Die schlaflosen Nächte des scheidenden Rewe-Chefs

Sein Job an der Spitze der Lebensmittelkette ist erledigt, findet Alain Caparros. Rewe stehe gut da. Doch auf seinen Nachfolger warten schwere Aufgaben.

Auf dem Podium sitzt ein halbes Dutzend deutscher Manager, wie man sie kennt: Komplett mit Schlips, Business-Hemd, blauem Anzug. Zwei fallen aus dem Rahmen, einer mit offenem Hemd und grau meliertem Dreitagebart: Rewe-Chef Alain Caparros.

Und einer mit offenem Hemd, aber glatt rasiert: Lionel Souque, sein Nachfolger. Beide haben diesen charmanten, gut gelaunten französischen Akzent: „Guten Morgen, verehrte Damen und ’erren.“ Er verdeckt, dass sie knallharte Geschäftsleute sind.

Caparros hat Rewe in mehr als einem Jahrzehnt gründlich stabilisiert. Als er übernahm, taumelte die genossenschaftliche Gruppe durch die Nachwehen einer Serie von Korruptionsaffären und staatsanwaltlichen Ermittlungen. Jetzt steht Deutschlands zweitgrößter Lebensmittelhändler mit seinen 325.727 Beschäftigten auch nach dem Urteil von Außenstehenden gut da, wenn auch nicht makellos.

„Mein Job ist getan“, befand Caparros am Dienstag in Köln auf seiner letzten großen Präsentation der Rewe-Ergebnisse. Er geht vorzeitig, zur Jahresmitte, auf der Höhe des Erfolgs. Das ist auch in Sachen persönliche Lebensplanung strategisch schlau.

Kaum ein Wort zu Edeka

Caparros’ Fazit fällt nicht auftrumpfend aus, aber äußerst selbstbewusst: „Ich finde, die Rewe-Group und ihre Unternehmen stehen heute exzellent da.“ Schon 2015 sei „hervorragend“ gelaufen, das vergangene Jahr noch besser. „Deshalb ist 2016 tatsächlich ein Jahr neuer Rekorde.“ Falsche Bescheidenheit, sagt Caparros selbst, sei nicht so sein Ding.

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Erstaunlich still bleibt er zunächst zu seinem wohl kraftraubendsten Projekt, dem jahrelangen Kampf mit Edeka-Chef Markus Mosa um Kaiser’s Tengelmann. Er überlässt es seinem Finanzvorstand Christian Mielsch, zu berichten, dass die 64 Kaiser-Geschäfte, die er dem Marktführer Edeka gegen den erklärten Willen des Bundeswirtschaftsministers abgetrotzt hat, inzwischen mit neuen Namen und dem Firmendesign ausgestattet sind.

Caparros wollte sich diesen Brocken von insgesamt über 400 Läden um keinen Preis komplett von Mosa vor der Nase wegschnappen lassen und kämpfte mit allen Mitteln dagegen – von Verbalattacken („Teufel“) bis zu Prozessen und nächtlichen Verhandlungsrunden.

Erst auf Nachfragen gesteht Caparros jetzt ein, dass ihm die Auseinandersetzung gelegentlich schlaflose Nächte bereitet hat. Nicht einmal von einem großen Erfolg will er reden: „Wir haben gemacht, was machbar war.“ Eines habe er aus dem Fall gelernt: Dass er in der Politik keine Karriere hätte machen können: „Ich habe nicht die Geduld dafür.“

Doch Rewe hätte ohne die Filialen, fast alle davon in Berlin, wohl den Anschluss an den Marktführer im Schlüsselmarkt der deutschen Hauptstadt verloren. Davon ist er überzeugt.

Keine Belehrungen vom Vorgänger

Nun also Souque. Es ist ein Generationswechsel. Der neue Mann ist 45, geboren in Paris, dort hat er auch seinen ersten Business- und Management-Master gemacht. Aber er hat auch einen Titel als Diplom-Betriebswirt aus Reutlingen. Vor allem ist er ein Rewe-Eigengewächs.

Seit gut 20 Jahren im Unternehmen, seit 15 Jahren im Führungskader, seit zehn Jahren im Vorstand. Gute Ratschläge über seine wichtigsten Aufgaben will Caparros ihm nicht erteilen, jedenfalls nicht vor Publikum. Er hasse das, wenn Chefs noch kurz vor dem Weggang Belehrungen verteilten: „Lionel weiß schon genau, was er zu machen hat.“

Einige der Baustellen für den neuen Mann sind auch von außen erkennbar. Er muss ein hohes Wachstumstempo beibehalten. So stieg der Konzernumsatz im vergangenen Jahr um fünf Prozent auf 45,6 Milliarden Euro. In Deutschland habe Rewe nach Zahlen unabhängiger Marktforscher wie der GfK „wieder einmal“ an der Spitze des Wachstums im Lebensmitteleinzelhandel gelegen.

„Wir schlagen Edeka“, sagt Caparros – an dieser Stelle kann er sich den Seitenhieb denn doch nicht verkneifen. Aber es half auch Rückenwind durch das gute Konsumklima in Deutschland, gesteht der scheidende Chef ein: Wenn die Verbraucher keine Zinsen fürs Ersparte bekämen, gäben sie eben schon mal ein paar Euro mehr für eine gute Flasche Wein und ein größeres Steak aus.

