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Vom E-Commerce-Imperium zum Strohhalm-Startup

Das Investoren- und Gründer-Paar Sebastian Müller und Hannah Cheney

Das Unternehmen, bei dem Sebastian Müller und Hannah Cheney arbeiteten, setzt Millionen um. Trotzdem gaben beide ihre Jobs auf, um Glas-Röhrchen zu verkaufen. Wieso?

2015 entschieden sich Sebastian Müller und Hannah Cheney dazu, umzusatteln. Für die Hochzeitsfeier eines Freundes war das Paar nach Ko Phayam gereist, einer kleinen, dünn besiedelten Insel, die zu Thailand gehört. Straßenverkehr gibt es dort kaum, dafür kilometerlange Sandstrände. Eigentlich ein paradiesischer Ort. Doch Müller und Cheney erschreckte, wie viel Müll im Sand lag. „Jeder zweite Gegenstand war ein Strohhalm“, erinnert sich Müller.

Die Eindrücke des angespülten Abfalls ließen ihn und seine Freundin nicht mehr los: „Als wir später die Zahlen zum Plastik-Trinkhalm-Verbrauch recherchierten, wussten wir: Wir müssen etwas tun“, sagt der heute 35-Jährige im Gespräch mit Gründerszene. Schätzungen zufolge landen allein in Deutschland jedes Jahr rund 40 Milliarden Strohhalme aus Plastik in Cocktail-Gläsern und Cola-Dosen – und anschließend in der Tonne.

Gemeinsam gründeten Müller und Cheney nach dem Erlebnis in Südostasien einen auf nachhaltige Projekte ausgerichteten Company Builder. Das erste Venture daraus: Halm, ein Startup, das Strohhalme aus Glas an Gastronomen und Privatpersonen vertreibt und auf Plastik verzichten möchte. Derzeit nutzen sieben Berliner Restaurants die Röhrchen, heißt es. Den Betreibern verspricht das Startup, dass sie mit den Glas-Halmen Geld und Müll sparen. Das verwendete Glas wird als extrem stabil und bruchsicher beworben. Auf den Geschmack soll sich das Material außerdem positiv auswirken, meinen die Gründer.

Zwei E-Commerce-Fachleute auf Sinnsuche

Mit Nachhaltigkeit in der Lebensmittelbranche hatten vor der Gründung weder Müller noch Cheney zu tun. Beide arbeiteten zum damaligen Zeitpunkt beim Berliner E-Commerce-Anbieter Chal-Tec, einem Hidden Champion, der diverse Onlineshops für Produkte wie Mixer, Lautsprecher und Hanteln betreibt und damit dreistellige Millionenumsätze erzielt.

Müller, der schon während des Studiums Computerspiele im Internet verkaufte, war bei Chal-Tec seit 2006 als Head of Operations unter anderem für die IT verantwortlich, baute das Unternehmen als Geschäftsführer der britischen Tochtergesellschaft Hifi-Tower mit auf. Cheney, eine gebürtige Australierin, verantwortete das Großbritannien-Geschäft von Chal-Tec.

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Die Glas-Strohhalme gibt es in verschiedenen Größen und Formen.

„E-Commerce konnten wir, aber unsere Leidenschaft lag anderswo“, erklärt Cheney den Wechsel. Sie verließ Chal-Tec Mitte 2015, um das gemeinsame Investmentunternehmen Hyperion Invest aufzubauen, das an frühphasigen Startups interessiert ist. Der später gestartete Company Builder Unstoppable Ventures soll eigenen Angaben zufolge ökologisch tragbare Lösungen hervorbringen. Müller trennte sich Anfang 2016 von Chal-Tec, nachdem die Firma einen Teil-Exit hingelegt hatte. Mit der Neuorientierung wollte sich das Paar auch mehr Luft verschaffen: „Wir kommen aus einer Firma, die sehr schnell sehr viel skaliert hat. 16-Stunden-Tage waren für uns irgendwann keine Option mehr“, sagt Müller.

Genug Geld scheinen die zwei in ihren Positionen bei Chal-Tec verdient zu haben, denn derzeit steckt laut eigener Aussage in keinem der drei Projekte externes Kapital. Ob zumindest einer von beiden weiterhin Anteile an Chal-Tec hält, wollen die Gründer nicht sagen.

Für Endverbraucher hochpreisig

Für Halm, das Trinkröhrchen-Startup, wollen Müller und Cheney, die derzeit zwei Mitarbeiter beschäftigen, in Zukunft vor allem Restaurant-Besitzer als Kunden gewinnen. Das soll letztlich auch das B2C-Geschäft beeinflussen: „Nur in Restaurants haben wir Möglichkeit, die Wahrnehmung vieler Menschen langfristig zu verändern“, so Müller.

Produziert werden die Halme laut Müller in Norddeutschland, die mitgelieferte Reinigungsbürste im Erzgebirge. Das unterscheide die eigenen Röhrchen von solchen aus Fernost: „Wir wollen genau wissen, wo unsere Bestandteile herkommen“, meint der Gründer. Für Endverbraucher hat das einen relativ stolzen Preis von knapp 20 Euro für vier Trinkhalme plus Bürste zur Folge. Günstiger sind bei Mehrweg-Halmen etwa solche aus Edelstahl, die es beispielsweise bei Amazon zu kaufen gibt.

Fraglich ist, ob und wie gut sich das Geschäft mit den Mehrweg-Strohhalem skalieren lässt. Müller und Cheney jedenfalls glauben an ihre Idee. Zur Zukunft des Startups kündigt das Paar an, dass es das Geschäft mit den Mehrweg-Strohhalmen eines Tages in andere Hände geben und sich mit seinem Company Builder wieder neuen Themen widmen werde. Sollen auf Halm weitere Firmen aus der Lebensmittelbranche folgen? Details wollen Müller und Cheney nicht nennen, dem Bereich Verbrauchs- und Konsumgüter aber treu bleiben, wie sie sagen. Rein technische Ideen wie damals bei Chal-Tec sollen in den Hintergrund rücken. Ein nächstes, konkretes Projekt werde wohl 2018 an den Start gehen, kündigen sie an. Der Glas-Trinkhalm sei erst der Anfang.

Bild: Sebastian Müller

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