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Mit Bienenwachs und Baumwolle gegen den Plastikwahnsinn

Nicht vegan, dafür plastikfrei: Einige Startups wickeln Obst und Gemüse gerade in Bienenwachstücher. In Handel und Gastronomie müssen sie aber erst noch ankommen.

Shampoo-Flaschen, Käseverpackungen, Einweglöffel: Es sind unvorstellbare Mengen an Plastik, die täglich überall auf der Welt im Müll landen. Weil der Kunststoff Jahrhunderte braucht, bis er zersetzt ist, lagert er so lange auf Deponien oder treibt im Meer – und belastet die Umwelt.

Zu Einwegverpackungen, die nur kurz genutzt und schnell weggeworfen werden, zählen auch Frischhalte- und Alufolie. Einige Startups arbeiten daran, den Verbrauch der Folien einzudämmen. Dabei ist das Produkt, mit dem sie das schaffen wollen, alles andere als innovativ: Bienenwachstücher. Die benutzte schon Oma. Ihre Funktionsweise ist entsprechend simpel: Ein Baumwolltuch wird mit Bienenwachs bestrichen und dann dazu genutzt, um Lebensmittel darin einzuwickeln.

Das Wachs der Bienen wirkt antibakteriell, angeschnittene Gurken oder offene Einmachgläser lassen sich darin frisch halten und über längere Zeit im Kühlschrank verstauen. Die Tücher sind mehrere Jahre wiederverwendbar, wenn sie hin und wieder mit Wasser abgespült werden. Später lassen sie sich kompostieren.

Wildwax aus Frankfurt ist einer der Anbieter, die Omas Wachstuch wiederentdeckt haben. Ein 30 auf 30 Zentimeter großes und mit Demeter-Wachs, Kokosfett und Fichtenharz behandeltes Tuch kostet dort zum Beispiel elf Euro. Bis auf das Muster der Stoffe und die Größe der Zuschnitte unterscheiden sich die Tücher nicht voneinander.

„Die Nachfrage hat uns selbst überrascht“

Die ökologische Folien-Alternative bieten die Wildwax-Gründer Sabrina Kratz, Lotte Schöpf und Omar Rock an – im eigenen Onlineshop und stationär, bisher vor allem im Südwesten Deutschlands. Auf die Tücher-Idee kam die ausgebildete Schneiderin und Imkerin Kratz vor drei Jahren. Sie arbeitete im Reformhaus, als ihr auffiel, wie viele Lebensmittel selbst dort in Plastikfolie verpackt waren. Sie erinnerte sich an das Verfahren ihrer Großmutter, Tücher mit dem Bienenwachs des Imker-Großvaters einzureiben und damit Lebensmittel abzudecken.

Diplom-Biologin Schöpf und Druck- und Medientechniker Rock halfen dabei, das Verfahren für die verkaufsfertige Produktion zu optimieren. „Vor drei Jahren war das Interesse noch nicht so groß, dann kam im letzten Jahr der Plastikfrei-Boom“, erzählt Mitgründerin Schöpf im Gespräch mit NGIN Food. Seitdem sei die Nachfrage so gestiegen, dass alle drei Gründer inzwischen in Vollzeit für Wildwax arbeiteten. Auch Mitarbeiter seien seit Kurzem dabei.

„Nur weil Leute die Idee feiern, heißt das nicht, dass sie bei uns einkaufen“

In Deutschland eröffnen immer mehr Läden, in denen Kunden verpackungsfrei einkaufen können. Wie kommt das Konzept an – und was sind die größten Hürden für die Gründer?

„Die große Nachfrage hat uns selbst überrascht“, so Schöpf. Kunden von Wildwax seien nicht nur bekennende „Ökos“, sondern auch Durchschnittsverbraucher. Bei Aussagen zu Verkaufs- und Umsatzzahlen hält sich Schöpf aber zurück: „Das ändert sich so rasant und wird von Woche zu Woche mehr, dass ich dazu gerade nichts sagen kann.“

Startkapital aus der eigenen Imkerei

Anders als die Wildwax-Macher ist die Konkurrenz aus der Nähe von Lindau noch nicht hauptberuflich im Tuchgeschäft tätig. Mit ihrer Marke Little Bee Fresh sind die zwei Imkerinnen Mutter Rosemarie und Tochter Angelika Jürgens seit etwa einem Jahr am Markt, tüftelten zuvor ein Jahr an der richtigen Rezeptur: Die Tücher sollten nicht zu weich, aber trotzdem flexibel sein, um Lebensmittel richtig einschlagen zu können. Inzwischen verkaufen sie auch vegane Pflanzenwachstücher, die denselben Zweck erfüllen. „Das Unternehmen hauptberuflich zu führen, ist ein Traum von uns“, sagen sie auf Nachfrage. Und ergänzen: „Wir sind auf einem guten Weg dahin.“