Auf Konzernebene poliert der Zukauf des Europa-Geschäfts von Kuoni die Zahlen optisch auf. Es wurde 2016 erstmals für ein ganzes Jahr in den Rewe-Abschluss eingerechnet. Auch der Gewinn sieht nur auf den ersten Blick blendend aus. Im laufenden Geschäft schnellte das Konzernergebnis (Ebitda) zwar von 616 Millionen auf 997 Millionen Euro hoch – ein Plus von 67 Prozent, und der Jahresüberschuss stieg unter dem Strich um gut ein Fünftel auf 463 Millionen Euro.

Nur ein bisschen Angst vor Amazon

Doch dazu trugen „deutlich positive Sondereffekte bei“, wie Mielsch erklärte. Unter anderem habe es kräftige Umsatzsteuererstattungen gegeben, weil der Fiskus nach einem Urteil des EU-Gerichts jahrelang zu viel kassiert hatte und 80 Millionen zurückzahlen musste. Ohne solche Sondereffekte hätte das Ergebnis laut Mielsch etwa auf dem Niveau des Vorjahres gelegen.

Unter der Rekordzahlenflut schimmern weitere Schwachstellen hervor: Zwar schreibt die Discount-Tochter Netto nach Rewe-Angaben endlich schwarze Zahlen, dafür schwächelt die Baumarkt-Linie toom. Ihr Umsatz schrumpfte 2016 um 1,5 Prozent, etliche Filialen wurden dichtgemacht. Auch die Touristik-Tochter DER bekam zu spüren, dass 2016 ein Jahr der weltpolitischen Spannungen und Krisen war.

Doch schaut man auf das Gesamtbild, ist Rewe aus Sicht des Managements gut in Schuss. Um die 6000 Arbeitsplätze habe man 2016 im In- und Ausland geschaffen, die selbstständigen Kaufleute der Gruppe steigerten ihre Verdienste, die Investitionen sollen 2017 nochmals um 100 Millionen auf 1,7 Milliarden Euro erhöht werden.

Für den Eintritt von Amazon in den deutschen Markt mit frischen Lebensmitteln sieht Rewe sich vorbereitet – jedenfalls besser als die Konkurrenz. Der eigene Online-Vertrieb setze inzwischen rund 100 Millionen Euro um, schreibe aber weiter Verlust, musste Souques künftiger Vize Jan Kunath eingestehen. „Angst vor Amazon“ habe man nicht, „aber Respekt“.

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Es ist dann doch Caparros, der das Bild für die vielleicht wichtigste Herausforderung einordnet. Der Online-Handel mit frischen Lebensmitteln sei „ein ganz schwieriges Format“ nicht zuletzt in logistischer Hinsicht – aber man könne es nicht verdrängen.

„Für Amazon ist es ein Randgeschäft“, sagte Caparros. Der Online-Riese habe es mit seinen Lebensmittellieferungen auch auf Kundendaten abgesehen, die er anders nicht kriegen könne. Lebensmittelkäufe verraten viel über die Kunden, vom Lebensstil über Zahl und Alter der Familienmitglieder bis zu den Zeiten, in denen sie zu Hause sind.

Von solchen Erkenntnissen könne dann das ganze Amazon-Geschäft profitieren, meinte Caparros: „Wenn sie es schaffen, Lebensmittel zu liefern, werden sie auch Vorteile im Non-Food-Geschäft haben.“ Stimmt diese Diagnose, wäre Amazon wegen solcher indirekten Vorteile womöglich eher zu Preiszugeständnissen bei Lebensmitteln bereit als andere – und würde die Messlatte im Wettbewerb mit Platzhirschen wie Rewe, Aldi oder Edeka noch höher legen.

Nichts mit Lebensmitteln

Rewe mag derzeit noch Lehrgeld im Online-Geschäft zahlen, aber andere müssen überhaupt erst mal so weit kommen, ist Caparros überzeugt. Auch ansonsten stimme die Strategie: „Ich glaube, dass wir eine gute Zukunft haben.“

Dafür soll ab dem 1. Juli Souque sorgen, 18 Monate früher als zunächst geplant. Doch Caparros sagt, er wolle nicht zu denjenigen gehören, die erst zu spät bemerken, dass sie nicht mehr ins Unternehmen passen. Umbau und Anpassung des Unternehmens seien schneller gelaufen als geplant. Und bei Souque sei der Laden in guten Händen.

Was soll er auch sonst sagen? Beide Manager haben viel gemeinsam, nicht nur ihre modische Nonchalance, sondern – trotz französischen Zungenschlags – eine starke Bindung zu Deutschland. Souque ist sogar Aufsichtsratschef des 1. FC Köln.

Caparros kann sich manchmal zu richtigen Elogen auf die Vorzüge der Alemannen gegenüber seinen Landsleuten steigern, während er über seine Heimat und die politische Szene dort schon mal verzweifelt. „Wenn ich mir anschaue, was derzeit in Frankreich passiert, bin ich froh, dass ich in Deutschland bin“, sagte er am Rande der Zahlenpräsentation.

Jedenfalls habe er beide Pässe in der Tasche, und mit einem Bein wolle er auf jeden Fall im Land der Deutschen bleiben. Was er da machen wolle, dazu liefen „nette Gespräche“. Nichts mit Lebensmittelhandel jedenfalls.

Dieser Artikel erschient zuerst auf Welt.de 

Bild: Getty Images / Matthias Kern

 

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