Ein Lebensmittel-Lieferdienst für Ernährungsbewusste

Das Startup Gegessen wird immer liefert Lebensmittel von kleinen Erzeugern. Der Service funktioniert, das Essen schmeckt. Jedermanns Sache ist es jedoch nicht.

Bisher war mein Einkaufsverhalten alles andere als praktisch. Meistens war ich einmal die Woche in einem Supermarkt wie Rewe, um Zutaten für mein Frühstück zu besorgen. Früchte, Haferflocken, Joghurt und Nüsse. Manchmal habe ich noch Lebensmittel für mein Abendessen gekauft, manchmal auch nicht, weil ich nicht planen wollte oder konnte. Die Folge: Ich war nach der Arbeit häufig noch mal beim Supermarkt oder gleich beim Vietnamesen um die Ecke. Manchmal gab es auch gar kein richtiges Abendessen.

Das Berliner Startup Gegessen wird immer hat meine Abendroutine in den vergangenen Wochen komplett verändert. Dreimal habe ich bei dem Lieferdienst nun schon bestellt, immer dienstags. Das junge Unternehmen hat eine große Auswahl an Obst und Gemüse. Es gibt aber auch Käse, Wurst, Brot, Müsli, Nudeln, Tee, Kaffee, Limonade und viele andere Produkte von kleineren Herstellern. Tiefkühlware verkauft das Startup nicht. Auf seiner Seite präsentiert Gegessen wird immer einige dieser Erzeuger in kurzen Porträts. Alle ausgewählten Hersteller seien ihnen entweder persönlich bekannt oder seien ihnen von Experten empfohlen worden, schreiben die Gründer Philipp von Sahr, Friederike Tschacksch und Beatrice von Wrede dort. Das klingt sympathisch.

Bestellen:

Bei Gegessen wird immer kann man nur über die Seite bestellen, es gibt keine App oder Bestellfunktion via Whatsapp. Mich stört das nicht, ich sitze eh viel am Rechner. Die Seite ist übersichtlich und mit hübschen Bildern gestaltet. Ich bekomme sofort Hunger und Lust auf gesundes Essen. Im Vergleich zu Rewe oder MyTime ist die Auswahl sehr klein, es gibt beispielsweise nur zwei Sorten Butter – beide für rund drei Euro. Das ist happig. Auch die anderen Produkte kosten mehr als im gewöhnlichen Supermarkt, sind aber dafür häufig bio oder regional. Die Preise sind vergleichbar mit denen in den meisten Bioläden.

Gegessen wird immer Lebensmittel

Ein Teil meiner ersten Bestellung

Ich wähle eine sogenannte Beziehungskiste mit Gemüse und Obst für 20 Euro aus. Den Inhalt der Kiste kann ich nicht bestimmen, er wird mir aber im Warenkorb angezeigt. Lauch, Tomaten, Kartoffeln, Äpfel, Paprika, Avocado, Bananen, Orangen und eine Mango sind drin. Dazu bestelle ich Porridge von dem Münchner Startup 3Bears, einen Haferdrink, Rinderschinken (70 Gramm für 6,95 Euro!), Naturjoghurt, Quark, Tofu, Pastasoße, Quinoa und Linsen von Reishunger aus Bremen, Apfelschorle und noch etwas Ingwer. Ich lande bei 57,90 Euro. Ganz schön viel für die wenigen Artikel, aber hochwertige Lebensmittel aus der Region sind es mir wert. Ich esse gesund und unterstütze außerdem junge Food-Erzeuger. Der Mindestbestellwert liegt bei 25 Euro, das ist niedriger als beispielsweise beim Rewe-Lieferdienst. Weil ich für mehr als 40 Euro bestelle, ist auch die Lieferung kostenlos. Ich zahle mit Kreditkarte, Paypal und Sofortüberweisung bietet Gegessen wird immer als Bezahlmethode auch an.

Ich gebe meine Bestellung am Dienstag um 11.47 Uhr auf. Da ich in Berlin wohne, kann ich mir das Essen noch am selben Abend liefern lassen. Ich wähle das Zeitfenster zwischen 19 und 21 Uhr. Das finde ich praktisch, ich plane ungern im Voraus. Ich erhalte eine Bestätigung per Mail, um 14:12 folgt eine weitere Mail, die mir versichert, dass meine Bestellung fertig und nun bereit für die Auslieferung ist. Zusätzlich erhalte ich um kurz nach 16 Uhr eine Erinnerungs-SMS von DHL mit den Lieferzeiten. Sehr praktisch.

