum, wo Leute das Bier erleben können“, sagt Kurz. „Wo sie sehen können, wie es gebraut wird.“ Der Spot für ihr neues Brauhaus war schnell gefunden: eine Fläche am Gleisdreick-Park in Berlin-Kreuzberg. „Sehr urban, praktisch zwischen zwei U-Bahn-Linien, fast wie Brooklyn“, schwärmt Kurz. Doch auf der Fläche gab es noch kein Gebäude, dafür aber ein Immobilienunternehmen, das dort Bürogebäude errichten wollte. 

„Ich hatte Angst, wir könnten alles verlieren“

„Wir wussten, irgendwann müssen wir da weg“, erzählt Kurz. „Also dachten wir uns eine Lösung aus, mit der wir flexibel bleiben.“ Statt einem Gebäude setzt Brlo nun auf alte Schiffscontainer. Das Startup orderte 38 Stück davon, möbelte sie auf, stapelte sie und baute die Brauerei samt Gastronomie-Angebot hinein. Das Geld dafür besorgten sich die Gründer per Bankdarlehen, Business Angels und den eigenen Bankkonten. „Keiner konnte uns sagen, wie viel das am Ende kosten würde“, berichtet Kurz. „Ich habe wirklich oft Angst bekommen, das könnte alles scheitern und wir könnten alles verlieren.“ In alten Schiffscontainern eine Brauerei zu errichten, sei jedenfalls nicht billiger als in einem Gebäude.

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Doch das Risiko scheint sich auszuzahlen. „Augen zu und durch“, habe sie sich damals gesagt, erinnert sich Kurz heute. Das Brlo-Brwhouse hat sich in der Berliner Gastronomie etabliert. Gemeinsam mit dem Koch Ben Pommer haben die Gründer hier ein Restaurant geschaffen, das – anders als die meisten Brauhäuser – vor allem auf Gemüse setzt. Neben den Containern betreibt Brlo zudem einen Biergarten mit 350 Plätzen. Inklusive aller Service-Mitarbieter wächst das Brlo-Team in den Sommermonaten so auf fast 80 Personen an. Brlo – was übrigens die alte, slawische Schreibweise des Wortes Berlin ist – veranstaltet zudem Veranstaltungen zu den Themen Craft Beer und nachhaltiger Lebensmittelwirtschaft in den Containern. 

Die Mission, Craft Beer bekannt zu machen, sieht Kurz aber noch nicht als erfüllt. „In den USA gibt es in Restaurants Bier-Menüs so selbstverständlich, wie es auch eine Weinkarte gibt“, erzählt sie. „Vielleicht kommen wir in Deutschland ja auch noch irgendwann dahin.“

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Bild: Dominik Tryba / The Photographer

 

 

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