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Steak aus dem Reagenzglas? Dieses israelische Startup hat es geschafft

Im Dezember hat Aleph Farms erstmals Steak vorgestellt, das die Firma im Labor gezüchtet hat. Im Interview spricht der Gründer über die Forschung und den Marktstart.

Drei Wochen braucht es, bis aus einer unscheinbaren Zellkultur ein essbares Stück Fleisch heranwächst. Daran arbeitet das israelische Unternehmen Aleph Farms seit Anfang 2017. Das zwölfköpfige Team versucht in einem Labor in Tel Aviv künstliche Muskelmasse herzustellen, die Rindfleisch ähnelt. Auch ein Koch hilft dabei. 

Gründer und CEO Didier Toubia hat vorher zwei Medtech-Unternehmen geleitet – eines davon hat ein Verfahren entwickelt, das bei der Brustkrebsbehandlung hilft. Seine Mitgründerin Shulamit Levenberg kommt aus der Stammzellenforschung.

An In-Vitro-Fleisch werkelt nicht nur der gebürtige Franzose. Das niederländische Startup Mosa Meat hat 2013 den ersten Hamburger in der Petrischale verköstigt. Andere Forschungsteams versuchen sich an Hähnchen oder Fisch, haben aber bislang noch keine Produkte der Öffentlichkeit vorgestellt.

Im Interview spricht der CEO von Aleph Farms, wie viel Kapital seine gezüchteten Steaks verschlingen und wann das Fleisch auf dem Teller landen wird.  

Didier, wie funktioniert die In-Vitro-Technologie von Aleph Farms?

Das Verfahren basiert auf einem natürlichen Prozess, wie er auch im Körper von Rindern stattfindet. Wir nehmen Zellen von einer lebendigen, gesunden Kuh, ohne sie dabei zu verletzen. Daraus stellen wir eine Zellbank her. Die Zellen werden dann in Bioreaktoren, also Behälter, verlagert, in denen die Umgebung genau so gestaltet ist, als wären die Zellen im Körper des Tieres. Dementsprechend verhalten sich die Zellen auch so, als wären sie in der Kuh und vermehren sich.

Und wie wird das dann zu Fleisch?

Wir haben eine Technik gefunden, wodurch verschiedene Zelltypen zusammenwachsen: also Fettzellen mit Zellen von Blutgefäßen, Muskeln und Stützzellen. Fleisch ist nicht nur eine reine Zellmasse wie sie beispielsweise bei Bouletten auftritt. Fleisch hat ein komplexes Gewebe, eine 3D-Struktur, die die Textur und das Erscheinungsbild ausmachen. Und deshalb entwickeln wir Steaks und keine Burgerpatties. Wir züchten die Zellen auf einem Gerüst heran, ordnen diese Matrix linear an, damit die Zellen am Ende in einem dreidimensionalen Gewebe zusammenwachsen. Das Nährmedium, in dem die Zellen wachsen, beinhaltet kein Serum, also keine tierischen Komponenten, sondern ist eine pflanzliche Masse.

CEO Didier Toubia

Aleph Farms hat im Dezember die ersten Prototypen seines Steaks vorgestellt. Wie geht es jetzt weiter?

Jetzt verlagern wir unseren Fokus auf den Produktionsprozess. Die Prototypen wurden im Labor hergestellt. Aber, wenn wir auf den Markt gehen, können wir das offensichtlich nicht mehr machen. Deswegen bauen wir Biofarmen, also große Anlagen mit Tanks. Ein bisschen wie eine Brauerei.

Wann sollen die ersten Steaks auf den Markt kommen?

Wir wollen in den nächsten zwei bis drei Jahren anfangen, die Biofarmen zu bauen. Dann können wir wahrscheinlich in den nächsten drei bis vier Jahren einen kleinen, limitierten Launch mit zwei Restaurants machen. Und dann braucht es sicher noch bis zu zwei weitere Jahre, um größere Mengen produzieren zu können.

Also sollen die Steaks erst in die Gastronomie gehen?

Wahrscheinlich schon. Und danach in den Handel.