Liefern:

Gegen 20 Uhr klingelt der DHL-Bote. Der Arme muss zu mir in den vierten Stock hochlaufen, einen Aufzug gibt es in meinem Haus nicht. Der Bote hat zwei große Boxen aus Styropor dabei. Vor meiner Tür öffnet er sie, holt zwei braune Papiertüten hervor und drückt sie mir in die Hand. Die Boxen nimmt er wieder mit. Ich bin erleichtert, was hätte ich mit diesem riesigen Haufen an Styropor anstellen sollen?

In den Papiertüten liegen die meisten Produkte lose drin. Die Tomaten sind in extra Papier verpackt, ebenso wie die Bananen. Die Joghurts und der Quark sind mit Wellpappe umschlossen, genauso wie die Apfelschorle in der Glasflasche. Keine Luftpolsterfolie, kein sonstiges Plastik, keine extra Kartons. Ich bin begeistert! Mit der Bestellung habe ich nur etwas mehr Papiermüll erzeugt als bei einem Einkauf im Supermarkt.

Meiner Bestellung liegt die Rechnung und eine handgeschriebene Notiz bei. Das finde ich charmant – es kann aber nur von einem Startup gestemmt werden, dass nicht Hunderte Kunden am Tag bedient.

Auspacken:

Die Lebensmittel sind alle unbeschadet bei mir eingetroffen, das Obst und Gemüse hat keine Dellen oder braunen Stellen. Nur die Flüssigkeit von dem Tofu, der in dünner Papierfolie verpackt ist, ist leicht durchgesickert. Der Joghurt, der Quark und die Apfelschorle sind gut gekühlt.

Fazit:

Meine erste Bestellung hat mich so überzeugt, dass ich an den darauf folgenden Dienstagen wieder bei Gegessen wird immer eingekauft habe. Vermutlich werde ich es auch künftig tun, wenn ich gerade das Geld übrig habe. Das Obst schmeckt super und auch andere Produkte, beispielsweise der Porridge von 3Bears, haben mir so gut gefallen, dass ich sie gleich noch mal bestellt habe. Im Supermarkt wäre ich auf diese Marken wohl nicht aufmerksam geworden.

Auch das Prinzip der Obst- und Gemüsekiste finde ich gut. Gerade weil ich den Inhalt nicht beeinflussen kann, habe ich mal etwas anderes ausprobiert. Bei meiner zweiten Bestellung waren beispielsweise Rote-Beete-Knollen dabei, die ich vorher noch nie gekauft habe. Nach einer Videoanleitung des Startups Kitchen Stories habe ich sie dann in Alufolie im Ofen zubereitet. Einen Kürbis habe ich zu einer Suppe verarbeitet.

Gegessen wird immer

Die Gründer von Gegessen wird immer

Allerdings hat der Lieferdienst von Gegessen wird immer auch einige Nachteile. Zum einen sind die Produkte teurer als bei Rewe, Lidl, Netto oder Real. Das schreckt vermutlich viele Kunden erst mal ab. Wer das nötige Kleingeld hat, sich gerne gesund ernährt und junge Erzeuger unterstützen will, wird hier fündig. Das Startup spricht definitiv eine eher kleine Kundengruppe an, die bereit ist, mehr Geld für Essen auszugeben und ansonsten häufig im Bioladen oder auf dem Wochenmarkt einkauft. Das macht das Geschäft sicher schwierig.

Zum anderen ersetzt eine Bestellung den Einkauf im Supermarkt nur zum Teil. Viele Produkte gibt es bei Gegessen wird immer nicht. Ich esse beispielsweise gerne Parmesan oder Hüttenkäse. Oder Gnocchi. Oder Salzstangen. All das gibt es nicht in dem Shop. Ein kurzer Abstecher zum Rewe bei mir gegenüber bleibt also nicht aus, allerdings genügt einer pro Woche. Und viel schleppen muss ich dann auch nicht. Vierter Stock ohne Aufzug ist nämlich echt ätzend.

Bild: Hannah Scherkamp / Gegessen wird Immer

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