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Thelen-Investment und neuer Name – das wurde aus der Flasche mit Fake-Geschmack

Die Münchner Air-up-Gründer haben sich prominente Investoren in die Gesellschaft geholt. In den nächsten Monaten wollen sie Zehntausende ihrer Trinkflaschen verkaufen.

Für Fabian Schlang und seine vier Mitgründer ist es der Tag, auf den sie seit drei Jahren hingearbeitet haben. An diesem Montag startet das Team offiziell mit dem stationären Verkauf seiner Trinkflasche Air Up, die das gleichnamige Startup entwickelt hat. Online war das Produkt vorab unter anderem bei Amazon erhältlich. Dort schwärmen Rezensenten von einer „tollen Erfindung“, die anderen schreiben, sie hätten „mehr erwartet“. Was soll man schon von einer Trinkflasche erwarten?

Dazu muss man wissen: Das Münchner Startup hat eine Flasche entwickelt, die Wasser mit Aroma „beduftet“. Wer daraus trinkt, bildet sich Geschmack ein, während das Wasser keine Zusätze enthält. Wie das geht? Eine austauschbare Aromakapsel (Pods) am Mundstück lässt den darin enthaltenen Duft beim Trinken durch die Nase strömen. Dadurch entsteht der Eindruck, das Wasser schmecke zum Beispiel nach Limette. Mitgründerin Lena Jüngst präsentierte Gründerszene und NGIN Food die Entwicklung schon Ende 2017.

Seitdem ist viel passiert, zweimal hat sich das Startup umbenannt, von Joyce in Ten-ace und schließlich in Air Up. Unbemerkt sind Ralf Dümmel und Frank Thelen über ihre Beteiligungsgesellschaften DS Invest und Freigeist Capital eingestiegen, außerdem der Getränkevermarkter und Investor Christoph Miller sowie der ehemalige Blackberry-Deutschlandchef Markus Müller. Wie viel Kapital Air Up von den Investoren erhalten hat, will Mitgründer Schlang im Gespräch mit Gründerszene und NGIN Food nicht sagen. Es habe sich um eine „sehr übliche Seed-Runde“ gehandelt, womit er vermutlich eine Summe im hohen sechsstelligen bis niedrigen siebenstelligen Bereich meint.

Flasche aus Asien, Aroma aus Deutschland

Ursprünglich wollte Air Up schon 2018 seine Flasche auf den Markt bringen. Doch der Start verzögerte sich: „Durch unser Investoren-Setup hatten wir die Möglichkeit, die Produktentwicklung viel ausführlicher anzugehen und den Aufschlag viel größer zu machen, als wir ursprünglich dachten“, sagt Schlang. Air Up ist ab heute unter anderem bei Real gelistet. Außerdem sei die Flasche demnächst in Edeka-Filialen, bei Rewe und anderen Händlern verfügbar, so das Startup. Bis Anfang September soll sie an 5.000 bis 6.000 Points of Sale (PoS) stehen. Zum Vergleich: Die Produkte des Berliner Spenden-Startups Share standen zum Marktstart im März 2018 ebenfalls in 5.000 Filialen von Rewe und Dm. Eine ungewöhnlich hohe Zahl, da für Startups der Schritt in den Einzelhandel üblicherweise schwierig ist.

In deutschen Büros klafft eine riesige Wasser-Lücke

Startups werben gern mit Freigetränken für Mitarbeiter. Doch nicht überall sind Arbeitnehmer gut mit Wasser oder Kaffee versorgt. Ein Bereich überrascht besonders.

Zu bisherigen Verkaufszahlen will sich Schlang nicht äußern. In einer ersten Phase sollen aber 80.000 Flaschen und eine Million Duft-Pods verkauft werden. Bis Ende dieses Jahres sei ein „mittlerer einstelliger Millionenumsatz“ angepeilt. Die Flasche kostet zusammen mit fünf Duft-Pods knapp 30 Euro.

Der Suchbegriff Trinkflasche ist beispielsweise bei Amazon hart umkämpft. Auf sieben Seiten werben Anbieter um Käufer. Wie viele der dort vertretenen Hersteller lässt auch Air Up seine Flaschen in Asien produzieren. Aromen und Trägerstoff, die in den Kapseln stecken, stammten aus Deutschland, heißt es. Vor Nachahmern will sich das Startup mit Patenten schützen, die es angemeldet hat.

Nicht ohne Plastikmüll

Wiederbefüllbare Trinkflaschen gelten als umweltfreundlich, weil Einwegflaschen aus Plastik gespart werden. Auch Air Up wirbt damit, das Trinkverhalten seiner Nutzer durch den Verzicht auf Inhaltsstoffe wie Zucker und die Langlebigkeit der Flasche „gesund und nachhaltig“ verändern zu wollen. Eine Aromakapsel reichten für rund fünf Liter Wasser. Durch sie entsteht aber auch Plastikmüll, pro Pod bis zu sieben Gramm. Zum Vergleich: Eine leere Einweg-Kaffeekapsel wiegt zwischen einem und drei Gramm, eine einzelne leere 1,5-Liter-PET-Flasche bis zu 35 Gramm.

Durch eine Kapsel würden circa fünf Kunststoffflaschen eingespart, deren Inhalt ein „vergleichbares Geschmackserlebnis“ böte, so Mitgründer Schlang. Gemeint sind zum Beispiel Wässer mit Geschmackszusätzen wie Apfel oder Kirsche, die meist Zucker oder Zuckerersatzstoffe enthalten. Auch im Transport sparten sie Platz und damit Emissionen gegenüber herkömmlichen PET-Flaschen. Trotzdem gibt er sich einsichtig: „Wir wissen, dass wir leider noch nicht kompromisslos nachhaltig sind.“ Man arbeite daran, hier besser zu werden, sagt der Gründer.

Das Startup Mitte darf sein Wasser nicht mehr gesund nennen

Seit drei Jahren tüftelt das Berliner Startup Mitte an einer Maschine, die Leitungswasser aufbereiten soll. Jetzt darf es sein Wasser nicht mehr gesund nennen.

Während sich Wasser mit Zitronen- oder Pfirsichgeschmack mit frischen Früchten zuhause relativ einfach (und müllfrei) nachmachen lässt, ist das bei anderen möglichen Geschmacksrichtungen von Air Up schwieriger. Schlang kündigt etwa „Weihnachtsaromen“ an. Wasser, das nach Glühwein, Spekulatius oder Vanillekipferl schmeckt, wäre dann tatsächlich sehr ungewöhnlich.

Das Gründerteam: Fabian Schlang, Tim Jäger, Lena Jüngst, Simon Nüesch, Jannis Koppitz (von links)

Bilder: Air up; In der ersten Version des Artikels stand, dass fünf Aromakapseln fünf Liter Wasser beduften sollen. Tatsächlich reicht dafür laut Startup eine Kapsel. Wir haben die betreffende Stelle angepasst (5. August 2019, 17:59 Uhr).

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