Kein Plastik mehr nötig: die Tücher in Aktion

Das Startkapital für Little Bee Fresh stamme von der Imkerei der Familie. Diese sei bereits vor der Tuch-Ausgründung gut gelaufen: „Alle Einnahmen haben wir direkt re-investiert. Wir waren schon nach wenigen Monaten profitabel und sind es immer noch. Derzeit investieren wir unsere Gewinne in weitere Lagerbestände und den Ausbau unserer Betriebs-Abläufe“, sagen sie.

Großkunden noch auf Abstand

Das bislang größte Problem der Tuchmacher: Der Einsatz ihrer Produkte ist noch auf Privathaushalte beschränkt. Wildwax-Macherin Schöpf erzählt, dass sie zwar bereits mehrere Anfragen aus der Gastronomie erreicht hätten, sie diese aber habe ausbremsen müsse: „Dort ist die Regel ganz grob: Verpackungen müssen wegwerf-, nicht abwaschbar sein. Solange sich daran nichts ändert, können Restaurants oder Cafés unsere Tücher nicht nutzen.“

Dabei dürften die Tücher gerade für Catering-Unternehmen oder im Bereich Lebensmittel-Logistik, zum Beispiel für Lieferdienste, interessant sein. Dort fällt üblicherweise viel Plastikmüll an, weil Essen abgedeckt oder transportiert werden muss. Große Supermärkte und Discounter sind da schon schwieriger: Weil die Tücher noch relativ teuer sind, ist das Einwickeln von Käseaufschnitt in Wachs sicherlich erstmal keine Option.

Die Little-Bee-Fresh-Gründerinnen sagen, sie könnten die Nachfrage von Großkunden derzeit gar nicht decken, belieferten bisher aber 30 Einzelhändler. Dass Bienenwachstücher eines Tages auch über den Privathaushalt hinaus eingesetzt werden, halten Rosemarie und Angelika Jürgens für wahrscheinlich: „Die Tücher sind praktisch in der Handhabung und langlebiger als herkömmliche Verpackungen. Vorteile, die auch in der Gastronomie und im Handel relevant sind.“

Deutsche Marken stehen am Anfang

Ein weiterer Tuch-Startup ist Wax Wrap aus Berlin, das allerdings ein relativ kleines Sortiment hat. In Österreich verkaufen die kleinen Unternehmen Beeofix und Jaus’n Wrap die Öko-Tücher. Vorbilder kommen aus Nordamerika: In den USA ist beispielsweise das 2012 im Bundesstaat Vermont gegründete Bee’s Wrap aktiv, das auch in Deutschland über Amazon erhältlich ist. In Kanada entdeckte Abeego-Gründerin Toni Desrosiers das Bienenwachstuch eigenen Angaben zufolge vor zehn Jahren wieder für sich. In über 1.000 Geschäften gibt es die kanadischen Tücher mittlerweile.

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Dass allein im deutschsprachigen Raum gleich mehrere Startups auf das gleiche Nischenprodukt setzen, sieht Wildwax-Mitgründerin Schöpf nicht problematisch: Die Nachfrage sei groß genug, sagt sie. Tatsächlich sind die Anbieter klein und meist so regional ausgerichtet, dass sie sich zumindest vorerst wohl kaum in die Quere kommen dürften.

Essen retten mit Bienenwachs

Anders als herkömmliche Plastikfolie sind Bienenwachstücher generell luftdurchlässig. Es entsteht kein Kondenswasser, was die Lebensmittel weniger anfällig für Schimmel macht. Mit ihren Wachswickeln kämpfen die Anbieter daher auch dafür, dass weniger Lebensmittel weggeworfen werden. Damit reihen sie sich in eine ganze Gruppe an Startups ein, die Essen retten wollen – allen voran Apps wie Too Good To Go oder ResQ Club.

Bei dem Ziel, den Plastikverbrauch zu reduzieren, stehen die Tuchmacher ebenfalls nicht alleine da. So verkaufen etwa die Unverpackt-Läden nur lose Lebensmittel, Kunden müssen ihre eigenen Behältnisse von Zuhause mitbringen. Wie bei den Bienenwachstüchern orientiert man sich hier an einer Zeit, in der Plastik noch kein Thema war. Genau das machen die Öko-Startups vor: Dass Oma es besser wusste – und es manchmal zukunftsweisend sein kann, sich an alten Zeiten zu orientieren.

Bilder: Little Bee Fresh

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