Wie viel wird das Fleisch dann kosten?

Die Steaks, wie wir sie gerade produzieren, sind relativ klein und dünn. Wir arbeiten gerade daran, sie zu vergrößern. Aktuell kostet ein Steak rund 50 US-Dollar. Wenn wir die Produktion vom Labor in die Biofarmen verlagern und damit skalieren, werden die Kosten deutlich runter gehen. Wenn Aleph Farms auf den Markt geht, wird der Preis etwas höher liegen als der von konventionellem Fleisch. Und in ein paar Jahren gleichen sich die Preise hoffentlich an.

Haben die Steaks von Aleph Farms dieselbe Konsistenz und den Geschmack wie richtiges Fleisch?

Die Textur ist sehr ähnlich. Der Geschmack kommt dem von Fleisch auch nahe. Der Geruch, wenn man das Steak brät, ist ziemlich gut. Wir haben aber immer noch eine Lücke, die wir füllen müssen und die braucht weitere zwei Jahre Entwicklungszeit. Das, was wir jetzt haben, ist ein Prototyp und kein fertiges kommerzielles Produkt.

Der Mehrheitseigentümer von Aleph Farms ist die Strauss Gruppe, ein israelischer Lebensmittelhersteller. Ansonsten sind noch VCs wie New Crop Capital und Straydog Capital am Startup beteiligt. Würdest du auch Fleischproduzenten wie Tyson Foods und Wiesenhof als Investor zulassen, so wie es andere In-Vitro-Unternehmen getan haben?

Klar, warum nicht. Für Fleischverarbeiter ist In-Vitro-Fleisch eine großartige Möglichkeit: Es ist standardisiert, Qualität und Preis sind stabil und das Lebensmittel ist nicht kontaminiert. Schlachthöfe oder Bauern zum Beispiel sehen In-Vitro-Fleisch hingegen als Bedrohung. Wobei wir glauben, dass unsere Produkte ein Anstoß für die Industrie sind, zurück zu traditionellen und nachhaltigen Methoden zu gehen. Beide Varianten können nebeneinander bestehen. Da sehe ich keine direkte Konkurrenz. 

Wie viel Kapital benötigt Aleph Farms noch, um auf den Markt gehen zu können?

Wir sammeln gerade Geld von US-amerikanischen und asiatischen Investoren ein. Und dann brauchen wir wahrscheinlich noch eine Finanzierungsrunde. 

Das heißt, wie viel wird eure Forschung gekostet haben – vom Start bis zum Markteintritt?

Wahrscheinlich einen zweistelligen Millionenbetrag. Um weiter skalieren und den globalen Markt erschließen zu können, kommt wohl noch mehr obendrauf.

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Wird Aleph Farms jemals schwarze Zahlen schreiben können?

Natürlich. Wahrscheinlich ein paar Jahre nach dem Launch, also in fünf bis zehn Jahren.

Wie kann ich mir euer Labor vorstellen – klinisch weiß, steril und die Mitarbeiter in Kitteln?

Unser Arbeitsplatz unterscheidet sich nicht von anderen Fleischproduzenten. Dadurch, dass unsere Technologie aus der Medizin stammt, verantwortet das auch ein höheres Level an Sauberkeit und Sicherheit. Aber wenn wir irgendwann in die Biofarmen ziehen, verändert sich das auch.

Es gibt häufig Diskussionen darüber, ob In-Vitro-Fleisch vegan ist oder nicht. Wie ist deine Meinung dazu?

Das ist eine gute Frage. Wir wollen zuerst einmal nicht den veganen Markt anpeilen, sondern schon auf den Fleischmarkt gehen. Andererseits sollen auch Veganer unser Fleisch essen können. Darum sprechen wir auch mit Veganer-Vereinen, um ihre Anforderungen besser verstehen zu können. Und meistens heißt es nur, dass keine Tiere verletzten werden sollen. Deswegen glaube ich, dass viele Veganer In-Vitro-Fleisch essen würden. Aber am Ende des Tages ist es eh eine persönliche Entscheidung.

Bilder: Aleph Farms

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