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„Es geht uns zu gut!“

Ulrich Kerber, Fabian Siegel, Hannah Scherkamp, Hanni Rützler und Tilo Hühn auf der Bühne der NGIN-Food-Konferenz (von links)

Die Digitalisierung bringt uns Lebensmittel auf Knopfdruck. Doch was wollen wir in Zukunft eigentlich essen? Fest steht: Wie bisher kann es nicht weitergehen.

Alles kaufen per Knopfdruck – und es dann in einer Stunde geliefert bekommen. So werden auch der große Teil derer, die es heute vielleicht noch nicht tun, bald einkaufen. Neuer Kopfhörer, Klopapier, einen Kasten Wasser – alles kein Problem.

Auch Essen kaufen wir nicht mehr selber ein. Das lassen wir uns längst vom Italiener unseres Vertrauens per App liefern. Ob wir es zugeben oder nicht, für uns bedeutet das vor allem eines: Bequemlichkeit. Keine Umwege auf dem Nachhauseweg. Kein Anstehen im Supermarkt. Und wer geht schon bei Regen gerne in der Mittagspause vor die Tür?

Aber selbst diese moderne Welt ist schon fast wieder eine alte. Denn wir wollen mehr. Frische Lebensmittel. Selber kochen. Nur bitte, bequem soll es eben sein. Besonders – aber nicht nur! – für den Großstädter gibt es von Marley Spoon über HelloFresh bis hin zu den Lieferdiensten einiger Supermarktketten längst Angebote, die auch das möglich machen wollen.

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Das ist eine Entwicklung, die ganz wunderbar das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet. Wir sind nämlich sehr verzogene Konsumenten. Wir wollen alles! Sofort! Und dann noch preiswert und in guter Qualität. Bei den letzten beiden Anforderungen haben wir uns in der Vergangenheit allzu gerne vom Konsum-Teufelchen bezirzen lassen und unser Geld lieber für etwas anderes ausgegeben. „Uns geht es zu gut!“, fasst es Hanni Rützler, Gründerin des Futurefoodstudio auf der Konferenz von NGIN Food zusammen.

Und sie hat Recht. Früher waren Erdbeeren etwas Besonderes, heute wollen wir sie immer haben. Gleiches gilt für Fleisch, das in seiner Herstellung resourcenfressendste aller Lebensmittel. Rützler erkennt an, das sich die Einstellung langsam ändert. „Alles wird heute hinterfragt. Unser Essen darf eigenwilliger sein, aber trotzdem muss es schnell gehen.“ Dennoch fordert sie, mehr in Kreisläufen als in Produktionslinien zu denken – auch wenn es auf die Kosten der Bequemlichkeit geht.

Mit Marley Spoon versucht Gründer Fabian Siegel genau diesen Spagat, wie er auf der Bühne betont: Einerseits wird regional eingekauft, saisonale Mahlzeiten kommen auf den Tisch. Andererseits soll es für den Kunden einfach bleiben. Wichtig ist bei all dem, dass möglichst wenig Essen in der Mülltonne landet. Siegels Theorie: Statt mehr zu produzieren, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren, sollten wir einfach weniger wegwerfen. Und weil es dazu neue Wege der Lebensmittelverteilung braucht, konstatiert er: „Die Art und Weise, wie Supermärkte funktionieren, hat keine Zukunft.“ Künftig werden wir nur das bestellen, was wirklich brauchen. Vermutlich sogar genau portioniert.

Siegels These dürfte etwas überspitzt formuliert sein – der Gründer muss schließlich sein Model verteidigen. Denn bei allem Komfort und Luxus von möglichst individuellen Lösungen, sind diese nicht immer die umweltfreundlichsten. Schließlich hat auch die Standardisierung, darauf pocht Tilo Hühn von ZHAW Life Sciences & Facility Management, hat ihre ganz eigenen Vorteile. Stichwort: Energieverbrauch.

Und dann ist da noch die Realität der Arbeitswelt. Ulrich Kerber erklärt am Beispiel Vodafone, wo er für die Gastronomie zuständig war: „Wenn man 2.600 Mitarbeiter in zweieinhalb Stunden mit Essen versorgen muss, geht es nicht ohne Standardisierung“. Schon gar nicht, wenn der Preis auch niedrig sein soll: Zwei Gänge für gut drei Euro – das habe er bei Vodafone irgendwie hinbekommen müssen.

Abseits von allen technischen Möglichkeiten steht uns Konsumenten also ganz offenbar immer wieder unsere Einstellung zum Thema Essen im Weg. „Die Kunden haben oft weltfremde Anforderungen, denen die Industrie dann irgendwie nachkommt“, fasste Hühn in der Diskussion zusammen. Ob sich das durch die neuen digitalen Möglichkeiten ändern wird? Zumindest nicht ohne Weiteres, auch hier werden Irrwege gegangen. „Heute kann ich meinen Backoffen zwar mit dem Smartphone fernsteuern. Aber ich kann nicht mal mehr Brot backen, wofür Backöfen eigentlich einmal entwickelt wurden“, so Hühn weiter.

Apropos Irrwege: Die sieht Essenforscherin Rützler zwar mitunter auch bei der derzeitigen Rückbesinnung im Food-Bereich. „Die Irrwege braucht es. Uns fehlt die Fantasie, wenn mal kein Fleisch da ist.“

Bild: Chris Marxen / Gründerszene

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